Geographie und Gesellschaft (Teil 2)

Der Boden unter unseren Füßen

Von Yvonne Oelmann

Landschaftswandel – die Erhaltung des Ursprünglichen braucht Ideen, einen langen Atem und Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Bürgern.

Der Boden unter unseren Füßen

Das Mulchen kann die nährstoffarmen Bedingungen erhalten, an die die Pflanzen und Tiere der Kalkmagerrasen auf der Schwäbischen Alb angepasst sind. Eine Erkenntnis aus jahrzehntelanger Forschung. Bild: Oelmann

Die Veränderung der Umwelt lässt sich in direkter Nachbarschaft beobachten: wo vor Jahrzehnten noch Schafe auf den weitläufigen Grünlandflächen der Schwäbischen Alb weideten, finden sich heutzutage vielerorts Gebüsche und Wälder. Nicht nur aus Gründen der Ästethik oder der Heimatverbundenheit, sondern auch wegen der hervorragenden ökologischen Wertigkeit werden die ursprünglichen, sogenannten Offenland-Flächen als erhaltenswert angesehen. An diesen Standorten wird die traditionelle Nutzung jedoch wegen der ökonomischen Rahmenbedingungen nicht weitergeführt.

Wie aber können die Landwirte davon überzeugt werden, Grünlandflächen nicht der Verbuschung zu überlassen? Dabei spielt selbstverständlich der finanzielle Aufwand eine Rolle, so dass sich die Frage nach kostengünstigen Pflegemaßnahmen als Ersatz für die Weidenutzung und deren Auswirkungen auf das Ökosystem anschließt.

Bereits vor mehr als vierzig Jahren erlangte diese Problematik Aktualität. Daher richtete Prof. Dr. Karl-Friedrich Schreiber (damals Universität Hohenheim) im Jahr 1975 im Auftrag des damaligen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten die „Offenhaltungsversuche“ mit Standorten in jedem Naturraum Baden-Württembergs ein, wobei die Finanzierung der Flächenerhaltung vom Ministerium (heute: Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg) und die praktische Betreuung von der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume in Zusammenarbeit mit Landwirten übernommen wurden. In den Offenhaltungsversuchen werden die Auswirkungen verschiedener Pflegemaßnahmen (Mähen mit Entfernen des Ernteguts, Mulchen, Beweidung, Unterlassen jeglicher Pflege) auf die Tier- und Pflanzenwelt sowie auf den Boden untersucht. Für die Untersuchungen ist ein verknüpfender Ansatz verschiedener Teildisziplinen nötig, wie er in der Geographie realisiert ist. Daher ist der Forschungsbereich Geographie der Eberhard-Karls-Universität maßgeblich an diesem Projekt beteiligt.

Gerade die Maßnahme Mulchen, das heißt Mähen, Zerkleinern und Verteilen des Mahdguts auf der Fläche, wurde anfangs von Wissenschaftlerkollegen kritisch beäugt. Zwar ist die Maßnahme kostengünstiger als der Abtransport des Mahdguts von der Parzelle, doch sorgte man sich um die Anreicherung von Nährstoffen, die im Mahdgut enthalten sind und die langfristig die Bodenfruchtbarkeit übermäßig erhöhen könnten („Eutrophierungseffekt“). Die Artenvielfalt der Pflanzen und Tiere würde damit negativ beeinflusst. In den ersten Jahren schien sich die Sorge der Skeptiker zu bewahrheiten, da die Nährstoffgehalte im Boden anstiegen. Doch nach zwanzig Jahren hatte sich das Blatt gewendet, die Nährstoffgehalte entsprachen wieder dem anfänglichen Niveau. Durch Laboranalysen an Bodenproben aus den Jahren 1975, 1994 und 2014 konnte man außerdem nachweisen, dass der Nährstoff Phosphor zunehmend in chemischen Verbindungen im Boden vorliegt, die für Pflanzen und Mikroorganismen nicht oder nur schwer zugänglich sind. Ohne Archivproben aus Zeiten der Versuchseinrichtung wäre ein solcher Vergleich nicht möglich gewesen. Diese glückliche Fügung ist der kontinuierlichen bodenkundlichen Forschung von Prof. Dr. Gabriele Broll (Universität Osnabrück) in den Offenhaltungsversuchen zu verdanken.

Insgesamt bestätigt sich, dass das Mulchen die nährstoffarmen Bedingungen erhalten kann, an die die Pflanzen und Tiere der Kalkmagerrasen auf der Schwäbischen Alb angepasst sind. Auch die langjährigen Untersuchungen zur Zusammensetzung der Pflanzengemeinschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Poschlod (Universität Regensburg) weisen das Mulchen als geeignete Pflegemaßnahme aus. Allerdings muss man die standörtlichen Gegebenheiten im Boden berücksichtigen, um über die optimale Ausgestaltung des Mulchens, also den Zeitpunkt und die Häufigkeit im Jahr, zu entscheiden.

Die Forschungsergebnisse und die daraus resultierenden Empfehlungen für die Praxis werden in jährlichen Bereisungen der Offenhaltungsversuche dargestellt. Die rege Beteiligung durch Kommunen, Genehmigungsbehörden, Landschaftspflegeverbände, Landwirte und Universitäten auch aus anderen Bundesländern illustriert das anhaltende Interesse und die aktuelle Relevanz der Thematik. Damit steht dieses Projekt beispielhaft für die dringend notwendige Kommunikation von wissenschaftlichen Ergebnissen in die Politik und die Gesellschaft, um die Lösung von drängendenProblemen in der Beziehung zwischen Mensch und Natur voranzutreiben.

Das Projekt zeigt außerdem, dass ein langer Atem nötig ist, um die Auswirkungen von Umweltveränderungen zu verstehen, daraus Handlungsempfehlungen zu entwickeln und schließlich umzusetzen. Aus einer Vielzahl von Perspektiven widmet sich der anstehende Kongress für Geographie dieser Problematik.


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12.09.2017 - 01:00 Uhr