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Dem syrischen Pianisten Aeham Ahmad gelang die Flucht nach Deutschland. Jetzt spielte er in Lustnau.
Als Geschenk zum 86. Geburtstag der israelischen Menschenrechtlerin Felicia Langer (erste Reihe Mitte) gab der syrisch-palästinensische Pianist Aeham Ahmad im evangelischen Gemeindehaus von Lustnau ein Konzert. Bild: Metz
Die Islamisten übergossen sein Klavier mit Benzin

Dem syrischen Pianisten Aeham Ahmad gelang die Flucht nach Deutschland. Jetzt spielte er in Lustnau.

Der Pianist Aeham Ahmad musste wegen seiner Musik vor dem IS aus Syrien fliehen. Jetzt spielte er zu Ehren der israelischen Menschenrechtlerin Felicia Langer in Lustnau.

11.12.2016
  • Clemens Hirschfeld

Es wird still im Saal des evangelischen Gemeindehauses in Lustnau. Aeham Ahmad (gesprochen Eiham Achmad) greift kraftvoll in die Tasten seines Flügels. Dann schlägt er plötzlich leisere Töne an. Mit gefühlvoller Stimme fängt der 28-Jährige am Freitag an zu singen, auf Arabisch. Seine Stimme zittert, untermalt wird sie von düsteren, tiefen Klavierklängen. Unwillkürlich löst die Melodie Betroffenheit im Publikum aus. Obwohl ihn die wenigsten verstehen, fühlt man doch was er singt.

Vor einem Jahr war Aeham Ahmad schlagartig bekannt geworden. Er hatte sein Klavier in den völlig zerstörten Straßen Jarmuks, seiner Heimatstadt vor den Toren von Damaskus, aufgestellt und einfach begonnen zu spielen. Kinder versammelten sich um ihn und sangen mit. Aeham filmte seine Auftritte und stellte sie ins Internet. Bis IS-Terrormilizen kamen und seine Musik verboten. Die Terroristen übergossen sein Klavier mit Benzin und zündeten es vor seinen Augen an.

„Nicht nur mein Klavier, auch mein Herz ist damals verbrannt“, sagt Aeham Ahmad. Sein Leben war bedroht, er sah sich gezwungen, über die berüchtigte Balkanroute fliehen. Die Familie ließ er zurück, versprach aber, sie nach einem Jahr nachzuholen. Und dieses Versprechen löste er vor drei Monaten ein.

Aeham Ahmad spricht nicht gut Deutsch. Interviews gibt er in Englisch oder Arabisch. Nur das Wort „Familienzusammenführung“, geht dem Familienvater leicht über die Lippen. Sein vierjähriger Sohn Ahmad, der ihn an diesem Abend begleitet, hält dabei seine Hand ganz fest. Die dunklen Kinderaugen schauen verlegen zu Boden. Ab und zu riskiert der Junge aber einen schüchternen Blick und kann sich dann ein Grinsen nicht verkneifen. „Meine Frau hat Ahmad jeden Tag erzählt, dass ich ihn mit dem Flugzeug holen komme“, sagt Aeham. Er erzählt, dass sein Sohn oft in den Himmel blickt, auf die Flugzeuge zeigt, die ganz oben fliegen und auf Arabisch sagt: „das ist Papa, er kommt mich holen.“

Sein anderer Sohn Kinan ist erst ein Jahr und acht Monate alt. Der Junge erkennt seinen Vater noch nicht. Der blinde Großvater hatte Aehams Platz nach dessen Flucht eingenommen. Die Großeltern durften jedoch nicht mit nach Deutschland fliegen. Auch seine Brüder, die in Gefangenschaft geraten sind, vermutet er noch in Syrien. Das schmerzt den syrisch-palästinensischen Künstler sehr, auch wenn er heute einfach nur glücklich ist, seine Frau und Kinder um sich zu haben.

Sein Musikprogramm an diesem Abend ist deshalb nicht nur schwermütig. Im Gegenteil er spielt viele fröhliche arabische Lieder. „Klavierspielen ist meine Psychotherapie“, sagt Aeham. Er spielt immer mit geschlossenen Augen. Dabei kann er die Dinge, die er auf der Flucht mit ansehen musste besser verarbeiten: Landsmänner, die mit ihm flohen und in der stürmischen See ertranken. Den Schmerz, als er seine Söhne und seine Frau in Jarmuk zurücklassen musste. Von alldem lässt er sich aber nichts anmerken. Er hat gelernt, seine Gefühle mit einem Lachen zu überspielen.

Sein größter Wunsch ist es, irgendwann nach Syrien zurückzukehren. Solange aber der IS dort ist, kann er das nicht. Letztes Jahr hat er für sein Engagement gegen Krieg und Gewalt den internationalen Beethovenpreis erhalten. Als Menschenrechtler sieht er sich selbst jedoch nicht: „Eigentlich habe ich gar nicht für Menschenrechte gekämpft, sondern einfach nur Musik gespielt“, so der Pianist. Andere hätte sich, seiner Meinung nach, viel mehr verdient gemacht.

Felicia Langer, Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, widerspricht ihm: „Musik ist seine Waffe“. Die israelische Menschenrechtlerin umarmt Aeham Ahmad mit den Worten: „Du hast mich tief berührt“ und „du bist ein großartiger Musiker und ein noch viel besserer Mensch.“ Sichtlich gerührt verneigt sich Aeham Ahmad tief. Zu Ehren von Langers 86. Geburtstag spielte der Pianist überhaupt in Tübingen. Geld wollte er dafür nicht haben.

Allein in diesem Monat wird er noch 15 Konzerte spielen. Auch wenn er bis heute nur schwer verstehen kann, warum die Leute so begeistert von seiner Musik sind. Schließlich gebe es viele andere Klavierspieler, die auch noch viel besser seien als er. Die simple Antwort darauf gibt Laudator Hans Karl Henne, der das Konzert zusammen mit seiner Frau Mechthild organisiert hat: „Aehams Menschlichkeit und seine Geschichte sind es, die die Menschen faszinieren.“

Dann stimmt Aeham Ahmad ein letztes Lied an. Es ist ein fröhliches, das von seiner Heimat und Hoffnung handelt. Als der Refrain einsetzt, singen fünf syrische Flüchtlinge, die ganz hinten im Saal sitzen, laut mit. Ihre Stimmen fliegen frei über die Köpfe der Zuhörer im Saal hinweg. Auch sein vierjähriger Sohn Ahmad singt einige Zeilen, es ist das einzige Mal, dass er an diesem Abend spricht.

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11.12.2016, 16:27 Uhr
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