Seit 1500 Jahren ein Bestattungsort: die Sülchenkirche

Die Sülchenkirche hat eine neue Bischofsgruft und ein kleines Museum mit bedeutenden Fundstücken

Von Gert Fleischer

Wenn Bischof Gebhard Fürst nach fünfeinhalb Jahren Grabungs- und Bauzeit die Rottenburger Sülchenkirche wieder einweiht, hat die Domgemeinde St. Martin nicht nur endlich ihre Friedhofskirche wieder, sondern unter ihr eine neue Grablege für die Diözesanbischöfe und ein kleines Museum als Außenstelle des Diözesanmuseums.

Die Sülchenkirche hat eine neue Bischofsgruft und ein kleines Museum mit bedeutenden Fundstücken

Melanie Prange, Leiterin des Diözesanmuseums, erläutert im Untergeschoss der Sülchenkirche die Mauerreste der Vorgängerbauten. Bilder: Sommer

Spektakuläre Funde bei der Renovierung führten zu erheblichen Verzögerungen, aber auch zu einem Bedeutungsgewinn für die Sülchenkirche.

Vor sechs Jahren sprach Dompfarrer Harald Kiebler noch von Notsanierung: Die Kirche war an vielen Stellen feucht, in der Bischofsgruft stand nach Regen das Wasser bis zu sechs Zentimeter hoch. Der damals beauftragte Architekt Georg Eckert aus Bieringen rechnete mit einem halben Jahr Bauzeit und gut 1 Million Euro Kosten. Daraus wurden 5,8 Millionen Euro, wie Dietmar Krauß, der Finanzdirektor der Diözese, berechnete. Davon trägt die Diözese 92,5 Prozent. Aus dem Ausgleichsstock der Kirchengemeinden kommen 6 Prozent. Die Kirchengemeinde St. Martin hat lediglich 1,5 Prozent oder 87000 Euro zu tragen.

Schon die ersten Arbeiten an der Gruft ließen das durchfeuchtete Mauerwerk bröseln. Als die Archäologen ihr Werk begannen, wurde klar, was niemand erwartet hatte: Es bahnten sich sensationelle Erkenntnisse an. Längst nicht alle Funde sind ausgewertet, aber die Experten sind sich sicher: Die um 1450 erbaute Sülchenkirche steht auf Fundamentresten mindestens zweier Vorgängerkirchen: einer dreischiffigen romanischen Apsidenkirche, die aufs 9. Jahrhundert zurückgeht, und einer frühmittelalterlich-karolingischen Kirche aus der Zeit um 750. Außerdem fanden die Fachleute eine Glockengrube etwa aus dem Jahr 1000. Dort wurden Glocken gegossen mit einem Durchmesser bis zu 90 Zentimetern – für die damalige Zeit außergewöhnlich groß.

Beate Schmid von der Landesdenkmalpflege berichtete beim gestrigen Pressegespräch von seit 1982 immer wieder nötigen Rettungsgrabungen in der mittelalterlichen Siedlungswüstung Sülchen, erzwungen von heutigen Bauvorhaben. Auf diese Weise musste sich das Landesamt für Denkmalpflege intensiv mit diesem Ort beschäftigen, der die römische Siedlung Sumelocenna ablöste und der selbst in der spätmittelalterlichen, Ende des 13. Jahrhunderts gegründeten Stadt Rottenburg aufging.

Die Sülchenkirche ist das einzige über der Erde erhaltene Relikt der Siedlung Sülchen, jedoch genutzt als Friedhofskapelle und Grablege der Bischöfe. Deshalb, sagte Schmid, schien es aussichtslos, auf eine archäologische Grabung zu hoffen an diesem Zentrum Sülchens. Doch als 2011 die Sanierung und kleine Erweiterung der Bischofsgruft beschlossen wurde, war eine erste vorsichtige Grabung im Bereich des Chores möglich. Die aufgedeckten Reste einer Mittel- und einer Seitenapsis machten klar, dass diese Vorgängerkirche keinesfalls nur eine Dorfkirche war, so Schmid.

Unter dem Boden der Sülchenkirche fanden die Archäologen 80 Gräber aus verschiedenen Epochen (insgesamt wurden mehr als 300 Bestattungen aufgedeckt). Sie sind nur Teil eines größeren, noch nicht erschlossenen Gräberfelds unter dem heutigen Friedhof. Drei der Gräber ließen sich Priestern zuordnen. In einem etwa ums Jahr 600 angelegten Grab einer jungen Frau fand sich als Beigabe ein Radkreuz. Die Experten werten es als Beleg, dass die Alamannen in der Region, zumindest die Oberschicht, zu dieser Zeit Christen waren. Seit 1500 Jahren werden in Sülchen ohne Unterbrechung Christen begraben.

