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Evangelische Kirche

Debatte über offene Pfarrhäuser für homosexuelle Pfarrer

Der evangelischen Kirche stehen hitzige Debatten über homosexuelle Pfarrer bevor. Anlass ist das neue Pfarrdienstrecht der EKD. Es öffnet Pfarrhäuser auch schwulen und lesbischen Pfarrern.

07.02.2011
  • ELISABETH ZOLL

Die Frage birgt Zündstoff: "Evangelische Kirche, wie hältst Du es mit der Homosexualität?" Seit sich acht evangelische Altbischöfe, darunter die Württemberger Gerhard Maier und Theo Sorg, öffentlich gegen die Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuelle Pfarrer ausgesprochen haben, ist eine alte Debatte neu entbrannt. Sie betonten: "Die Kirche muss homosexuellen Menschen raten, bindungslos zu bleiben".

Pfarrer Steffen Kern, Sprecher des synodalen Gesprächskreises "Lebendige Gemeinde", bekräftigte am Wochenende in Korntal bei Stuttgart, es sei fraglich, ob die württembergische Synode dem Gesetzestext der EKD zustimmen werde. Aus christlicher Sicht, so Kern, sei die Segung gleichgeschlechtlicher Paare nicht möglich.

Welchen Stand also haben Schwule und Lesben in der Kirche? Und was gilt für Pfarrer, die homosexuell sind? Vordergründiger Anstoß der Diskussion ist das Pfarrdienstgesetz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 1. Januar 2011, das für eine Vereinheitlichung in den Landeskirchen sorgen könnte. Das Gesetz öffnet das Pfarrhaus auch für eingetragene homosexuelle Partnerschaften. Doch reichen die Wurzeln des Konflikts wohl tiefer. "Es geht um das Verhältnis des Christentums zur Moderne", sagt Bernd Oberdorfer, Professor für Systematische Theologie in Augsburg. Wie sehr darf/muss die Kirche sich auf gesellschaftliche Veränderungen einstellen?

In dieser Frage am besten garnicht, lassen die acht Altbischöfe vermuten. Als Kronzeuge laden sie die Bibel: Homosexuelle Partnerschaften werden dort als "widernatürlich und schöpfungswidrig" dargestellt. Ergo könne der Mensch nicht gut heißen, was biblisch gesehen von Übel.

Das stößt auf Widerstand. "Die Kirche ist über Jahrhunderte daran beteiligt gewesen, wenn gleichgeschlechtlich liebende Menschen verfolgt und abgelehnt wurden", sagte Ilse Junkermann, die frühere Personaldezernentin der evangelischen Landeskirche Württemberg und heutige Bischöfin in Mitteldeutschland bereits 2001 mit Bezug auf eine unselige Kirchentradition.

Auch Oberdorfer insistiert. Zusammen mit anderen Theologen hat der Augsburger eine flammende Replik auf die Altbischöfe veröffentlich. "Man kann die Aussagen der Bibel nicht wörtlich nehmen." Das mache man ja auch nicht in Bezug auf die Vielehe. Eine eheähnliche Beziehung von gleichgeschlechtlichen Partnern, die auf Liebe, Treue und Verbindlichkeit aufgebaut ist, sei zur Zeit Jesu völlig unbekannt gewesen. Doch es gibt sie heute. "Wenn man akzeptiert, dass Homosexuelle Christentum glaubwürdig leben können, dann muss dieses für Nicht-Pfarrer wie für Pfarrer gelten", sagt Oberdorfer.

Das Thema zerreißt die katholische Kirche und die Anglikaner, aber auch die Protestanten. Und es treibt auf Ebene der evangelischen Weltkirche einen Keil zwischen Reformierte und Lutheraner, schafft auch Distanz zwischen den evangelischen Kirchen in Nord und Süd.

Von Diskriminierung will man in den Landeskirchen jedoch nichts wissen. In etlichen Gemeinden gibt es homosexuelle Pfarrer und Pfarrerinnen. Die Frage ist jedoch, ob sie ihre Neigung auch offen zeigen und mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin im Pfarrhaus leben dürfen.

Das neue Pfarrdienstrecht ebnet den Weg. Es könnte zu einem einheitlichen Vorgehen in den Landeskirchen führen. In Paragraph 39.1 heißt es: "Pfarrerinnen und Pfarrer sind auch in ihrer Lebensführung im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe an die Verpflichtungen aus der Ordination gebunden. Hierfür sind Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung maßgebend." Strittig ist die Fußnote. Danach umfasst der Begriff "familiäres Zusammenleben" auch Eingetragene Partnerschaften von Schwulen und Lesben, die auf Dauer geschlossen, verbindlich, verlässlich und auf gegenseitige Verantwortung hin ausgerichtet sind.

In der Kirchenprovinz Mitteldeutschland und in der Landeskirche Hessen-Nassau schreibt die Fußnote geltende Praxis fort. Von 22 in eingetragenen Partnerschaften lebenden Pfarrern und Pfarrerinnen weiß Stefan Krebs, Pressesprecher der als progressiv geltenden Landeskirche Hessen-Nassau. Acht Paare leben in Pfarrhäusern. Nennenswerte Probleme gebe es nicht. "Wer das Thema klar auf den Tisch legt, kommt besser an," sagt Krebs. Auch im Kirchenvorstand. Der hat nicht nur in Hessen-Nassau das letzte Wort, um den Frieden in den Gemeinden zu garantieren.

Im teilweise pietistisch geprägten Württemberg ist die Situation anders. Dort ist bisher ein Zusammenleben Homosexueller im Pfarrhaus tabu. Ob die Landeskirche sich nun der Vorgabe der EKD öffnen wird, ist ungewiss. "Wir stehen bei der Diskussion erst am Anfang", sagt Dan Peter, Referent der Landeskirche. Bis zum Sommer werde man sich in den Synodalausschüssen damit befassen. Dort wird entschieden, ob "wir den Paragraph 39 mit oder ohne Fußnote übernehmen". Dan Peter sagt aber auch: Glücklich sei man mit dem aus der EKD in die Landeskirchen getragenen Vorstoß nicht. "Dieses Thema sucht man nicht". "Es hat die Kraft zur Spaltung." Die Landeskirche wolle am Leitbild Ehe und Familie festhalten, gleichzeitig solle aber auch niemand diskriminiert werden.

Möglicherweise wird am Ende der Debatte eine Einzelfallprüfung stehen. Denn nicht die sexuelle Orientierung eines Menschen steht im Mittelpunkt des Pfarrerberufes, sondern die Glaubwürdigkeit der Verkündigung. "Ein Pfarrer, der anders lebt, als er predigt, wird nicht nur als Person unglaubwürdig. Er macht auch das Amt, das ihm anvertraut ist unglaubwürdig", betonte der Landessynodale und Jurist Kai Tröger bei einem Studientag der badischen Landeskirche. Die Debatte hat begonnen. "Sie wird so schnell nicht mehr verschwinden", sagt der Theologe Oberdorfer. Er dürfte Recht damit haben.

Debatte über offene Pfarrhäuser für homosexuelle Pfarrer
Wie sehr muss sich die Kirche der Gesellschaft anpassen? Foto: epd

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07.02.2011, 12:00 Uhr
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