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Ein Jahrzehnt S-21-Debatte

Die Region und die Wendlinger Kurve

„Nicht gelungen“ – „das ist Murks“: Seit sich die Region Neckar-Alb mit dem großen Stuttgarter Verkehrsprojekt befasst, lagen die Fehler und Mängel der S 21-Planung offen für alle auf dem Tisch. Ein Rückblick ins Archiv.

27.10.2010
  • Martin Mayer

Tübingen. „Wir brauchen die zweigleisige Wendlinger Kurve“ forderte am Montagabend beim TAGBLATT-Podium zu Stuttgart 21 IHK-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Epp. Und die amtierenden Landräte der Region hoffen, dass der Streit um das Großprojekt endlich die dringend nötigen Verbesserungen für ihre regionalen Bahnlinien bringt.

Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre fürchten Oberbürgermeister und Landräte in der Region Neckar-Alb den Verkehrsschatten:

März 1996: Der grüne Landtagsabgeordnete Fritz Kuhn kritisiert, dass über eine Milliarde Mark aus dem Nahverkehrs-Fördertopf des Landes für Stuttgart 21 abgezogen wird, Geld, das für andere Projekte fehle. Die Tübinger Kreistags-Grünen warnen: „Durch das (Tiefbahnhofs-)Projekt Stuttgart 21 verlängert sich die Fahrtzeit von Tübingen nach Stuttgart gegenüber den ursprünglichen Neubaustreckenplänen von 42 auf 48 Minuten.“ Der Tübinger Oberbürgermeister Eugen Schmid bescheidet Kostenbeteiligungs-Wünsche aus Stuttgart kurz und trocken: „So wie die in Stuttgart die Hand aufhalten, halten wir die Hand zu.“

Juni 1996: Beim ersten offiziellen Treffen der Regionalverbände Stuttgart und Neckar-Alb heißt es: „In gut 30 Minuten von Tübingen in die Mitte der Landeshauptstadt – das lässt sich nur mit einer zweigleisigen Anbindung der Neckartalbahn bei Wendlingen realisieren.“ Bisher aber werde die Wendlinger Kurve nur als „ein Randthema im Gesamtprojekt gesehen“.

Im November 1996 schlagen die Grünen im Tübinger Kreistag Alarm: Die für die Region so wichtige Wendlinger Kurve werde nur eingleisig geplant. Statt den reibungslosen Anschluss der Tübinger-Reutlinger Neckartalbahn an die Schnellbahntrasse Stuttgart-Ulm zu gewährleisten, werde „ein elender Infrastruktur-Engpass“ zementiert (Gerd Hickmann).

2. Dezember 1996: „Die Anbindung an die Hochgeschwindigkeitsstrecke Stuttgart-Ulm-München ist für die Region, die Landkreise wie auch die Städte Reutlingen und Tübingen eine Frage von großer Bedeutung für die Zukunft“, schreiben die Oberbürgermeister Eugen Schmid und Stefan Schultes zusammen mit den Landräten Albrecht Kroymann, Edgar Wais und Willi Fischer an Verkehrsminister Hermann Schaufler. Die Region sehe mit „Unruhe, ja Bestürzung“, dass der Verkehrsgutachter des Landes, Prof. Gerhard Heimerl, den geforderten Neckartal-Bahnhof bei Wendlingen mangels „verkehrlichen Nutzens“ ablehnt.

Januar 1997: „Damit können wir nicht einverstanden sein“, erklärt Regionalverbandsdirektor Dieter Gust dem TAGBLATT, nachdem er die eingleisige Wendlinger Kurve in den Unterlagen-Paket er Bahn für das Raumordnungsverfahren gesehen hat.

Februar 1997: Der Planungsausschuss des Regionalverbands stellt fest, dass die Region Neckar-Alb weiter im „Verkehrsschatten“ bleibe und S 21 „sogar Verschlechterungen“ bringe. Reutlingens OB Stefan Schultes schimpft: „nicht gelungen!“ Sein Tübinger Amtskollege Eugen Schmid ärgert sich: „Das ist ein Murks!“ Regionalverbandsdirektor Gust (CDU) klagt über das „Nadelöhr“ der eingleisigen Wendlinger Kurve: Durch die fehlende Umsteigemöglichkeit in Wendlingen werde die Region vom Fernverkehr abgeschnitten, die Bahnfahrer müssten künftig, statt in Wendlingen auf die Schnellbahntrasse wechseln zu können, 18 Kilometer hin und zurück zum Flughafenbahnhof fahren und 20 Minuten Umweg in Kauf nehmen.

Stuttgart-City wichtiger als Stuttgart-Flughafen

März 1997: Wie der Regionalverband fordern auch die drei regionalen Kreisverbände des Verkehrsclub Deutschland (VCD) „die kreuzungsfreie Einschleifung der Neckartalbahn“ in die geplante Schnellbahntrasse. Anders als der Regionalverband lehnt der VCD den zentralen Flughafenbahnhof ab: Für die Region Neckar-Alb sei die Verkürzung der Fahrtzeiten nach Stuttgart-Mitte viel wichtiger. Den Airport könne man von Wendlingen aus auch mit einer verlängerten S-Bahn erreichen.

Im Oktober 1999 unterstützt die Region Neckar-Alb die Forderung der Region Stuttgart, das Bahnhofs-Projekt Stuttgart 21 mit dem Bau der Schnellbahntrasse Stuttgart-Ulm zu verbinden. Damit seien Vorteile für Ammertal- und Schönbuchbahn verbunden. Die Region hofft, über die Rohrer Kurve im Westen (Gäubahn) und die Wendlinger Kurve im Osten „eine leistungsfähige und schnelle Anbindung“ an den Fernverkehr und an den Flughafen zu bekommen.

Elf Jahre später ist die Wendlinger Kurve noch immer eingleisig geplant – nicht zweigleisig.

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27.10.2010, 12:00 Uhr
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