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Blaue Welle gegen Kohlekraft

Die „Klimapiraten“ sind gegen Beteiligung an Brunsbüttel

Sie stürzen Kohlekraftwerke und machen auf erneuerbare Energien aufmerksam: 30 junge Leute kämpfen für den Klimaschutz. Kampagnenstart war in Tübingen, denn auch hier müsse sich etwas ändern.

09.08.2010
  • Diana Nägele

Tübingen. Ein 30 Meter langes blaues Tuch schlug am Samstag seine Wogen über dem Tübinger Marktplatz. „Umso mehr Hände mitmachen, desto besser läuft die Welle der erneuerbaren Energien“, sagte Fritz Schade in das Mikrophon bei der Aktion der Klimapiraten. Mit der blauen Welle wollen sie aufmerksam machen auf die Investition in das geplante Kohlekraftwerk Brunsbüttel von Südweststrom und zahlreicher Stadtwerke, darunter auch die Stadtwerke Tübingen.

Die Klimapiraten sind kein Verein und keine eingetragene Organisation. Auch mit der Piratenpartei haben sie nichts zu tun. Sie sind eine Gruppe von jungen Klimaaktivisten zwischen 20 und 40 Jahren, die mit einer bundesweiten Kampagne das Kohlekraftwerk Brunsbüttel verhindern will. Start der Kampagne war Tübingen. Denn „Stadtkraftwerk Brunsbüttel“, so der Name der Gesellschaft, ist eine Tochterfirma der Südweststrom Kraftwerk-Gesellschaft, die ihren Hauptsitz in Tübingen hat. „Außerdem sollte ein Oberbürgermeister, der den Grünen angehört, davon ablassen“, sagte Klimapirat Fabian Hübner.

Teilautos, Pedelecs und Ökostrom – die Tübinger stoßen jeden Tag auf Teile der Kampagne „Tübingen macht blau“ von Oberbürgermeister Boris Palmer. Mit der Kampagne wünscht sich Palmer bis zum Jahr 2010 eine geringere CO2-Ausschüttung. Und trotzdem hat er sich 2008 für die Beteiligung an Brunsbüttel ausgesprochen, „einer Dreckschleuder“, wie die Klimapiraten das Kraftwerk bezeichnen. Palmer sagte damals, dass die Frage des Ausstiegs bislang „die schwierigste meines politischen Lebens war“. Die „falschen politischen Rahmenbedingungen“ würden ihn dazu zwingen,, für das Wohl der Stadtwerke ökologische Bedenken zurückzustellen.

Die Investoren sollen nachdenken

Mit der Aktion am Samstag wollen die Piraten Palmer und die Stadtwerke zum Nachdenken bewegen. „Ein Kohlekraftwerk muss mindestens 40 Jahre laufen, damit es Rendite abwirft“, sagte Pirat Fabian Hübner. In Brunsbüttel soll zudem ein Windpark entstehen. „Wenn beide Energiequellen gleichzeitig ins Netz gehen, käme es bald zu einer Überbelastung“, erklärte Julia Schnurr. Offshore-Windstrom hat bei der Einspeisung in Stromnetze mit begrenzter Kapazität Vorrang. Das ist im Gesetz für erneuerbare Energien festgelegt. Eine Studie an der Universität Flensburg belegt die Unwirtschaftlichkeit der Kohlekraftwerke am Standort Brunsbüttel – vier solcher Kraftwerke sollen dort entstehen.

Wind als Energieträger bringt die Einschränkung mit, dass er nicht immer gleichmäßig Energie abwirft. „Damit argumentieren viele Kohlekraftwerk-Investoren“, sagte Fabian Hübner. „Doch es gibt ja auch noch andere Energiequellen, die dieses Defizit ausgleichen können.“

Julia Schnurr erlebte in Indonesien, wie der Regenwald gerodet wurde. „Ich sah, wie die Lunge der Welt niederbrennt.“ Dies brachte sie dazu, sich aktiv am Klimaschutz zu beteiligen. „Wir müssen jetzt etwas unternehmen und nicht erst in 40 Jahren, wenn das Kohlekraftwerk genug Rendite abgeworfen hat und abgeschaltet wird“, so die Studentin und fügte hinzu: „Jetzt merkt man schon die Spuren des Klimawandels, 2050 könnte es zu spät sein.“

Mit gestapelten schwarzen Pappkartons auf dem Marktplatz symbolisierten die Aktivisten Kohlekraftwerke, die nach und nach durch die Welle der erneuerbaren Energien platt gemacht wurden. Den Schluss bildete der Standort Brunsbüttel. Zwei Klimapiraten, verkleidet als Boris Palmer und Vertreter von Südweststrom, versuchten, den Fall des Kraftwerks aufzuhalten. Letztendlich wurden sie aber, so das Rollenspiel, eines Besseren belehrt. Für die Klimapiraten eine Wunschvorstellung, denn der grüne Oberbürgermeister befindet sich gerade im Urlaub und bekam von dem Schauspiel vor seinem Arbeitsplatz nichts mit. „Ich glaube, dass unsere Botschaft weiter verbreitet wird“, sagte Julia Schnurr.

Junge Klimaaktivisten unterwegs als Klimapiraten

Die Klimapiraten haben sich nach der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 gegründet. Dorthin sind die Gründer mit einem Segelschiff gefahren. Enttäuscht vom Ergebnis der Konferenz, entschieden sie auf dem Heimweg, selber aktiv zu werden. 2009 halfen sie, das Kohlekraftwerk in Lubmin zu verhindern. Als nächstes steht das Kohlekraftwerk Brunsbüttel auf der Liste der Klimapiraten, die ihren Hauptsitz in Berlin haben. Die Aktivisten wollen neue Wege aufzeigen: Die Alternative sind erneuerbare Energien. Bundesweit gibt es Klimapiraten, die ihre gemeinsame Vision weiter tragen.

Die „Klimapiraten“ sind gegen Beteiligung an Brunsbüttel
Das Kraftwerk Brunsbüttel fällt – aber bisher nur auf dem Tübinger Marktplatz durch die Klimapiraten. Links ein Pirat mit Palmer-Maske. Bild: Groebe

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09.08.2010, 12:00 Uhr
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