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„Die Gesellschaft steht am Abgrund“
Peter Konwitschny: „Das Wichtigste ist, dass der Zuschauer begreift, worum es geht.“ Foto: Thomas Aurin
Oper

„Die Gesellschaft steht am Abgrund“

Peter Konwitschny inszeniert in Stuttgart „Medea“ von Luigi Cherubini. Der streitbare und kompromisslose Regisseur erzählt ein Musiktheater ohne Klimbim: sehr politisch und auf Deutsch.

30.11.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Wieder eine antike Familientragödie. Peter Konwitschnys letzte Arbeit in Stuttgart war 2005 die „Elektra“ von Richard Strauss gewesen. Jetzt inszeniert der vielfach als „Regisseur des Jahres“ ausgezeichnete Altmeister des Musiktheaters dort die von Luigi Cherubini komponierte „Medea“ nach Euripides: Viele Opfer hat die leidenschaftlich liebende Königstochter Medea dem Griechen Jason dargebracht, der mit ihrer Hilfe das Goldene Vlies gestohlen hat; als er sie verlässt, ja abserviert, bringt sie aus Rache ihre Kinder um. Konwitschny, 72, ist der große Opern-Verdeutlicher, er geht den Werken auf den Grund und erzählt sie dem Publikum verblüffend direkt. Nach einer Probe und der anschließenden Manöverkritik mit dem Team hat er Zeit für ein Interview.

Was sagt uns die „Medea“ im 21. Jahrhundert?

Peter Konwitschny : Diese alten Stücke sprechen von den fundamentalen Fragen unserer Zivilisation. Ob Krieg gut ist – oder nicht. Ob Verbrechen verschwinden im Laufe der Geschichte – oder nicht. Es sind äußerst wichtige Botschaften, die uns diese Stücke liefern. Ich finde es geradezu eine Schande, wenn sie von Theaterleuten missbraucht werden zu Klimbim und Design und schönen Tönchen. Wenn wir diese Werke ernst nehmen in ihren Anliegen, dann wären wir reifer. Das Theater ist die beste Institution, wo man lernen kann, was uns lieb und teuer sein sollte, also was Menschsein bedeutet.

Luigi Cherubini brachte sein Meisterwerk 1797 in Paris zur Uraufführung, in revolutionären Zeiten. Warum wählte er diesen Stoff?

Ziemlich viele Leute sind damals geköpft worden. Da floss Blut, das war alltäglich geworden. Wie kann man jetzt noch eine Wirkung mit dem Theater erzielen? Ich vermute: Da brauchte er ein knallhartes Ding, eine Geschichte, die fast so brutal war wie seine Zeit. Eine Mutter tötet ihre Kinder, das verstößt gegen unsere fundamentalen menschlichen Gesetze.

Und wie lässt sich diese Wirkung einem Publikum von heute nahebringen?

Da sind zum Beispiel die Kinder. Die werden laut Stück nicht umgebracht auf der Szene, es wird nur darüber gesprochen. Die Zensur hatte bei Cherubini verboten, dass solche extremen Sachen auf der Bühne stattfinden dürfen. Das gibt es heute nicht mehr. Bei uns sind die Kinder in mehreren Szenen zu sehen, Burschen, die Unfug, Späße treiben, der Zuschauer gewinnt sie lieb. Wenn den Kindern dann die Kehlen durchgeschnitten werden, dann ist das etwas anderes als nur eine Nachricht . . .

Wie muss der Regisseur auf ein Publikum reagieren, dem einerseits die griechische Mythologie nicht mehr präsent ist, das andererseits in Zeiten der Reizüberflutung aber abstumpft?

Ja, das sieht nicht gut fürs Theater aus, wenn der Mensch sich zum Konsumenten entwickelt. Diese intensive Beeinflussung durch Werbung – das ist Terror. Die Empathie nimmt enorm ab. Man übt sich immer mehr in der Interaktion mit technischen Geräten, spricht nicht von Mensch zu Mensch.

Und Ihre Reaktion darauf?

In „Medea“ zeigen wir zum Beispiel ein einfaches Bühnenbild: eine etwas schmuddelige Küche. Natürlich weiß ich, dass die Freunde der toten Oper wieder sagen werden, das ist doch nicht die Antike: Wo bleiben die großen Charaktere, das Pathos? Aber normale Menschen erkennen sofort, dass da eine Gesellschaft am Abgrund steht. Auch uns geht das so. Es ist wie im alten Ägypten: Die waren klug und konnten trotzdem nicht verhindern, dass ihre hoch entwickelte Zivilisation nach 5000 Jahren untergegangen ist. Diese Realität zeigen wir.

