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Spannender Fund bei Tübinger Rathaus-Sanierung

Das Geheimnis der alten Münzen

Mit der Instandsetzung des historischen Dachreiters ist die Generalüberholung von Tübingens Schmuckstück am Marktplatz vollendet. Historiker förderten dabei Spannendes zu Tage.

13.12.2016
  • Volker Rekittke

Die strahlende Dezembersonne bringt ihr Werk zum Glänzen: Bevor am Donnerstag das letzte Gerüst am Rathaus abgebaut wird, trägt Restauratorin Ariane Brückel Blattgold mit 23¾ Karat auf den „Rathausknopf“ unter der Wetterfahne auf. Brückels Arbeitsplatz ist der höchste Punkt des nun vollständig restaurierten Tübinger Rathauses – 35 Meter über dem Marktplatz.

Die ältesten Teile des Dachreiters stammen vermutlich aus dem Jahr 1511, die Hälfte der historischen Holzkonstruktion wurde jüngst ersetzt. Auch wenn seine Wiederherstellung die 11-Millionen-Generalüberholung des Rathauses um 200000 Euro teurer werden ließ und den Zeitrahmen um ein halbes Jahr dehnte: „Es war höchste Zeit“, so Oberbürgermeister Boris Palmer. „Gut, dass wir nochmal genau hingeschaut haben.“ Denn einige der uralten Holzbalken waren so lädiert, dass der Aufbau wohl nicht mehr allzu lang durchgehalten hätte. Zuständig für die Zimmerei- und hölzernen Restaurationsarbeiten war die Tübinger Firma Holzwerk. „Das war der schwierigste Teil“, sagt Tobias Kienzle vom städtischen Hochbauamt. „Die haben einen tollen Job gemacht.“

Rathausknopf wird jene Kugel aus Kupferblech oben auf dem Dachreiter genannt. In ihr befindet sich ein zylinderförmiger Behälter mit zeitgeschichtlichen Dokumenten. Das Blechschild im Innern der Kapsel (Bild unten) trägt die Aufschrift: „Mornhinweg – Flaschner – 1877“. Diese „Zeitkapsel“ wurde zuletzt 1877, ein Jahr nach der damaligen großen Rathaussanierung, von Oberbürgermeister Julius Gös befüllt. Weil im Lauf der Jahre Wasser in die Zeitkapsel eingedrungen war, mussten Stadtarchivar Udo Rauch und sein Team den reichlich ramponierten Inhalt restaurieren – darunter eine Liste der damaligen Gemeinderäte, die Schilderung einer Serie von Bränden in Tübingen 1876/77, Rathausfotos vor und nach der Sanierung, die Sonderausgabe einer Zeitung zur Enthüllung des Uhland-Denkmals 1873 sowie Münzen aus verschiedenen deutschen Ländern, die vor der Einführung der Mark 1876 gültig waren.

Das Geheimnis der alten Münzen
Münzen, mit denen 1877 die Zeitkapsel auf dem Rathausdachreiter gefüllt wurde und die 2016 geborgen wurden. Foto: Christoph Jäckle / Stadtarchiv Tübingen
Besonders die Münzen haben das Interesse von Archivar Rauch geweckt: „Warum nur hat man 1877 – im Jahr nach der Einführung der Mark und sechs Jahre nach Gründung des Deutschen Reiches – 20 alte, damals wertlos gewordene Münzen auf dem Rathausdach ‚entsorgt‘? Hätte man nicht das neue Geld als Botschaft einer neuen Zeit dort oben einlagern müssen?“

Rauch vermutet, dass Kupferschmied Ferdinand Friedrich Haug, der die Münzen in die Kapsel eingelegt hat, nicht sehr begeistert vom neuen Deutschen Reich war – so wie viele Tübinger. „Der Riss ging durch die Stadtgesellschaft“, so Rauch. Nicht alle wollten den neuen Staat unter preußischer Führung mit einem hohenzollerischen Erbkaiser begründen. Schon Ludwig Uhland hatte 1849 in der Frankfurter Paulskirche seine Rede gegen das Erbkaisertum gehalten. Diese Rede druckte die Zeitung 1873 anlässlich der Enthüllung des Uhland-Denkmals nach. Und genau diese Rede legte der Kupferschmied den Münzen bei. Rauch: „Eine Art stiller Protest, eine Botschaft an die Zukunft?“

