Dönermesser-Prozess: Stimmen im Kopf befahlen zu töten

Der syrische Flüchtling, der seine Freundin mit dem Dönermesser ermordet haben soll, hat ausgesagt

Von Matthias Reichert

Der Flüchtling hat laut Anklage im vergangenen Juli seine Freundin in Reutlingen mit einem Dönermesser getötet und anschließend mit der Waffe regelrecht Jagd auf Passanten gemacht (wir berichteten). Am zweiten Verhandlungstag im „Dönermesser“-Prozess hat der Syrer am Dienstag nun Angaben zu seiner Biografie gemacht.

Der syrische Flüchtling, der seine Freundin mit dem Dönermesser ermordet haben soll, hat ausgesagt

Symbolbild: liveostockimages - Fotolia

Der Syrer ist in Aleppo geboren und aufgewachsen. Nach der 7. Klasse brach er die Schule ab – er wollte arbeiten, weil seine Familie arm war. Er war in einer Konditorei beschäftigt, später als Autolackierer und mit seinem Vater als Schreiner; damals wohnte er bei den Eltern. Er ist Sunnit, bezeichnet sich aber als nicht besonders religiös.

Geflüchtet sei er, weil er während des syrischen Bürgerkriegs nicht in die Armee eingezogen werden wollte. Auf wiederholtes Nachfragen des Richters berichtete er, wie er auf einem öffentlichen Platz in Aleppo unter Terrorverdacht verhaftet und im Polizeigefängnis gefoltert worden sei. Man habe ihn dort mit Peitschen und Stöcken auf die Fußsohlen geschlagen. Narben an seinem Oberkörper stammten von Bajonetten bei der Festnahme. Der Vater kaufte ihn frei.

2012 floh der Angeklagte mit einer Tante in die Türkei. Dort arbeitete er in einem Fischrestaurant. Doch er wollte nach Westeuropa. Erst versuchte er es zu Fuß – aber in Bulgarien fasste ihn die Polizei an der Grenze und schickte ihn zurück. Wenige Monate später fuhr er in einem Boot mit 24 Personen übers Mittelmeer nach Griechenland. Über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich gelangte er nach Bayern, wo er im Juni 2015 ankam. Nach einem halben Jahr wurde er nach Reutlingen verlegt.

Seit der Zeit in der Türkei konsumierte er Alkohol, Haschisch und Tabletten. Gedealt habe er aber nicht, beteuert er. Der Polizei fiel er wegen kleineren Delikten wie Ladendiebstählen auf. Es kam zu Streitigkeiten mit Mitbewohnern. Der Flüchtling wurde wiederholt in andere Unterkünfte verlegt, zuletzt in die Ypernkaserne. Schließlich fand er einen Job als Küchenhilfe im türkischen Restaurant, wo er sein späteres Opfer kennenlernte.

Mit Messer vor Nachbars Tür

Seit der Ankunft in Bayern hat er nach eigener Aussage „abstoßende“ Stimmen gehört. „Die waren in meinem Kopf und kamen nicht von außen.“ Sie hätten einem verstorbenen Onkel mütterlicherseits gehört, der ihn als Kind immer wieder geschlagen habe. Die Stimmen sagten demnach: „Töte dich, töte die anderen, bring dich um!“ Und sie forderten ihn auf, Drogen zu nehmen. „Ich habe immer versucht, sie zu vertreiben, aber sie haben mich nicht in Ruhe gelassen“, sagte der Angeklagte. Er sprach mit niemandem darüber und ging auch nicht zum Arzt. Denn er befürchtete, dass er dann wegen seines Drogenkonsums festgenommen worden wäre. Seit seiner Verhaftung nimmt er Psychopharmaka, seither seien die Stimmen verstummt.

In der Flüchtlingsunterkunft, sagte der Angeklagte, hätten ihn die Stimmen dazu aufgefordert, seinen Nachbarn zu töten. „Ich bin zweimal mit einem Küchenmesser zu seinem Zimmer gegangen, um ihn zu töten. Ich habe geklopft, aber er war nicht da.“ Außerdem hätten ihn die Stimmen zu zwei Suizidversuchen mit Rasierklingen gebracht.

Zum Tatvorwurf macht der Angeklagte keine Angaben. Am ersten Verhandlungstag war es vor allem um sein Alter gegangen. Das spielt in arabischen Ländern nur eine untergeordnete Rolle. Die Geburt wurde erst nachträglich registriert. Der Angeklagte sagt nun, er sei ein Jahr jünger. Dann wäre die Jugendkammer zuständig, was eventuell eine niedrigere Strafe bedeuten könnte. Doch dafür gibt es laut Richter Ulrich Polachowski keine weiteren Belege – die Mutter bestätigte am Telefon, dass er 1994 geboren wurde.

Der Prozess wird am 28. Februar fortgesetzt. Dann sagt auch der Kripo-Ermittler aus.


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14.02.2017 - 14:02 Uhr