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Der Liebesbrief
Kulturphänomene (110)

Der Liebesbrief

10.11.2016
  • Peter Ertle

Liebe Angela,

ich habe einen Brief an dich gefunden, er lag in einem Jugendbuch, das ich mir aus der Bibliothek ausgeliehen habe. Nein, es war nicht für mich, ich lese selbstverständlich nur Bücher für Erwachsene. Vielleicht hast du den Brief dort vergessen und hinterher lange vergeblich gesucht, Angela. Vielleicht hast du ihn auch vergessen, weil er dir gar nicht so wichtig war, viel weniger wichtig als der Absender dachte. Vielleicht hat ihn auch derjenige dort vergessen, der ihn geschrieben und nie an dich abgeschickt hat, ein Lukas, ein Max, ein Benjamin. Es kann natürlich auch eine Lisa gewesen sein. Oder ein Stefan, ja, vielleicht ein Stefan, rechts oben stehen zwei Zeichen, die man als Initialen lesen könnte, ein S und ein E. Aber wir wissen es nicht .

Es ist ja auch schon achteinhalb Jahre her. Also entweder hat das Buch achteinhalb Jahre lang niemand ausgeliehen oder der Brief ist immer übersehen oder immer wieder sorgsam in das Buch zurückgelegt worden, so als müsse sicher gestellt werden, dass Angela ihn hier eines Tages finden kann.

Der Brief wurde am 3. März 2008 geschrieben. Von Schrift und Ausdrucksweise her war es ein 13-Jähriger. Du, Angela, warst vermutlich auch so um die 13. Und bist heute also eine junge Frau von 21 Jahren, die möglicherweise inzwischen woanders lebt oder immer noch hier, aber keine Zeitung liest. Du wirst diese Zeilen hier nichtlesen. Aber vielleicht ja schon und wie gesagt, vielleicht hast du den Brief nie zu Gesicht bekommen. Dann also jetzt, mit acht Jahren Verspätung. Er geht so (ich habe bei der Rechtschreibung etwas nachgeholfen):

Liebe Angela,

Bitte glaub mir, mir geht es voll beschissen dank dir, aber ich kann es verstehen. Aber es war nicht die Rede von miteinander gehen. Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich gern habe. Aber egal, Hauptsache wir können Freunde bleiben und als Freund gibt’s ein Bussi LOL. . . Nur freundschaftlich. Es tut mir leid, aber ich möchte nicht, dass du mir aus dem Weg gehst bitte, weil das stehe ich dann nicht durch.

So, das war der Brief an dich, Angela, das war der Brief von dir, Stefan, ich bleib mal bei Stefan. War dir eigentlich klar, was der Ausdruck LOL bedeutet? LOL steht für „Laughing out loudly“. Wieso ein freundschaftliches Bussi dich zum laut Herauslachen bringt, müsstest du mir sonst jedenfalls mal erklären. Gerade in einem Brief an ein Mädchen, das sich mehr erwartet hat, ist das doch ziemlich taktlos, oder? Aber das ist nur eine Randnote, Stefan.

Also: Erinnert ihr euch? Fällt dir ein, wer ihn dir geschrieben hat oder haben könnte und dann nicht abgesandt hat, Angela? Weißt du noch, wem du da zu viel Hoffnung gemacht hast, Stefan? Oder war es anders? Warst du vielleicht erst schon ein bisschen verschossen und hast dann so getan, als wäre alles gar nicht so gemeint gewesen?

Vielleicht reibt ihr euch mit euren vermutet 21 Jahren plus minus verwundert die Augen darüber, dass es damals schon so war wie es heute bei euch ist, mit Liebeskummer, unterschiedlichen Erwartungen, falsch verstandenen Signalen, dem Versuch, trotzdem befreundet zu bleiben, dem Gefühl, das alles nicht durchzustehen und bitte glaub mir bla usw.

Was ihr aber noch nicht wissen könnt, liebe Angela, lieber Stefan: Es wird nie anders werden. Es sei denn, ihr findet ein Plätzchen, richtet euch ein und macht den Deckel zu. Es sei denn, das Glück schlägt so dermaßen ein, dass für nichts anderes mehr Platz ist. LOL. Euer

Zum Dossier: Kulturphänomene

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10.11.2016, 01:00 Uhr
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