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O ja! Und Konsorten!

Der erste Tübinger Radikale im neuen Walser-Roman „Muttersohn“

"Ewald, ich heiße Percy.“ Das ist der erste, vier Wörter knappe Satz des neuen, gut fünfhundert Seiten starken Romans „Muttersohn“ von Martin Walser. Und ein Ewald aus Tübingen macht den Anfang. Vorbild für den Roman-Ewald ist ein politisch aktiver junger Mann namens Harald.

16.07.2011
  • Von Egon Gramer

Der Name „Percy“ weist weit zurück auf den Ritter Parzival. Beide, Ewald und Parzival sind auf ihrem Terrain radikal. Der Heißsporn Parzival haut mit dem Schwert dazwischen, Ewald/Harald wird als Erster im Land vom Radikalenerlass nieder gestreckt, getroffen vom Erlass des Oberschulamtes Tübingen vom 1.2.1974 unter dem Aktenzeichen U III P.

Der Präsident Weiß weist den Antrag auf Einstellung in den Dienst des Landes Baden-Württemberg als Studienassessor zurück, da der Antragsteller nicht „die Gewähr dafür bietet, dass er jederzeit für die freiheitlich demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes eintritt.“

Harald Schwaderer ist Mitglied der DKP, im Roman heißt er Ewald Kainz. Viele seiner biografischen Daten stimmen mit denen von Harald Schwaderer überein. Vorgeworfen wird ihm: zweimal in die DDR gereist, kandidiert für den Spartakus bei den Wahlen zum Großen Senat der Universität. Walser schreibt: „Ohne Effekt, dass Eltern und Kinder des Mössinger Quenstedt-Gymnasium für den Studienreferendar Ewald Kainz ans Kultusministerium schrieben, weil er doch über das Erwartbare und Verlangbare hinaus Lehrer, ein sehr beliebter Lehrer gewesen sei. Was hat er alles mit der Musik-AG hervorgebracht.“

Das Mössinger Lehrerkollegium protestiert, fast vollzählig, mit einer Unterschriftenliste. Harald Schwaderer darf nicht in die Schule, für Kinder und junge Schüler wäre er eine Gefahr. „Der Präsident Weiß vom Oberschulamt in Tübingen hat allein das Sagen. Und der sagt: Nein. Das war´s.“ Walser wird deutlicher: „Einen schönen Gruß an den Herrn Präsidenten. Und Konsorten. O ja! Und Konsorten!“

Woher kennt Walser den Fall Schwaderer? Nach der „Ur-Lesung“ im Bibliotheksaal des Klosters in Bad Schussenried erzählt er: „Ich bin nicht der alleinige Verfasser meiner Bücher. Ich brauche Zulieferer. Man schickt mir Briefe, Manuskripte, Dokumente. Ich kann nichts wegwerfen. Man vermutet in mir einen Anwalt für die gerechte Sache. Die Details kann ich nicht erfinden, ich übernehme sie von meinen Zulieferern.“

Die Namen für sein hundertfaches Romanpersonal erfindet Walser. Namen geben einer Person ein Gesicht, das der Leser studieren kann. Mit dem Namensschlüssel lässt sich ein Charakter aufschließen, mittels Namensdetektor Verstecktes aufspüren. Hätte man die Wahl zwischen einem Dr. Schluderhose und einem Dr. Augustin Feinlein – zu welchem ginge man in die Praxis? Heißt ein Paar Silvi Schall und Berti von Rauch – traut man beiden über den Weg?

Wenn eine Klinik in Scherblingen ihren Sitz hat– was ist da zu kitten? Und was kommt bei dem Namen Kainz in Bewegung? Einer denkt an den berühmten Wiener Schauspieler und Rezitator Josef Kainz – ein Gegenbild zu dem Stotterer Ewald Kainz. Oder steckt in Kainz das Kains-Zeichen, das den damit Gezeichneten von der Gemeinschaft ausschließt? Und was für Romane gibt einem wohl ein Dichter namens Habermuß zu verkosten? Eher Biogereimtes oder Kunstkost? Und wer verbirgt sich hinter dem Code The Jollynecks, mit dem Walser eine radikal destruktive Motorradrockergruppe verschlüsselt hat? Kleiner Hinweis: Jollyneck lebt nobel in Austria.

Harald Schwaderer ist inzwischen Rentner. Seinen Lebensunterhalt hat er mit Musikunterricht in einer Privatschule und in den eigenen vier Wänden verdient. Archivbilder

Der erste Tübinger Radikale im neuen Walser-Roman „Muttersohn“
Egon Gramer

Der erste Tübinger Radikale im neuen Walser-Roman „Muttersohn“
Harald Schwaderer

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16.07.2011, 12:00 Uhr

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