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Schillers Locke haarsträubend – mit einer Achterbahnfahrt

Der LTT-Theatersport feiert sein 25-jähriges Bestehen

Theatersport am LTT mit der Harlekin-Gruppe ist eine Tübinger Institution. Die hat am Samstag und Sonntag vor ausverkauftem Haus Jubiläum gefeiert – und es war eine rauschende Improvisations-Gala.

25.01.2015
  • Matthias Reichert

Tübingen. „Wer hat noch nie Theatersport gesehen?“, fragt Initiator und Spielleiter Volker Quandt, begrüßt von Jubelrufen. Vielleicht fünf Hände gehen in die Höhe. Kein Wunder. Das Harlekin-Theater ist seit 25 Jahren sportlich am LTT unterwegs. Zur Jubiläumsgala am Samstag und Sonntag verzichten sie auf den Wettstreit zweier Gruppen und improvisieren auf Zuruf drauflos, dass es eine Freude ist.

„Grenzenlos“ eben, so der Titel. Die Band mit Matthias Weiß, Dirk Hettich, Ramon Ziai und Thorsten Hans jammt fröhlich und liefert den Rhythmus. Tänzerin Sandra Dreher-Mansur gibt die Ballerina, Live-Maler Mark Krause improvisiert mit dem Pinsel, die entstehenden, lichten Kunstwerke kann man auf Großleinwand wachsen sehen.

„Eine echte Uraufführung – nichts ist vorbereitet“, verspricht Quandt. In der „fortlaufenden Geschichte“ deutet er auf einzelne Akteure, die mitten im Satz oder Wort weitermachen müssen. Neu: Wenn das Publikum „buh“ ruft, scheidet der oder die Schuldige aus. Ebenso bei Versprechern: Irgendwann dürfen die zwei Akteurinnen und vier Akteure nicht mehr „ch“, später auch nicht mehr „der“, „die“ oder „das“ sagen.

Den Titel liefert auf Zuruf das Publikum. „Hamlet im Mixer“ findet keine Gnade bei Quandt, schließlich geht es „Nachts auf der Burg“ um Schätze und Gespenster. Jakob Nacken hält am längsten durch – und darf zur Belohnung gleich singen. Leitmotiv ist auf vielfachen Wunsch die Liebe. In allen Facetten. Erst fröhliches Assoziieren, einzeln und alle zugleich. Dann drei kleine Schauspiele in je drei abwechselnden Episoden: wie bei Loriot „Auf dem Rathaus“, auf Wunsch von OB Boris Palmer rechts vorne. Ein Klassiker nach Schiller – das Publikum entscheidet sich für „Die Locke“. Und ein Melodram à la Rosamunde Pilcher, bei dem sich Ilka Luza erst von der Klippe stürzt und schließlich ihr Gedächtnis sowie den Kapitän fürs Leben wiederfindet.

Das Rathaus besteht aus einem Gerüst und einem Bediensteten (Udo Zepezauer), der hier die Brautwerbung organisiert. Harry Kienzler spielt den ersten Freier, der das ABC beherrscht und eine blaue Jacke anhat. Stefan Töpelmann klingt wie Loriot in der Badewanne, und Nacken ist als Transe der Hautpgewinn.

Schillers „Locke“ schneidet sich die Grafentochter (Mirjam Woggon) ab und schickt sie ihrem Geliebten Friedrich (Kienzler), in den sie sich erst am Vortag unsterblich verliebt hat. Doch der alte Graf (Nacken) ist unerbittlich. Erst will er sie mit Faktotum Wilhelm (Töpelmann) verheiraten, dann mit dem bösen Baron Zepezauer. Das Blut fließt so reichlich wie die Lachtränen: Am Ende erdolcht sich die Prinzessin. Vorher noch Koloraturen wie die Callas mit Nonsens-Text in einer Opernarie.

Was haben Hormone mit Autos zu tun?

Um „Williams Felder“ geht es auf Zuschauer-Zuruf in der Pilcher-Parodie. Hier glänzen Luza als Bauerntochter mit Gedächtnisschwund und Woggon mit schwarzer Perücke („ich bin eine böse Frau“) als Femme fatale und Geliebte des Kapitäns Nacken. Der erleidet zwar ständig Schiffbruch, doch die Liebe siegt selbstredend am Ende.

Sie improvisieren, bis das Rathaus wackelt und ein Gesangs-Mikro den Geist aufgibt. Eine weitere Episode bringt Kindern theatralisch die Liebe im Alter nahe. Witz, komm raus: Haben die Leute eigentlich Sex im Alter? Nö, die vergessen das. Töpelmann erinnert sich als Running Gag an die „Kinder-Landverschickung“ im Zweiten Weltkrieg. Man kann das nicht nacherzählen, man muss es gesehen haben: ein Feuerwerk, eine Achterbahnfahrt.

Auch eine Tanzimproivsation über Sehnsucht gehört dazu. Eine improvisierte Rockoper bringt „Hormone“ mit „Autos“ zusammen – diese Begriffe gibt das Publikum vor. Zepezauer singt im roten Lederjäckchen wie der kleine Bruder von Freddie Mercury. Die Schlussszene spielt 2048 in der Hölle. Dort treffen sich alle wieder, „Hauptsache, es wird heiß“. Die rauchende Femme Fatale hustet ihren diversen Liebhabern was. Der Transvestit schlägt schließlich vor, es sich gemütlich zu machen. Und so wird die Hölle zuletzt als ein höchst heimeliger Ort besungen. Donnernder Applaus, als Zugabe nochmals freies Assoziieren, diesmal in den Rollen von eben. Dieser Irrsinns-Ringelpietz mit Anfassen gibt locker wieder Auftrieb für weitere 25 Jahre Theatersport.

Der LTT-Theatersport feiert sein 25-jähriges Bestehen
Irrsinns-Ringelpietz mit Anfassen bei der Theatersport-Jubiläumsgala – von links Jakob Nacken, Udo Zepezauer, Mirjam Woggon, Ilka Luza und die Tänzerin Sandra Dreher-Mansur. Bild: Faden

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25.01.2015, 12:00 Uhr
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