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Psychologie

„Die Stunden auf dem Sofa genießen“

Mit der Umstellung der Uhr am Sonntag naht die dunkle Jahreszeit. Gegen den Herbstblues rät der Fachmann zu Strukturierung des Alltags, Licht, Luft, Bewegung und einer positiven Einstellung.

28.10.2017
  • GUDRUN SOKOL

Berlin. Dunkelheit, Nebel, Nässe, Kälte und am Sonntag auch noch die Umstellung auf Winterzeit: Die Herbst- und Wintermonate setzen vielen Menschen zu. Woher das kommt, was dagegen hilft und warum eine echte Depression etwas völlig anderes ist, erklärt Arno Deister, Arzt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychosomatik.

Worin unterscheidet sich der Herbstblues von einer Depression?

Arno Deister: Die Unterscheidung zwischen Herbstblues und Herbstdepression ist ganz wichtig. Sonst würde die echte Depression schlicht und einfach verharmlost. Hierbei handelt es sich um eine Krankheit, bei der der Stoffwechsel verändert ist – und zwar unabhängig von der Jahreszeit und äußeren Faktoren wie Licht, Wetter oder Wärme. Bei einer echten Depression ist der gesamte Organismus betroffen. Sie kommt aus sich heraus und kann auch in der schönsten Jahreszeit ausbrechen. Tatsächlich ist dies häufig im Mai der Fall. Dagegen muss man beim Winter- oder Herbstblues eher von einer Befindlichkeitsstörung sprechen, die zwar durchaus belastend sein kann, aber eben rein reaktiv ist.

Was sind die Haupt-Auslöser für die trübe Stimmung?

Die Kälte, das Wetter, das ganze Grau in Grau sind Faktoren. Vor allem aber die Lichtsituation, also das weniger werdende Tageslicht, das ja auch die Hormonproduktion und damit den Stoffwechsel beeinflusst. Hinzu kommen kulturelle Faktoren: zum Beispiel die Häufung von Gedenktagen wie Volkstrauertag und Totensonntag, die ja nicht ohne Grund alle im November liegen. Da gibt es natürlich Wechselwirkungen.

Welche Bedeutung hat dabei die Umstellung auf Winterzeit, nach der es ja abends noch eine Stunde früher dunkel wird?

Dafür wird es ja auch morgens eine Stunde früher hell! Tatsächlich ist aber jede Veränderung der Zeitstruktur kritisch. Ein Stressfaktor, der dann zu den anderen, üblichen Stressfaktoren dazukommt. Die innere Uhr muss verstellt werden. Im Urlaub – sofern dieser mit einer Zeitverschiebung verbunden ist – empfinden wir das als nicht schlimm, manchmal sogar als angenehm, weil Urlaub ja positiv besetzt ist. Anders bei der Uhr-Umstellung im Alltag.

. . . nach der es ab Sonntag eher dunkel wird und damit die Tage – zumindest gefühlt – kürzer werden.

Tatsächlich wird der Sonntag aber erst einmal eine Stunde länger, hat also 25 Stunden, was unserem natürlichen Rhythmus näherkommt als der 24-Stunden-Tag. Isolations-Experimente belegen diesen Effekt, wonach sich der menschliche Organismus ohne äußeren Zeitgeber langfristig auf einen Rhythmus von etwa 25 Stunden einstellt.

Weshalb es im Frühjahr umso schlimmer wird mit einem dann nur 23 Stunden langen Sonntag?

Länger wach zu bleiben, wird meist als weniger belastend empfunden, als früher schlafen gehen zu müssen. Das ist ja auch bei Reisen Richtung Westen so, wo der Jetlag im allgemeinen als weniger schlimm empfunden wird, als wenn man Richtung Osten fliegt.

Wer ist am meisten gefährdet?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Außer, dass jene Menschen, die sowieso belastet sind, häufig stärker darunter leiden.

Wie lässt sich der Herbstblues am ehesten vertreiben?

Man sollte versuchen, angenehme Situationen dagegenzusetzen, die mit der frühen Dunkelheit einhergehen und versuchen, diese als positiv zu betrachten: schöne Stunden auf dem Sofa genießen etwa, lesen, Musik hören, es sich gemütlich machen, sich Ruhe gönnen. Gut tut alles, was dem Tag Struktur gibt. Und ganz wichtig ist natürlich Bewegung an der frischen Luft und Licht. Auch wenn es bewölkt oder neblig ist; man sollte möglichst viel und regelmäßig rausgehen und Tageslicht und Sauerstoff tanken.

Was halten Sie von den viel gepriesenen Tageslicht-Lampen, um die manche ja einen regelrechten Hype machen?

. . . weshalb sie nicht schlecht sind. Tatsächlich wird die Lichttherapie längst auch in der Medizin unterstützend bei Depressionen eingesetzt, ganz einfach weil blaues Licht auf den Hormonstoffwechsel Einfluss nimmt. Wichtig ist, dass diese Lampen ausreichend lange, gleichmäßig und natürlich entsprechend den Vorschriften genutzt werden. Eben, um dem Tag die Struktur und Steuerung zu geben, die im Winter von außen fehlt.

Also sind sie nichts für den frühen Morgen oder die Abendstunden?

Richtig! Genauso wenig wie die blauen Displays von Handy oder iPad für die Zeit vor dem Schlafengehen geeignet sind. Das blaue Licht verändert die Melatoninproduktion im Gehirn. Und Melatonin ist ein wichtiger Signalgeber. Es macht müde und bereitet uns auf den Schlaf vor.

Was halten Sie von der Einnahme natürlicher Wirkstoffe gegen den Winterblues? Etwa Johanniskraut?

Johanniskraut ist ein Medikament, das den Hirnstoffwechsel beeinflusst. Solche Medikamente wirken individuell unterschiedlich; daher sollte man sie nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen – selbst wenn diese Mittel frei in Drogerien verkäuflich sind. Unbedenklicher ist dagegen die Einnahme von Tees aus Baldrian oder Hopfen.

Sollte man einem erhöhten Schlafbedürfnis in der dunklen Jahreszeit nachgeben?

Wenn man kann und will: natürlich! Wichtig ist vor allem Regelmäßigkeit und ausreichend Schlaf.

Woher kommt die größere Lust auf Süßes?

Es ist nicht unbedingt die Lust auf Süßes, sondern vielmehr das Bedürfnis, sich Gutes zu tun. Und Süßes ist einfach ein Synonym für etwas Schönes und Gutes. Was man sich durchaus auch gönnen sollte.

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28.10.2017, 06:00 Uhr
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