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Das Schönreden des Fahrverbots
Am Stuttgarter Neckartor ist die Belastung durch Stickstoffdioxid besonders hoch. Foto: Ferdinando Iannone
Abgas

Das Schönreden des Fahrverbots

In der Landesregierung kursieren Pläne, Euro-5-Diesel mit einer neuen Software auszustatten. Sie sollen dann eine blaue Plakette erhalten. Umweltschützer sprechen von einer Mogelpackung.

15.04.2017
  • MARTIN HOFMANN

Stuttgart. Gipfel auf 19. Mai verschoben. Am 24. April wollte sich Winfried Kretschmann mit Autoherstellern und Gewerkschaften treffen. Thema: Zukunft der Branche. Terminprobleme gab das Staatsministerium als Grund an. Hinter der Absage aber könnte mehr stecken. Denn die Deutsche Umwelthilfe warnte den Ministerpräsidenten vor einem „schmutzigen Deal“ mit den Konzernen.

Den Protest gegen das Fahrverbot in Stuttgart hat Kretschmann völlig unterschätzt. Knapp eine halbe Million Pkw-Besitzer allein aus der Region mit einem Euro-5-Diesel-Pkw dürften bei Feinstaubalarm nicht mehr in die Landeshauptstadt fahren. Die Alarmsaison reichte dieses Jahr bis in den April. Ihren Pkw das Etikett „ältere Autos“ umzuhängen, empört sie. Wer vor September 2015 einen Diesel gekauft hat, betrifft das Fahrverbot. „Ich fahr kein altes Auto“, schimpft einer.

Kretschmann hat den Unmut aufgenommen. Das Fahrverbot für Euro-5-Diesel will er abmildern. Nachrüsten lautet das Zauberwort. Technisch geht dies. Referenztest der Umwelthilfe: Ein VW-Diesel-Passat stieß mit wesentlich verbesserter Abgasanlage statt 1000 nur noch 50 Milligramm Stickoxide (NOx) im Normalbetrieb aus. Kostenpunkt, wenn die Hersteller umrüsten: 500 bis 1000 Euro. Das Gesetz schreibt für Euro 5 einen Grenzwert von 180 und 80 Milligramm je Kilometer für Euro 6 vor, zu erfüllen bei „normalem Gebrauch“.

Die Landesregierung laboriert an anderen Lösungen. Nach einem Konzept der Hochschule Heilbronn sollen Euro-5-Pkw durch eine neue Software ertüchtigt werden, ihre NOx-Emissionen zu halbieren. Als Nachweis soll eine „Ballungsraum“-Prüfung auf dem Rollenprüfstand ausreichen. Der Trick: Die Autobahnanteile des Testzyklus – Geschwindigkeiten von mehr als 97 km/h – sollen wegfallen; Außentemperaturen unter fünf Grad Celsius und Fahrten auf Strecken, die 700 Meter über dem Meeresspiegel liegen, werden zu Ausnahmen erklärt. Euro-5+ sollen solche Diesel heißen und eine blaue Plakette erhalten.

Der Grund für diese Pläne: Zunächst schlossen die deutschen Autokonzerne eine taugliche Nachrüstung aus technischen Gründen aus. Inzwischen lässt sich dieses Argument nicht mehr halten. Bei Debatten im Automobilverband soll VW-Chef Matthias Müller für eine tragfähige Nachrüstung plädiert haben. Daimler-Chef Dieter Zetsche indes sträubt sich: zu kostspielig. Er scheint das Ohr des grünen Regierungschefs zu haben.

Jürgen Resch, Geschäftsführer der Umwelthilfe, hält die Absichten der Landesregierung für abwegig. „Eine bloße Softwareänderung und ein Mickey-Maus-Abgastest im Labor löst das Problem nicht.“ Er mahnt Kretschmann, nicht wieder vor den Interessen der Konzerne einzuknicken. Um Feinstaubalarm zu vermeiden, dürften nur noch Fahrzeuge in der Landeshauptstadt fahren, die den Euro-6-Grenzwert auf der Straße einhalten. Stuttgart sei, was Stickoxid-Belastungen angeht, die schmutzigste Stadt in Deutschland. Ein Deal zulasten der Menschen, die dort wohnen und arbeiten, dürfe es nach dem Abgasskandal nicht geben. Auch keine Nachrüstprämie auf Kosten der Steuerzahler oder Autokäufer. Sie hätten sich auf die Aussagen der Autobauer verlassen, „saubere“ Diesel zu produzieren.

Autos auf Euro-6-Niveau zu bringen, sei machbar. Experten versichern, dass SCR-Katalysatoren und Harnstofftanks etwa in allen Pkw mit Mercedes-Motor unterzubringen seien. Auch Autos anderer Hersteller ließen sich nachbessern. Die Kosten könnten Daimler und Co. allein aus aktuellen Jahresgewinnen finanzieren.

Die Notwendigkeit von Nachrüstungen zeigen Straßentests der Umwelthilfe. Vergleicht man den NOx-Ausstoß von Euro-6-Fahrzeugen im Winter – die Abgasreinigung schaltet spätestens bei unter 10 Grad Celsius ab – mit Euro-5-Autos, schneiden letztere im Schnitt besser ab. Unter 15 Neuwagen erfüllen nur zwei den Grenzwert – ein Mercedes E 200d, ausgestattet mit dem neuen Daimlermotor und ein Audi A5 2.0 TDI. Ein Mercedes B 180d belastet die Luft hingegen mit 1039 Milligramm Stickoxide pro Kilometer.

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15.04.2017, 06:00 Uhr
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