Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Neue Tübinger Initiative will das Gras wachsen lassen

„Bunte Wiese“ wirbt für Faulheit – nicht für Denkfaulheit

Die Initiative „Bunte Wiese“ wird auch schon mal für ein schlechtes Vorbild gehalten. Den Biologen Philipp Unterweger ficht das nicht an. Es gibt gute Gründe für ihn, das Gras auch mal wachsen zu lassen.

26.04.2015
  • Hans-Joachim Lang

In Tübingen kann es einem passieren, dass man an einer größeren öffentlichen Grünfläche vorbeikommt, vor der ein Schild erklärt: „Dies ist eine bunte Wiese.“ Hoppla! Der ideale Ort, um einen Mann wie Philipp Unterweger zu treffen. Er gehört seit einiger Zeit der Initiative „Bunte Wiese“ an und von ihm kann man lernen, dass nicht alles schätzenswerte Wiese ist, was nur grün ist.

„Die Leute sollen mutig sein, auch mal das Gras wachsen zu lassen“, sagt der Biologie-Doktorand. Das bringt Zeit mit sich, die man statt mit Mähen für etwas anderes nutzen kann. „Zum Beispiel, um sich ins Gras zu legen und zu beobachten, wie man Teil der Natur ist“, sagt Philipp Unterweger. Der 28-Jährige stammt aus einem oberschwäbischen Dorf, wo er die Graswurzelperspektive im heimischen Naturgarten kennenlernte. Nach Tübingen kam er zum Studium. Biologie spielt sich für ihn nicht unbedingt in einem Reagenzglas ab. Jedenfalls nicht nur.

Wiese bedeutet Artenvielfalt und mehr als nur bunte Blüten. In der Stadt gibt es aber wenig Platz für Wiesen. Ihr größter Feind ist die Sense beziehungsweise der Motormäher. Unterweger: „Mit jeder Mahd werden die Lebewesen um die Hälfte reduziert.“ Öffentliche Grünflächen werden aber meist acht- bis zehnmal im Jahr gemäht.

Das hat vor fünf Jahren einige Studierende und Mitarbeiter der Universität dazu gebracht, eine Initiative zu gründen, die sich mit der steten Abnahme der biologischen Vielfalt beschäftigen sollte. „Bunte Wiese“ nannte sich die Initiative, die ihr Augenmerk auf innerstädtische Grünflächen richtet.

„Es war nicht einfach, eine schwäbische Verwaltung vom Rasenmähen abzubringen“, sagt Unterweger. Er sagt das nicht abschätzig oder herablassend. Wie sehr es ihm und seinen Mitstreitern in den vergangenen Jahren gelungen ist, im Kontakt mit Verwaltungen den richtigen Ton zu treffen, ließ sich dieser Tage in einem Hörsaal des Biologischen Instituts ermessen, wo das Engagement der Wiesen-Initiative als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet wurde. Da saßen nämlich Vertreter der Stadtverwaltung, der Zentralen Verwaltung der Uni und der staatlichen Vermögensverwaltung in der ersten Reihe und schwärmten in Grußworten von der ansteckenden Begeisterung der Initiativler.

Diese haben längst erkannt, dass sie nicht nur die Verwaltungen hinter sich bekommen müssen. „Das Problem der Akzeptanz liegt manchmal stärker bei uninformierten Bürgern, die ökologisch wertvolle Flächen mit hochgewachsenen Gräsern als verwildert und ungepflegt auffassen“, sagt Unterweger. Darum auch die Info-Tafeln, die signalisieren, dass hinter dem Wildwuchs nicht Faulheit, sondern ein Konzept steht.

Wissenschaftlichbegleitetes Projekt

In der Anfangsphase des Wintersemesters 2009/2010 waren die in Frage kommenden Flächen im Stadtgebiet qualitativ erfasst und kartiert, danach die ersten Kontakte zu den Zuständigen in den Verwaltungen und zu Multiplikatoren hergestellt, zudem in monatlichen Sitzungen die Ergebnisse zusammengetragen. Jahrs darauf konnten, nachdem zehn Gebiete im Stadtgebiet als Modellwiesen ausgewiesen waren, die ersten Erfahrungen gesammelt werden.

Seither wird das bereits auf 35 Modellwiesen aufgestockte Projekt wissenschaftlich begleitet. Bekannt war, dass häufiges Mähen die pflanzliche Vielfalt auf Grünflächen verringert, weil solche Störungen die erfolgreiche Reproduktion der Pflanzengemeinschaften enorm erschweren. Aber wie steht es bei Kleinlebewesen? „Wir untersuchen stets intensiv gepflegte Rasenflächen neben Modellwiesen“, sagt der Biologie-Doktorand. „Die Ergebnisse zeigen deutliche quantitative Unterschiede.“

Unterweger zeigt auf eine Hummelkönigin, die wie bestellt und ferngesteuert während des Gesprächs über die Modellwiese brummt, aber immer nur bis an die Grenze zur Rasenfläche und dort wieder umdreht. Frappierend. Die meisten dieser geradezu dramatischen Ereignisse spielen sich unbeachtet ab. Mitglieder der „Bunten Wiesen“ haben Käfer und Wildbienen ausgezählt, Tagfalter, Wanzen und Heuschrecken. In der Tendenz gleichen sich die Befunde, intensiv gemähte Grünflächen führen zu einer erschreckenden Verarmung dieser Lebensräume.

Künftig will die Initiative verstärkt auch mit Privatleuten zusammenarbeiten. Nicht um gegen alle Rasen in den Kleingärten zu wettern, sondern in erster Linie, um das Bewusstsein für natürliche Zusammenhänge zu schärfen. Unterweger: „Es ist wichtig, dass sich ein größerer Teil der Gesellschaft für die Erhaltung der Natur verantwortlich zeigt.“

„Bunte Wiese“ wirbt für Faulheit – nicht für Denkfaulheit
Bunte Wiese im Botanischen Garten im ersten Jahr nach der Umstellung auf zweifache Mahd.Bild: Unterweger

„Bunte Wiese“ wirbt für Faulheit – nicht für Denkfaulheit
Philipp Unterweger Bild: Lang

Im Namen der Geschäftsstelle der UN-Dekade wurde die Initiative „Bunte Wiese“ durch Prof. Thomas Potthast ausgezeichnet, dem Sprecher und Wissenschaftlichen Koordinator des Tübinger Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften. Die UN-Dekade „Biologische Vielfalt 2011 bis 2020“ ist ein Programm der Vereinten Nationen mit dem Ziel, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der biologischen Vielfalt zu fördern. Die Auszeichnung als „offizielles Projekt“ ist Ergebnis eines Wettbewerbs, an dem die Initiative teilgenommen hat.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.04.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil


In der aktuellen Ausgabe des Business-Magazins Wirtschaft im Profil : Schöner Arbeiten - Bedeutung von Architektur für Unternehmen der Region
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-0
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934166
wip@tagblatt.de

Zum Kontaktformular