Winfried Gans über Wortspiele, die zum Ernst werden

Die Arrogans der Ganswortmethode

Von Winfried Gaus

Die Martinsgans ist der erste Höhepunkt der neuen Gänse-Saison. Das schreibt die „Brigitte“, und die muss es ja wissen. Ich seh‘ das anders, denn für mich geht‘s in diesen Tagen ums Ganse. Und das ist nicht schön. Mir stellt es die Federn hoch, wenn ich jemand sagen höre, dass ich gans schön knusprig am besten schmecke. Da möchte ich dann am liebsten gans weit weg sein. Der Mensch meint das ja nicht böse, er spricht ja nur seine berechtigten Vorlieben aus. Für mich aber ist das die Hölle.

Die Arrogans der Ganswortmethode

Archivbild: Kuball

Das Gänseleben währt ja nur kurz. Gansjährig, das haben mir meine Mama und mein Papa in Polen schon beigebracht, als ich noch gans klein war, ist kein Wort, das wir kennen müssen. Zwischen 16 und 23 Wochen leben wir, dann ist Schluss mit lustig. Doch was heißt schon lustig. Kaum können wir auf unseren Gänsefüßchen stehen, kommen wir mit gans vielen anderen in eine Art Hort. Eigentlich schön, aber die Ganstagsbetreuung kann dir dann doch gans schön auf den Wecker gehen. Hier zupfen sie an dir rum und da zupfen sie an dir rum, du musst zum Essen anstehen und gekackert wird da, wo es jedem gerade runterfällt. Und das Geschnatter erst. Sobald einer den Schnabel aufmacht, meint der Rest vom Flecken, er müsste in den Chor einstimmen. Das zermürbt einen ein bisschen, so dass man sich auf den Abend freut, wenn alle ihr System runterfahren und ihre Schnattergoschen halten.

Gans schön stressig also – aber eine wichtige Vorstufe auf dem Weg zur Ganstagsschule, die das Ganse dann nochmals verschärft. Gansheitliches Lernen ist dort angesagt, also mit Kopf, Herz und Flügel, wie es der olle Pestalozzi grob vereinfacht mal umschrieben hat; heute kommen noch alle Sinne dazu, außerdem noch Verstand, Gemüt und Körper. Sie ahnen: angesichts solcher Bemühungen, die kleine Gänsepersönlichkeit marktgerecht zu formen, verklärt sich der Hort der früheren Kindheit schon fast zum Paradies. Aber da muss man durch, und zwar hoch erhobenen Halses.

Und dann naht auch schon der Ernst des Lebens – verbunden mit dem drohenden Ende desselben. In meinem Fall landete ich mit Dutzenden Artgenossinnen und Artgenossen in einem Lastwagen, einer Art rollendem Durchganslager. Nach einem Tag Fahrt pferchte man uns in einem Stall mit Außenbereich ein, wo unsere Ganstagsbeschäftigung nur aus Fressen bestand. Gans gemütliche Sache also, aber relativ sinnlos. Unser Lebensziel reduzierte sich auf Gewicht oder Schlachtreife, wie so ein gans G‘scheiter es mal sagte.

Da hatte ich genug und dachte gans scharf nach. Ich erinnerte mich an eine kleine Lücke im Zaun, die man, mit etwas Mühe und unterstützt von anderen Leidensgenossen, sicher weiter aufschnäbeln könnte. Was auch gelang. Sechs aufrechte Martinsgansflüchtlinge machten sich im Gänsemarsch auf ins unbekannte Leben in Freiheit. Von wegen aufgeschnitten werden, gefüllt und wieder zugenäht. Von wegen knusprig. Von wegen Rotkohl, Semmelknödel oder Kartoffelklöße. Mit uns nicht! Wir sind gans schön clever!

Und wir hatten Glück. Sind irgendwann an einen gans veganen Menschen mit viel Platz auf seinem Hof geraten. Der hat uns zwar ein bisschen mit seiner Extravagans genervt und mit Tierethiksprüchen von seinem herrschaftskritischen Wandkalender auf dem Klo zugemüllt, aber hey: was soll‘s? Gans oder gar nicht? Dann doch lieber Gans.

Leider ist der Mann Sachse. Und ruft manchmal nach dem Nachbarn: „Gännse fleisch kurz rüberkomm?“ Da ist sie dann wieder, die Angst. Die wird man nur gans langsam los.


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11.11.2017 - 01:00 Uhr