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Unruhe nach dem Sturm

Das Kofferträger-Projekt in Schwäbisch Gmünd ist beendet, die Wut bleibt

Nur Gewinner versprach das Projekt, bei dem Flüchtlinge Bahnreisenden in Schwäbisch Gmünd mit dem Gepäck helfen sollten. Ein Shitstorm machte das zunichte. Geblieben ist Wut - und ein "Jetzt-erst-recht".

01.08.2013
  • von FABIAN ZIEHE

Schwäbisch Gmünd Ihre Blicke sind gesenkt, wie sie da sitzen an den Tischen im Klassenraum der Unterkunft. Lamin Gibba und Muhamet Cham aus Gambia, Kolade Ajibola und Christopher Igbinomwanhia aus Nigeria. Eigentlich wollten sie nicht mehr mit der Presse reden. Was hat ihnen die schon gebracht? Zwei Tage waren sie Kofferträger, Teil des Stadtalltags. Bis der Shitstorm losbrach.

Marcela Bolsinger leitet die Flüchtlings-Unterkunft in den ehemaligen Kaserne oberhalb der Stadt. Sie hat die vier und den Afghanen Kazim Mohammadi überredet, nocheinmal ihre Wut zu schildern. "Das war ein gutes Projekt für uns. Nur hier rumsitzen ist nicht gut", sagt der 43-jährige Cham. Seit über zweieinhalb Jahren ist er in Deutschland, hofft auf Asyl und eine Arbeitserlaubnis. Das macht mürbe.

250 Flüchtlinge leben in der Unterkunft des Ostalbkreises - die große Mehrheit will arbeiten. Jeden Dritten können Bolsinger und ihr Team vermitteln, meist an kirchliche und soziale Stellen. Wie Mohammadi: Er ist seit vier Jahren hier und hilft in der Pflege eines Blindenheims. Für jene 1,05 Euro pro Stunde, die das Asylgesetz zulässt. Wenig, zu wenig Geld. Doch für ihn zählt, eine Aufgabe zu haben.

Daher hatte Gmünds OB Richard Arnold die Idee mit den Kofferträgern. Er kennt die Flüchtlinge seit einem Protestcamp 2012 vor dem Rathaus. Mit Landrat Klaus Pavel hatte er versprochen, die Lage der Asylbewerber zu verbessern. Nun wird die Bahnhofsunterführung umgebaut, wer auf Gleis 2 oder 4 will, muss über eine Behelfsbrücke samt Gepäck. Könnten dort nicht Flüchtlinge den Reisenden helfen?

Die Bahn zog mit, neun Flüchtlinge auch. "Keiner hat uns gezwungen", sagt Ajibola. Er war beim Projektstart mit am Bahnhof: Sonnenschein, Reden, Gruppenbild - die Presse berichtete, machte Fotos. Eins zeigte Arnold, der einem der Schwarzen an den Hut greift. Anders als die roten Hemden dienten diese nicht der Optik, sondern dem Sonnenschutz, sagt der Pressesprecher der Stadt Markus Herrmann - sie seien im Rathaus eh herumgelegen.

Im Nachhinein waren die Hüte freilich "nicht ganz so glücklich". Online zürnte jemand, OB Arnold wirke wie ein "weißer Massa". Auf der Facebook-Seite der Gmünder Tagespost war von "Sauerei", "Sklaverei" und "Post-Kolonialismus" zu lesen. Arnold wurde "Rassist" und "Nazi" genannt. "Das beschäftigt einen", sagt Arnold. Zumal so harsch formulierte Worte auch im Schweizer "Blick" und in der Londoner "Times" erschienen. Freunde von dort hätten daher besorgt nachgefragt, was denn da in Gmünd los sei.

"Herr Arnold ist kein Rassist", betont Ajibola. Doch bis die Stimme der Asylbewerber Gehör fand, hatte die Bahn die Stadt, dann die Presse über den Ausstieg informiert: "Die konkreten Beschäftigungsbedingungen sind der Deutschen Bahn erst jetzt bekannt geworden." Das wolle man nicht unterstützen. Seither schweigt die Bahn - bis heute.

"Es gab da gar keine Diskussion", klagt Herrmann. Er verstehe zwar, dass ein "bundesweit agierender Konzern auf die Bremse tritt". Hilfreich sei das bei Shitstorms aber nicht. Das weiß Gmünd aus der Namenssuche für den neuen B29-Tunnel. Eine Facebook-Gruppe warb für "Bud-Spencer-Tunnel" und erntete riesige Zustimmung. Die Stadt konnte wählen: ablehnen, womit die Stadt als spießige Provinz abgekanzelt worden wäre, oder klein beigeben. Die Lösung: Das Freibad erhielt den Namen des Schauspielers - dort war dieser 1951 als Profisportler geschwommen. "Das schöne an Neuen Medien ist, dass man reagieren kann", sagt Herrmann. Stadt und Kreis drängen die Bahn daher, einzulenken. Die Spanne zwischen 1,05 Euro und dem Tariflohn sollten an die Unterkunft oder den Arbeitskreis Asyl der "Bürgerinitiative gegen Fremdenfeindlichkeit" gehen.

Jene BI begleitet die Flüchtlinge. Drei Ehrenamtlichen sitzen mit im Klassenraum, sie sind auch empört. "Ich hätte mir all die Stimmen im Netz früher mal gewünscht", sagt Judith Kuntz. Die 34-Jährige und ihr halbes Dutzend Mitstreiter agierten seit Jahren unbeachtet, viele Gmünder wüssten gar nicht, wer da in den Kasernengebäude wohnt. Sicher lindere das Kofferträger-Projekt nur die Not Einzelner, die strikten Beschränkungen im Asylrecht bleiben ja bestehen. "Aber was sind die Alternativen?", fragt Kuntz.

Am Bahnhof ist zu dieser Zeit Hardon Ahmad Kahn unterwegs. Er trägt ein Karohemd, nicht mehr das rote Shirt. Bei Regen steht er unter einem Vordach neben dem Bahn-Mitarbeiter, der den Koffer-Job übernommen hat. Kahn, der in Pakistan vor seiner Flucht Taxi gefahren ist, trägt weiter Koffer. In brüchigem Englisch sagt er: "Ich sehe das als meine Pflicht an." Die Mitstreiter empört Kahns Haltung: Entweder alle machen offiziell weiter oder keiner. Sie debattieren mit der BI, die Kahn trotzdem begleitet. Bolsinger gelingt es, die Wogen zu glätten. "Herr Kahn zeigt die Hoffnung, er klammert sich an einen Strohhalm. Er will das nicht mehr hergeben."

Das Kofferträger-Projekt in Schwäbisch Gmünd ist beendet, die Wut bleibt
Lamin Gibba hat am Gmünder Bahnhof gern beim Koffertragen geholfen. Bis der Shitstorm dem ein Ende setzte. Foto: dpa

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01.08.2013, 12:00 Uhr
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