Filmtage

Der Stadtbus fuhr bis Israel

Von Ulla Steuernagel

Der „Spiegel“-Journalist Alexander Smoltczyk nahm die Spur eines der Bataclan-Attentäter auf und landete schließlich ganz woanders.

Der Stadtbus fuhr bis Israel

Alexander Smoltczyk hat sein Busticket aufbewahrt.Bild: Faden

Wo die Pariser Metro endet, beginnt die Buslinie 148. Sie führt durch Gegenden mit geschichtsträchtigen Namen wie Robespiere, Lenin, Asterix oder De Gaulle. Es sind die gefürchteten Vorstädte von Paris, die mittlerweile als rechtsfreier Raum gelten, die Staatsgewalt hat dort längst eingepackt. Kriminalität, Drogensucht, Gewalt, Terrorismus, bestenfalls Gleichgültigkeit scheinen hier zu nisten. Alexander Smoltczyk hat sich in Bobigny in den Bus gesetzt und ist im Schatten der gigantischen Wohnblocks interessanten Menschen begegnet. Erst hat er diese Begegnungen für den „Spiegel“ niedergeschrieben und dann in einem Film dokumentiert.

„Endstation Bataclan. Vom Busfahrer zum Attentäter“ scheint von seinem Titel her die Geschichte von Samy Amimour zu erzählen, einem Fahrer der Linie 148, der vor ziemlich genau zwei Jahren mit seinen IS-Kumpanen die Konzerthalle Bataclan überfiel. Am Ende waren 130 Menschen tot.

Smoltczyk, der am Donnerstagabend als Filmtage-Gast seine Doku im Atelier vorstellte, machte die Buslinie, auf der Amimour chauffierte, zu seinem roten Faden. Dabei bleiben die Recherchen zur Person des Attentäters auf der Strecke – und irgendwie auch zu Recht. Smoltczyk stößt auf andere, womöglich interessantere Geschichten. Amimours Biografie wird nur umrissen: Der junge Mann wuchs in einer liberalen islamischen Migrantenfamilie auf, war ein unauffälliger Schüler, machte Abitur, wurde Busfahrer und kam in der Rue Lenine in schlechte, salafistische Gesellschaft. Und, so berichtet eine ehemalige Kollegin im Film, bald waren bei ihm die Indizien der Radikalisierung zu bemerken. Einer Frau die Hand geben? Nein. Sich auf den Platz setzen, auf dem zuvor eine Fahrerin gesessen hat? Ausgeschlossen. Keiner habe darauf reagiert, sagt die verbittert aus ihrem Job und aus Paris aufs Land geflohene Busfahrerin. Für die kommunistische Gewerkschaft CGT seien islamische Arbeiter ohnehin „die Opfer schlechthin“ – Integration werde von ihnen nicht erwartet.

Smoltczyk begegnete einer Menge respektabler Persönlichkeiten im ehemals „roten Gürtel“ von Paris. Die kommunistischen Insignien verrosten mittlerweile in einer städtischen Lagerhalle, dennoch scheint Le Pen noch nicht alle Köpfe eingenommen zu haben. Da ist eine junge Migrantin, die sich im Stadtrat von Blanc-Mesnil engagiert: „eine meiner Hoffnungsträgerin“, so Smoltczyk. Da ist eine 85-jährige Schulleiterin, gestandene Kommunistin und unerschrockene Bewohnerin des Stadtteils, die Alphabetisierungskurse gibt. Und da ist der mutige Imam von Drancy, der beherzt gegen den „Google-Islam“ antritt, der islamistische Anschläge schärfstens verurteilte, ein Burka-Verbot fordert, für die Versöhnung zwischen den Religionen eintritt und im laizistischen Frankreich ein Unterrichtsfach Religionskunde einführen will.

Dieser Hassen Chalghoumi, so berichtete Smoltczyk im Gespräch mit Stefanie Schneider, lebt jedoch in ständiger Todesgefahr, selbst für einen kurzen Foto-termin benötigte er eine schwerbewaffnete Polizeieskorte. Ein pensionierter jüdischer Polizeibeamter ist dem wachsenden Antisemitismus gewichen und schweren Herzens nach Israel emigriert. Dorthin genehmigte sich Smoltczyk zusammen mit seinem Team die größte Abweichung von der Busroute.

Dennoch benötigte der Journalist nur zwölf Drehtage für seine Dokumentation, so verriet er im Kino Atelier. Auch die Geschichte seines Films ist lohnenswert zu erzählen. Eine Redakteurin von Radio Bremen erfuhr von Smoltczyks Print-Story und vermittelte ihn an eine TV-Produzentin, die superschnell zugriff.

Beim Dreh seines Erstlings machte der Journalist dann eine völlig neue Erfahrung: „Ich dachte, wenn ich mit Kameramann in den Banlieues anrücke, schließen sich die Türen. Aber das Gegenteil war der Fall.“

Warum der Film denn vor allem „die Guten“ zu Wort kommen lässt, fragte Stefanie Schneider und wunderte sich, dass der Regisseur die andere Seite, die Salafisten und Drogendealer, ausgeblendet hat. Die waren nicht zum Interview bereit, entgegnete Smoltczyk. Aber als Journalist sei er auch weniger hinter dem Erwartbarem als dem Überraschendem her.

Die Eltern des Attentäters, die in Drancy leben, wollte er nicht behelligen: „Ich stand vor ihrer Tür, aber dann hab ich nicht geklingelt.“ Warum, fragte er sich, sollte er die arme Mutter belästigen. Von allen Gesprächen rührte ihn am meisten das mit der alten Schulleiterin. Sie erinnerte sich an ihre jüdische Mitschülerin, an die Stille, die auf den Namen „Mireille“ gefolgt war. Das Mädchen war ins KZ in Drancy geschafft worden. Ulrich Matthes, der dem Film seine Stimme gab, schenkte sein Honorar dieser Frau, damit sie weitere Alphabetisierungskurse abhalten kann.


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04.11.2017 - 01:00 Uhr