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Unaufdringlich präsent sein

Bürgerstiftung unterstützt soziale und kulturelle Projekte

Seit 2002 gibt es die Bürgerstiftung Reutlingen, die jährlich bis zu 40 000 Euro für soziale und kulturelle Zwecke verteilt. „Es war eine notwendige Entscheidung, die Stiftung zu gründen“, sagt der Vorsitzende Karl-Heinz Walter und erklärt, was sich im Jubiläumsjahr alles getan hat.

28.12.2012
  • von Thomas de Marco

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Reutlingen. Begonnen hat alles mit acht Reutlinger Bürgern, die vor zehn Jahren auf Initiative des evangelischen Dekans Jürgen Mohr zusammenfanden und die Notwendigkeit von zusätzlichem Engagement im sozialen Bereich sahen. „Wir hatten Randgruppen im Blick, aber auch die Kultur und den Denkmalschutz“, erinnert sich Walter. Die Gründer, die damals 60 000 Euro an Stiftungskapital einbrachten, gaben nicht nur Geld, sondern arbeiten bis heute auch ehrenamtlich.

„Im Gegensatz zu den meisten anderen Stiftungen haben wir eine reine Bürgerstiftung ohne Beteiligung der Öffentlichen Hand oder politischer Gruppierungen“, betont der Vorsitzende. „Wir wollen nicht das auffangen, was an Pflichtaufgaben von der Öffentlichen Hand nicht mehr gemacht wird.“ Das sei in Reutlingen anfangs kritisch begleitet worden, sagt Walter. Einige befürchteten, dass nun ein weiterer Konkurrent um Spenden aufgetaucht sei. Viele hätten auch nur gesagt: „Abwarten, wie lange sich die Bürgerstiftung hält.“

Sie hat sich nicht nur lange, sondern auch gut gehalten: Heute beträgt das Vermögen dank Zustiftungen und Erbschaften etwa 670 000 Euro, es gibt vier Unterstiftungen (siehe Extra-Kasten), jährlich werden bis zu 40 000 Euro aus Stiftungserträgen und Spenden an Projekte verteilt, in den vergangenen sechs Jahren sind insgesamt 190 000 Euro ausgeschüttet worden. „Mittlerweile werden wir auch von der Kommune mit großem Wohlwollen begleitet“, freut sich der Vorsitzende. Zu den dieses Jahr unterstützten Projekten zählen die Förderung der Hermann-Kurz-Schule, des Knabenchors „Capella Vocalis“, des Frauenhauses oder von „Pro Labore“.

Allerdings habe die Stiftung, die mittlerweile das Gütesiegel des deutschen Stifterverbands hat, nach der Gründung erst noch eine Lernphase durchmachen müssen. „Das Einwerben von Geld erfordert eine ganz spezielle Strategie. Da kann man nicht nur einfach auf den Marktplatz stehen, Luftballons verteilen und die Leute um Geld bitten“, sagt Walter. Die Konkurrenz im Kampf um Spenden sei jedenfalls groß. „Da ist es wichtig, dass sich die Leute darauf verlassen können, dass ihr Geld auch ankommt“, betont der Vorsitzende. „Das gelingt uns abzüglich geringer Verwaltungskosten fast 1:1.“

Derzeit leidet die Reutlinger Bürgerstiftung allerdings wie alle anderen Stiftungen unter dem niedrigen Zinsniveau. Die Erträge des sehr konservativ angelegten Kapitalstocks sind deshalb nur gering. „Wir halten uns aus Spekulationen raus und nutzen nur Sparbriefe, Staatsanleihen oder Wertpapiere im sicheren Bereich. Inflationsbereinigt schaffen wir momentan nur eine ordentliche Vermögenserhaltung“, erklärt der Vorsitzende.

Traditionellste Spendenquelle ist das Benefizessen am Abend des ersten Advents. Dieses Jahr sind etwa 90 Personen gekommen und haben bei Preisen von 65 Euro über 5000 Euro in die Stiftungskasse gebracht. Weitere Veranstaltungen waren etwa die Matinee in der Nikolaikirche, das Jubiläumsfest im Naturtheater oder Radfahren gegen Gewalt.

Im Jubiläumsjahr haben die Verantwortlichen überlegt, ob die Strukturen noch tauglich sind. Herausgekommen ist, dass die Arbeit neu und auf mehrere Schultern verteilt wird: Der Vorstand ist deshalb auf vier Personen erweitert worden. Ursula Wendler wechselt auf eigenen Wunsch in den Stiftungsrat, neu im Leitungsgremium sind die Architektin Ursel Riehle und Ingo Wolff, Lehrer an der Theodor-Heuss-Schule. Außerdem ist für die Geschäftsstelle am Marktplatz 1 eine Leiterin in Teilzeit angestellt worden.

„Es war eine notwendige Entscheidung, die Stiftung zu gründen – notwendig im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Walter. „Wenn wir das nicht gemacht hätten, müsste das spätestens jetzt passieren. Allerdings haben wir immer noch Defizite, die Bürgerstiftung in den Köpfen der Menschen zu verankern.“ Um stärker ins Bewusstsein der Reutlinger Bevölkerung zu kommen, müsse man noch mehr tun – „immer nach dem Motto: präsent sein, ohne aufdringlich zu wirken“, wünscht sich der Vorsitzende.

Bürgerstiftung unterstützt soziale und kulturelle Projekte
Sie haben die Reutlinger Bürgerstiftung seit der Gründung vor zehn Jahren geleitet: (von links) Vorsitzender Karl-Heinz Walter, Ursula Wendler und Hans Hammann. Mittlerweile ist der Vorstand auf vier Personen erweitert worden.Bild: Bürgerstiftung

Die Reutlinger Bürgerstiftung hat mittlerweile vier Unterstiftungen. Die größte ist die Stiftung Marienkirche, die jährlich bis zu 20 000 Euro zu den 120 000 Euro Unterhaltungskosten der Kirche beisteuert. „Diese Unterstiftung ist sogar noch wohlgeratener als die Mutter“, sagt der Bürgerstiftungs-Vorsitzende Karl-Heinz Walter. Für sexuell belästigte Jungen und Mädchen engagiert sich die Stiftung Wirbelwind. Die 2008 eingerichtete Rainer-Kehrer-Stiftung des früheren Wirtschaftsprüfers und Steuerberaters Kehrer kümmert sich um Projekte mit Vorbildcharakter für Jugendliche. Jüngstes Beispiel ist das Beachvolleyball-Feld in Bronnweiler. Seit 2010 gibt es außerdem die Unterstiftung für das Umwelt-Bildungszentrum Listhof.

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28.12.2012, 12:00 Uhr
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