Das Geheimnis der alten Münzen
Kupfertafel des Flaschners. Bild: Metz
Der damalige Oberbürgermeister Gös jedenfalls ließ diesen „stillen Protest“ geschehen. Denn noch Jahre nach der Reichsgründung war man sich in der Bürgerschaft nicht einig über die Frage, wie das neue Deutsche Reich aussehen sollte – ob zum Beispiel Österreich hätte dazu gehören sollen. Um Streit zu vermeiden, so Rauch, enthielt sich die Stadtverwaltung aller politischen Äußerungen. „Dies ist auch der Grund dafür, warum man in der Rathausfassade, die fünf Jahre nach der Reichsgründung entworfen wurde, keinen einzigen Reichsadler findet.“ Denn das hätte wohl einen Teil der Bürgerschaft provoziert. Stattdessen habe man lieber auf die alte württembergische Geschichte Bezug genommen: „Dahinter konnten sich alle versammeln.“

Nun ist die Zeitkapsel unter der Wetterfahne wieder wasserdicht, der Rathausknopf erstrahlt in altem Kupfer- und neuem Gold-Glanz. 139 Jahre nach der ersten Befüllung wurde die Kapsel von Gös-Nachfolger Palmer neu bestückt. Zu den Dingen, die der Nachwelt überliefert werden, gehören eine DVD mit einem Film zur Stadtgeschichte, ein USB-Stick mit dem Verwaltungsbericht 2007 bis 2014, Materialien zur Klimaschutzkampagne „Tübingen macht blau“ samt Foto vom Ausflug zum Eisbärbaby Wilbär 2008, Schirmmütze und Faltblättern, ein Satz Euro-Münzen, darunter welche aus den Partnerstädten Aix-en-Provence und Perugia, eine Autogrammkarte von OB Boris Palmer – und die TAGBLATT-Ausgabe vom 29. Oktober 2016 – mit einem Bericht über die Besetzung der „Wielandshöhe“ in der Stauffenbergstraße.

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13.12.2016, 01:30 Uhr
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14.12.2016

22:32 Uhr

leser54 schrieb:

Da hat keiner auch nur 5 Minuten überlegt, was man in diese Zeitkapsel stecken könnte! Die CD ist in 15 Jahren Plastikschrott, der USB-Stick ebenso. Foto vom Ausflug zu Wilbär - wer will das in 100 Jahren wissen?! Und als Höhepunkt eine Autogrammkarte von Boris Palmer - nicht wirklich, oder?
Ist das alles, was den Tübingen für ihre Nachwelt einfällt?! Was für ein Armutszeugnis.



13.12.2016

13:15 Uhr

Stefan Fink schrieb:

Ob die Nachwelt von dieser Überlieferung soviel haben wird? Mal davon abgesehen das Rathausknopf mit seinen wahrscheinlich hohen Klimaschwankungen für eine Zeitkapsel eher ungeeignet ist. Bei der DVD platzen nach wenigen Jahrzehnten die informationstragenden Schichten ab. Da spielt es auch keine Rolle mehr, ob in 100 Jahren noch DVD-Player und Abspielprogramme zum Auslesen des Films aufzutreiben sind. Mit dem USB-Stick ist es ein ähnliches Kreuz wie mit Disketten: Ob künftige Rechner noch einen USB-Port haben werden, wo selbst heutige kein Diskettenlaufwerk mehr besitzen? Und hoffentlich hat man beim Papier nicht 0815 Recyclingpapier genommen sondern alterungsbeständige Sorten gemäß DIN ISO 9706, sonst werden unsere Nachfragen ihr blaues Wunder mit Zeitung und Flyer erleben.



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