Der Wunsch der Denkmalpfleger, die archäologischen Kulturdenkmale nicht nur zu dokumentieren, sondern auch zu erhalten, fand bei Bischof Gebhard Fürst und Dompfarrer Harald Kiebler „großes Verständnis“, sagte Schmid. 1868/69 noch, als die Grablege für die Bischöfe der jungen Diözese in der Sülchenkirche eingebaut wurde, wurden laut Schmid „archäologische Befunde nahezu unbeobachtet zerstört“.Die Bischofsgruft wurde an anderer Stelle unterm Kirchenboden neu geplant, so dass die ganze Kirche ausgegraben werden konnte. Wegen weiterer überraschender Erkenntnisse kamen die Archäologen erst Ende April dieses Jahres zum Abschluss. Die Folgearbeiten samt Restauration der Funde dauern an. Deshalb sei es ein Zwischenergebnis – „wenn auch ein hoffentlich gut fundiertes!“ – das von heute an der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Auf Bischof Fürsts Initiative kam es zu einer musealen Darstellung der Grabungsergebnisse. Die Apsidenkirche stellte sich als dreischiffige Basilika heraus. Die Fachleute vermuten, dass Graf Hesso, der 1007 seinen Sitz nach Sülchen verlegte, den Bau der repräsentativen Kirche veranlasst hatte. Sie entstand um eine kleine frühmittelalterliche Rechteckkirche herum, in der zwischen 640 und 680 ein Mann bestattet worden war. Diese kleine Kirche ist nach heutiger Kenntnis im Gebiet Baden-Württembergs eine der frühesten Steinkirchen überhaupt. 300 Jahre diente sie Sülchen als Pfarrkirche, umgeben von einem dicht belegten Friedhof.

Außergewöhnlich ist es, wie Schmid erklärte, dass diese erste Kirche auf einem Friedhof aus der Merowingerzeit errichtet wurde. Hier und auch in anderen Punkten gebe es noch Forschungsbedarf. Deshalb sei es „gewagt“, die vorläufigen Ergebnisse öffentlich zu zeigen. Doch die Denkmalpfleger glauben, „diese höchst spannenden Zwischenergebnisse gut begründen zu können“. Sie hoffen zudem, dass die Ausstellung das Interesse an den überregional bedeutenden Grabungsergebnissen der Sülchenkirche lebendig hält und weitere Forschungen anstößt.

Melanie Prange, die Leiterin des Rottenburger Diözesanmuseums, hat jetzt eine Außenstelle in Sülchen. Sie erläuterte die verschiedenen, ineinander gehenden Mauerreste bis hin zu den Relikten der bisherigen Bischofs-Grablege. In diese steinerne Landschaft der Torsi und Fragmente strahlt bei Führungen eine multimediale Projektion, die Grundrisse und einzelne Funde darstellt. Dabei trauten sich die Macher des Stuttgarter Büros Jangled Nerves auch Visualisierungen, die wissenschaftlich orientierte Betrachter als Kitsch bezeichnen werden, die aber fachlich weniger vorgebildeten Menschen Freude bereiten dürften.

Es gibt zwei kleine Ausstellungskammern. Eine enthält Grabbeigaben des frühen Mittelalters. Illustrationen machen die Verwendung der Kleidungsstücke, des Schmucks oder der Waffen nachvollziehbar. Die zweite Vitrine zeigt barocke Grabfunde. Die Sülchener Funde wurden dem Bestand des Archäologischen Landesmuseums Konstanz übereignet. Das wiederum überlässt die hochrangigen Exponate der Diözese dauerhaft als Leihgabe.

Bischof Gebhard Fürst sagte, es sei durch die Arbeiten und Erkenntnise der vergangenen gut fünf Jahre gelungen, den Ort Sülchen stärker ins Bewusstsein der Diözese zu heben. Sülchen sei mit seiner weit in die Geschichte zurückweisenden Kirche ein Glaubenszeichen, dessen Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden könne. Fürst: „Nach fünf Jahren Graben, Forschen, Sanieren und Bauen ist nun in Sülchen ein historisch-religiöses Ensemble zu sehen, das weit und breit seinesgleichen sucht.“

Für Dompfarrer Harald Kiebler ist der heutige Tag der Wiedereinweihung ein Freudentag: „Die Sülchenkirche tritt aus dem Schatten ins Licht.“ Trotz ihrer beeindruckenden Vergangenheit sei sie meist als Friedhofskirche wahrgenommen worden. Kiebler kündigte an, dass die Kirchengemeinde künftig mindestens ein Mal pro Woche einen regulären Gottesdienst in der Sülchenkirche feiert.

Der Pfarrer beschrieb die Renovierung der Oberkirche. Der neue Bodenbelag aus Gauinger Travertin sei der gleiche wie im Martins-Dom. Damit sprächen die Mutterkirche in Sülchen und die Domkirche eine einheitliche Sprache. Das Bregenzer Architekturbüro Cukrowitz-Nachbaur habe der aus Stampflehm geformten Gruft mit ihren 28 Kammern „eine würdige, archaisch anmutende Raumschale“ gegeben.

Es gab einige Umgestaltungen in der Kirche. Ältester Bestandteil der Innenausstattung ist der Taufstein aus dem 13. Jahrhundert. An der Nordwand wurde das 1686 gemalte, großformatige Bild „Auferweckung des Lazarus“ gehängt, das auch Porträts der Familie von Hohenberg zeigt und das seit 1955 in der Ehinger Konviktskirche hing. Neu ist ein Bild des heiligen Meinrad, der nachweislich in Sülchen geboren wurde. Der Rottenburger Silberschmied Hans-Joachim Bleier schuf ein Kreuz, das eine Reliquie des Heiligen enthält – ein Geschenk des Abts von Einsiedeln, der zur Eröffnung kommt.


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04.11.2017 - 08:20 Uhr