Sie zeigen ein Abbild unserer Gesellschaft?

„Medea“ ist keineswegs nur eine Ehegeschichte, die Oper bedarf eines gesellschaftlich-politischen Kontextes. Das Stück handelt von einer Männerwelt. Diese Männer rauben das Goldene Vlies, um mehr Macht zu haben. Und das geht nie ohne Opfer. Heute treiben wir neoliberale Wirtschaftspolitik, und die kleinen Staaten in Afrika gehen dabei kaputt. Das sind auch Verbrechen.

Eine Regie, mitten aus dem Leben gegriffen?

Die Komponisten waren schon im Leben verwurzelt. Richard Wagner etwa sagt uns im „Ring des Nibelungen“: Wenn wir unsere Gesellschaft auf Macht und Besitz, auf Mord und Totschlag begründen, müssen wir uns nicht wundern, wenn irgendwann alles zu Ende ist. In Bayreuth aber klatschen die Machthabenden dann immer, das ist eine Farce. Die haben eine gut funktionierende Verdrängung.

Warum wird Cherubinis „Medea“ so selten gespielt?

Vielleicht weil uns diese Geschichte so nah ist. Die Wirtschaftsbosse, die mit ihrer Frau reingehen, die aber schon lange ihre Sekretärin vögeln, haben nicht so ein gutes Gefühl, wenn sie das vorgeführt kriegen. Der zweite Grund aber: Die Partie der Medea ist wahnsinnig schwer zu singen. Maria Callas konnte das noch. Aber wir haben in Stuttgart ein großes Glück mit Cornelia Ptassek.

Sie inszenieren die auf Französisch komponierte „Medea“ in deutscher Sprache, mit deutschen Dialogen . . . Damit stellen Sie sich gegen den Trend, Oper in der Originalsprache aufzuführen.

Für mich ist das Wichtigste, dass der Zuschauer begreift, worum es geht. Diese Unart der „Originalsprache“ haben Gérard Mortier und zuvor Herbert von Karajan eingeführt. Der machte Gastspiele, und zwar global, da nahm er die Sänger mit. Das haben alle prima gefunden, aber den Text verstand niemand. Für mich ist die Originalsprache eine Anpassung an die Eventkultur, in der es nicht mehr auf die Botschaft ankommt.

Die Sänger müssen aber auch textverständlich singen können, und der Dirigent darf nicht alles dem Sound unterordnen.

Natürlich, ich sage auch einem Intendanten, dass ich keine Regie mache, wenn er mir einen Blödmann ans Pult stellt. Das tue ich mir nicht mehr an. Manche Dirigenten verwechseln Musiktheater-Aufführungen mit CD-Aufnahmen. Wenn da ein Stuhl auf der Bühne umfällt, verziehen sie ein halbes Jahr das Gesicht. Aber dieser niederkrachende Stuhl kann eine Menge erzählen über Menschen.

Man spürt in Ihrer Arbeit die Felsenstein-Schule des realistischen Musiktheaters.

Das beginnt in der Probenarbeit, ich befehle den Sängern nicht einfach, jetzt machst du das und das, sondern erkläre, was wir tun, mit einfachen Worten. Dabei wird auch das Pathos geknickt. Dann entsteht im gemeinsamen Schaffen eine Figur. Die Sänger handeln selbst, sie denken mit, das ist authentisch.

Welche Opern möchten Sie mit Ihrer großen Erfahrung noch inszenieren?

Etwa 80 Inszenierungen habe ich gemacht, was wirklich noch fehlt, ist „Othello“, „Die Macht des Schicksals“, der „Troubadour“, auch „Figaros Hochzeit“. Und von Wagners „Ring“ brachte ich in Stuttgart ja bisher auch nur die „Götterdämmerung“ heraus. Aber ich bin immer gut damit gefahren, mir von Intendanten Vorschläge machen zu lassen, die sind dann auch verantwortlich für das Werk. Und für mich ist es wunderbar, unbekannte Werke zu entdecken.

Da rief dann also Stuttgarts Intendant Jossi Wieler an . . .

Ja, die „Medea“ habe ich zuvor nicht gekannt. Eine Entdeckung!

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30.11.2017, 06:00 Uhr
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