Volksfest

Der Trachten-Hype hält an

Von BARBARA WOLLNY

Der Handel profitiert nach wie vor vom Geschäft mit Dirndln und Lederhosen. Bei den Frauenkleidern verstärkt sich der Trend zur Klassik.

Der Trachten-Hype hält an

Vater, Mutter, Kind die ganze Familie geht im Trachtenlook auf den Wasen. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Dieses Jahr ist der Wahnsinn. Es lief für mich bombastisch“, sagt die Stuttgarter Dirndl-Designerin Kinga Mathe. „Dirndl machen glücklich und deshalb werden sie so gerne getragen“, ist sich die gebürtige Ungarin sicher. Vor neun Jahren hat sie damit begonnen, selbst Couture-Dirndl zu entwerfen, weil sie damals nichts kaufen konnte, was ihr gefiel. Die Auswahl habe sich seitdem rapide vergrößert, denn „jede Frau sieht darin besonders hübsch aus. Es verdeckt Problemzonen und zeigt die Schokoladenseiten der Trägerin.“

Die Zeiten, in denen man sich bequem und robust in Jeans und Hemd ins Festzelt setzte, sind definitiv vorbei. Während früher lediglich Festwirte und Bedienungen in Tracht für Landhausflair sorgten, trägt heute jeder Wasenbesucher, der auf sich hält, Dirndl und Lederhose. Dabei galt Tracht außerhalb der bayrischen und österreichischen Landesgrenzen jahrzehntelang als hoffnungslos altmodisch.

Auslöser für den Stuttgarter Trachten-Hype soll vor 15 Jahren Festwirt Hans-Peter Grandl vom Hofbräuzelt gewesen sein, der für jeden Besucher in Tracht noch Platz im vollbesetzten Zelt schaffte. Breuninger hat vor neun Jahren erstmals eine Trachtenfläche eröffnet, heute werden Trachtengewänder in Stuttgart in jedem Textilhaus und Discounter verkauft. Sogar ins Modeflaggschiff „Vogue“ haben die Stuttgarter Dirndl Einzug gehalten.

Dirndl in einfachster Ausführung lagen beim Discounter schon direkt nach den Sommerferien für 20 Euro auf den Grabbeltischen. Das wohl teuerste Dirndl der Saison aber trägt den Namen Grace Kelly, kostet 27 000 Euro und stammt – armes Bayern! – aus einem Killesberger Atelier von Kinga Mathe. Das Mieder des schlichten Gewands aus feinster Seide wird mit sieben Knöpfen aus indischem Mondstein geschlossen, die in 18 Karat Gold gefasst und mit braunen Diamanten umlegt sind. Getragen hat es letzte Woche Lilly Becker auf der Münchner Wiesn. Promi-Kenner wissen, dass es sich dabei um die ehemalige Frau des Tennisheroen Boris Becker handelt.

Nächste Woche wird das Gewand auch in Cannstatt zu bewundern sein. Seine Designerin plant die Investition beim Damenwasen der Firma Göckelesmaier selbst vorzuführen. „Danach kann man die Knöpfe abmontieren und sich als Schmuck umarbeiten lassen“, lautet ihr Plan für das Weiterleben von Grace Kelly nach dem Volksfest.

Was trägt Stuttgart heuer auf dem Wasen? Im Angermeierschen Trachtenimperium, das vor kurzem auch eine Filiale in Berlin eröffnet hat, ist der Stuttgarter Laden nach München bereits der zweitgrößte Umsatzbringer: „Die Schwaben sind schon fast auf gleicher Höhe wie die Münchner mit ihrer Liebe zur Tracht“, sagt Eileen Popielaty aus der Münchner Angermeier-Zentrale. Die Kollegin trägt heute ein dunkelblaues Gewand, das bereits ihre Mutter zur eigenen Hochzeit getragen hatte.

„Der Grundschnitt von Dirndl und Lederhosen ist zeitlos und verändert sich nicht. Ein Dirndl bleibt immer ein Dirndl“, sagt Popielaty. Die Details machen den Unterschied, Rocklänge, Stoffe, Verzierungen. „Dieses Jahr hat sich der Trend zur Klassik weiter verstärkt. Dirndl in blau oder oliv, in Beeren- und Pastelltönen sind besonders gefragt.“

Und die Länge? „Am besten 70 Zentimeter, das heißt bis knapp übers Knie“, empfiehlt die Trachtenexpertin. Auch junge Mädchen würden sich jetzt schon für Dirndl interessieren, alternativ ziehen sie dieses Jahr aber auch gerne die (Leder)-Hosen an.

Textilhosen im Lederlook

Caroline Roegner von der Krüger Dirndl GmbH in Wernau, dem größten Anbieter von Trachtenmode, der in der Calwer Straße seine Verkaufsräume hat, sieht Beige- und dunkles Grün im Trend, dazu Tapeten- und Rankenmuster. In der Madl-Kollektion für die jüngeren Käuferinnen dominieren Rosa und Glitzer. Und „Rose-Daisy“ oder „Rosalie“ scheinen sehr beliebt zu sein – sie sind nahezu ausverkauft.

Für die Herren gibt es neuerdings Textilhosen im Lederlook, die, aufwendig bestickt, direkt nach dem Wasenabend in die Waschmaschine können. Damit bleibt die verschüttete Maß Bier folgenlos, im Gegensatz zur echten Lederhose, die damit weiter an Speck zulegen würde und in die teure Lederreinigung müsste.

Anders als in Bayern und in München, in denen Dirndl auf Hochzeiten, Geburtstagen, Waldfesten und Biergärtenbesuchen getragen werden, wird das Dirndl in Stuttgart nur zu den Volksfesten aus dem Schrank geholt. Und das wird wohl auch so bleiben, meint die Stuttgarter Dirndl-Expertin Kinga Mathe. Sie erwartet jedoch, dass Mode im Landhausstil wie Joppen, Janker oder Westen weiter an Beliebtheit zunehmen. Das bedeute nicht, meint sie, an alten Dingen festzuhalten, sondern Heimatverbundenheit und Tradition in die Moderne zu übertragen.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


30.09.2017 - 06:00 Uhr