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Keine Smartphones für Kids

Der Ulmer Psychologe Manfred Spitzer referierte über die Gefahr digitaler Medien

Smartphones machen dumm. Diese radikale These vertritt zumindest Prof. Manfred Spitzer. Am Mittwochnachmittag erklärte der Ulmer Psychologe sehr plakativ, warum.

03.12.2015
  • Paul Runge

Tübingen.„Es ist nicht unkontrovers, mich einzuladen“, stellte sich der Psychologe und Mediziner Prof. Manfred Spitzer am Mittwoch im leicht überfüllten Hörsaal der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen vor. Seit einigen Jahren forscht der Leiter des Ulmer Klinik-Pendants an dem Zusammenhang zwischen Lernen und Gehirn und vereint diese Bereiche im Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL). Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Forscher durch seine radikale Haltung gegenüber den digitalen Medien, die seiner Meinung nach zur Verdummung der Jugend beitragen.

An diesem Mittwochnachmittag ging es Spitzer jedoch nicht nur um sein Buch, sondern auch um seine Forschung. Die Grundthese: Wenn essentielle Lernprozesse durch die Nutzung digitaler Medien vernachlässigt werden, verschlechtert das die Hirnleistung Heranwachsender. „Die dauerhafte Nutzung eines Smartphones ist fatal. Über eine gläserne Fläche zu streichen lässt niemanden etwas begreifen. Als Kind und Jugendlicher muss man Dinge wiederholt anfassen, betrachten, mit allen Sinnen erfahren. So bilden sich Muster im Gehirn, die Verstehen und Lernen effektiv machen“, erklärte Spitzer.

Das Gehirn funktioniert nicht wie eine Festplatte, die irgendwann ein Limit erreicht. Je mehr das Gehirn aufnimmt, desto mehr Speicherplatz hat es zur Verfügung. Dafür sorgen, vereinfacht gesagt, die Synapsen im Gehirn, die bei regelmäßigem Training – beim Lernen – Verbindungen mit den Nervenzellen herstellen und so das Gehirn und dessen Speicherfähigkeit stärken. Je mehr aktive Synapsen Signale senden, desto effektiver kann Wissen behalten werden und desto besser funktioniert das Gehirn. Je mehr man lernt, desto leichter lernt man, erklärt Spitzer. Diese Synapsenbildung ist im Kindesalter am stärksten und potentesten.

So weit, so bekannt. Neu sind jedoch die wissenschaftlich gestützten Forderungen Spitzers und die daraus folgenden Konsequenzen für Kinder. Ein Tablet oder Smartphone kann multimodale Wissensvermittlung, Lernen mit allen Sinnen, nicht leisten. Die darauf verschwendete Zeit sollten Kinder und Jugendliche lieber nutzen, um Sport zu treiben, Musik zu machen oder zu malen. Ein Smartphone habe in Kinderhand nichts verloren, betont der Ulmer Forscher ausdrücklich. Entsprechendes gelte für soziale Netzwerke. Kontakte müssten im „echten Leben“ geknüpft, gepflegt und aufrechterhalten werden, ansonsten bildeten sich die Hirnmuster nur unzureichend aus und mangelnde soziale Kompetenz bis hin zur Empathielosigkeit sei die Folge.

Zahlreiche Studien aus den USA, China, Norwegen oder auch Deutschland untermauern Spitzers Annahmen. Sie zeigen, dass Smartphonenutzung weder die Lernkompetenz noch die Noten verbessert. Bei Untersuchungen an Hamburger Schulen konnten keine Leistungssteigerungen bei Schülern festgestellt werden, die mit internetfähigen Netbooks anstelle von Stift und Papier am Unterricht teilgenommen hatten. In England verbesserten sich gar die Noten der Schüler, nachdem an Schulen Handyverbote eingeführt wurden. In Norwegen wurden tausende Schüler befragt, ob sie eine Stunde vor dem Schlafen noch vor einem Bildschirm sitzen. Ergebnis: Schüler, die darauf verzichten, sitzen besser ausgeruht im Unterricht und sind dadurch leistungsstärker.

Doch geht es Spitzer nicht allein um Lernfähigkeit. Die Gesundheit sei ebenfalls unmittelbar von der „Durchdigitalisierung“ betroffen: Stress, erhöhter Blutdruck, Aufmerksamkeitsstörungen und Schlafmangel seien bei Jugendlichen keine Seltenheit. In Deutschland gelten knapp über fünf Prozent der bis 19-Jährigen als smartphonesüchtig, so der Psychologe. Zum Vergleich: In Südkorea sind es 25 Prozent. Deswegen schalte die Regierung in Seoul auch nachts die Spieleserver ab. Die Forschungsergebnisse scheinen eindeutig: Digitaler Konsum mache dumm, krank und süchtig, so Spitzer.

Wie viel Zeit man allerdings im digitalen Sektor verbringen muss, um messbare Missbrauchserscheinungen zu zeigen, vermochte Spitzer nicht zu sagen. Das Thema „Maßhalten“ thematisierte der Forscher überhaupt nicht – vielmehr wurden Smartphone und Co. als „Dummmacher“ verteufelt, ebenso wie der Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Auf die Frage einer besorgten Mutter, wie sie ihr Kind denn in die digitale Welt einführen solle, vertrat Spitzer eine rigorose Meinung: „Sie führen Ihr Kind gar nicht ein. Ein Smartphone dient einem jungen Gehirn nicht in der Entwicklung.“

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03.12.2015, 17:44 Uhr
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