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Berufsleben

Büroehe auf Führungsebene

Teilzeit und Jobsharing gibt es heutzutage in den meisten Unternehmen. Aber funktioniert das Modell auch an der Spitze der Hierarchie?

04.11.2017
  • REBECCA JACOB

Stuttgart. Schon im Gespräch merkt man: Katrin Hörber und Katharina Bleck passen gut zusammen. Sie lassen sich ausreden und die eine ergänzt Aussagen der anderen mit neuen Aspekten, statt das Gesagte zu wiederholen. Die beiden sind Abteilungsleiterinnen in der Revision für Einkaufs- und Bauprozesse bei Daimler in Stuttgart – und besetzen diese Stelle seit zweieinhalb Jahren zu zweit. Jobsharing nennt sich das Modell: Hörber und Bleck arbeiten je 30 Stunden die Woche, zusammen also 60 Stunden. „Das ist schon mal ein Benefit für den Arbeitgeber, was wir machen, kann ein einzelner nicht leisten“, erklärt Hörber.

Führungskraft und Teilzeit gilt immer noch als Widerspruch. Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung lag der Anteil der „Teilzeitbeschäftigten mit Management- oder weitergehenden Führungsaufgaben“ im Jahr 2015 bei 11 Prozent, bei „herausgehobenen Führungsposten“ bei 6,5 Prozent.

Noch viele Vorurteile

Das Klischee vom Chef, der 60 Stunden die Woche ackern soll, hält sich hartnäckig. Offenbar aber nicht beim schwäbischen Autobauer, der Jobsharig seit Mitte der 80er Jahre anbietet: „Wir arbeiten daran, diese Vorurteile abzubauen, mit steigender Tendenz“, sagt Hörber. Ein Vorurteil ist auch, dass Teilzeit nur etwas für junge Mütter ist, die Zeit für die Familie brauchen.

Das zumindest trifft bei Hörber und Bleck voll zu: Beide haben jeweils zwei Kinder. Beide haben schon vorher bei Daimler als Teamleiterinnen in „normaler“ Teilzeit gearbeitet und beide wollten vor zweieinhalb Jahren den nächsten Karriereschritt machen und Abteilungsleiterin werden – jedoch nicht auf Kosten ihres Familienlebens. Über ein firmeninternes Netzwerk lernten sich die Frauen kennen: „Wir haben gleich gemerkt, dass es mit uns beiden passt“, erzählt Bleck.

Neben persönlicher Sympathie seien vor allem „ein gemeinsames Wertesystem und klare Spielregeln“ unabdingbar, sagt Bleck und Hörber ergänzt: „Dann kann man dem anderen vertrauen und auch loslassen – es gibt keine Entscheidung, die Katharina getroffen hat, die ich so nicht hätte mittragen können.“

Um die gemeinsame Linie abzustimmen, nutzen die Frauen vor allem Autofahrten und gemeinsame Mittagessen: Funktionierende Kommunikation sei das A und O beim Jobsharing. Auch ist es von Vorteil, wenn sich die Fähigkeiten der Tandempartner ergänzen: Die studierte Wirtschaftsingenieurin Bleck hat mehr Erfahrung im Einkauf und in der Vergabesteuerung, Betriebswirtin Hörber bringt viel Knowhow im Bereich Projektkontrolle und Rechnungswesen mit. Katharina Bleck ist sich sicher: „Diese unterschiedlichen Fähigkeiten sind einer der Hauptgründe, weshalb wir die Stelle bekommen haben.“

Hört man den beiden Abteilungsleiterinnen zu, ergeben sich für beide Seiten nur Vorteile: „Alles ergänzt sich, auch unser Netzwerk“, schwärmt die 37-jährige Bleck, und ihre 38-jährige Kollegin fügt hinzu: „Ich hab immer meine Sparringspartnerin an meiner Seite. Das verschafft mir einen ganz anderen Blick auf die Dinge, weil wir alles vorher durchsprechen, davon profitieren natürlich auch Kunden und Mitarbeiter.“

Obwohl sie selbst in Vollzeit arbeitet, ist das Thema Jobsharing für Josephine Hofmann eine wichtige Angelegenheit. Die Abteilungsleiterin beim Fraunhofer Institut in Stuttgart beschäftigt sich schon lange mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und sieht durchaus die guten Seiten: „Unternehmen können dadurch Fachkräfte behalten, die sonst eventuell abwandern würden. Auch bekommt man so leichter Frauen in Führungspositionen.“ Für Arbeitnehmer sei der wichtigste Vorteil „die gegenseitige Unterstützung, denn die findet definitiv zu wenig statt bei Führungskräften.“

Trotz aller Vorzüge sieht Hofmann das Modell auch kritisch, so koste etwa die von Hörber und Bleck beschriebene 60-Stunden-Stelle den Arbeitgeber mehr. Außerdem ginge die Rechnung für die Unternehmen manchmal nicht auf: „Es ist immer mit Risiko verbunden, jemand Neues einzustellen, bei Führungskräften sowieso. Ich halte es vor allem bei externen Bewerbern für schwierig, wo man nicht weiß, wen man sich ins Haus holt.“ Ihr Rat daher: Augen auf bei der Tandemwahl!

Letzteres können Katrin Hörber und Katharina Bleck nur unterschreiben, sie vergleichen das Jobsharing gar mit einer Ehe oder Partnerschaft. „Da sollte man ja auch wissen, ob es passt, bevor man Kinder bekommt.“, sagt Hörber.

Immer noch sind Teilzeitmodelle vor allem Frauensache: In Baden-Württemberg waren 2015 rund 11 Prozent der erwerbstätigen Männer in Teilzeit beschäftigt, bei den Frauen waren es fast 50 Prozent. Josephine Hofmann macht dafür vor allem alte Geschlechterklischees verantwortlich, die gerade Männer in Führungspositionen davon abhalten, nach Teilzeitmodellen zu fragen: „Man braucht schon ein gewisses Standing, um das einzufordern – salopp gesagt fühlen sich viele Männer noch als ,Weichei‘, wenn sie in Teilzeit arbeiten möchten. Mittlerweile ist das schon besser vorstellbar, aber solche Entwicklungen brauchen Zeit.“

Einer weiteren Studie der Hans-Böckler-Stiftung zufolge ist der Wunsch nach Teilzeit bei Männern in Führungspositionen „kaum“ akzeptiert, bei Frauen immerhin „teilweise“. Elternzeit von Vätern sei weitgehend akzeptiert, sofern sie nur zwei Partnermonate beanspruchen. Häufig werde aber erwartet, dass sie den Zeitraum der Elternmonate „nach betrieblichen Belangen ausrichten“.

Männer wünschten sich aber kürzere Arbeitszeiten. Das kann Katrin Hörber bestätigen. Auch wenn es bei Daimler bisher nur ein einziges männliches Tandempaar gibt, sei der Konzern bemüht, diese Entwicklung voranzutreiben. „Trotzdem müssen viele sich fragen, ist der Verdienstverzicht für mich machbar. Aber das Interesse der Männer ist auf jeden Fall da.“ Der Wunsch nach weniger Arbeitszeit könne viele Gründe haben, es müsse nicht immer um Kinder und Familie gehen. „Manche wollen ehrenamtlich arbeiten, sind nebenbei noch selbstständig oder wollen einfach mehr Zeit für ihre Hobbys.“

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04.11.2017, 06:00 Uhr
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