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Gedenken an Hans Herb

Boot vorm Kamin getrocknet

131 Jahre einer Tübinger Drogeriegeschichte gingen mit Hans Herbs Tod zu Ende. Bei einer kleinen Feier wurde der Drogist mit Gedichten und Musik verabschiedet.

18.09.2009
  • von Christina Kyriasoglou

Tübingen. Mehr als 70 Menschen stehen und sitzen, ja quetschen sich geradezu um kurz vor 19 Uhr in der Drogerie Müller in der Kirchgasse. Vor der Tür stehen noch über 20, die herein wollen. Es ist aber einfach kein Platz mehr da. Die Besucher müssen vorm Schaufenster stehen bleiben und von dort zuschauen.

Familie, Freunde und Bekannte sind am Mittwochabend gekommen, um Abschied vom „langen Hans“, vom Drogisten Hans Herb zu nehmen, der vor etwa sechs Monaten gestorben ist. Der Abschied von Hans Herb ist gleichzeitig der von seiner Drogerie, die seit 1878 in Tübingen besteht. Ende des Monats wird sie schließen.

Die kleine Feier organisierten Helene Herb, die Tochter, Bernhard Hurm, der Neffe Herbs, und Christian Holder, Sohn des Tübinger Musikers Fritz Holder, der sehr gut mit Hans Herb befreundet war.

Christian Holder spielte auf der Gitarre eigene Lieder und einige seines Vaters. Er erzählte, er habe schon mit Herbs ältester Tochter in der Wiege gelegen. „Ich hab gedacht, man könnt’ ja heiraten. Aber dann hat sie einen Amerikaner genommen“, sagte er und erntete Lacher aus dem Publikum.

Holder erzählte auch, wie Hans Herb bei den amerikanischen Freunden des Schwiegersohns bekannt war: als „Mann, der ein Boot in seinem Wohnzimmer gebaut hat“. Der Hintergrund ist, dass Herb aus Fiberglas und Harz ein Ruderboot baute, welches er zu Hause vor den Kamin hängte und dort trocknen ließ.

Helene Herb trug selbst verfasste Gedichte vor. Eins davon beschreibt, wie sie die Lebensphilosophie ihres Vaters wahrgenommen hat: „Ich erträume mir eine Hängematte, lege mich darunter, schlage ein Buch andersherum auf, rieche in meinen Ohren Freiheit.“ Auch das Gedicht „Innerer Tempel“ widmete sie ihrem Vater. „Das ist das, was die Drogerie für meinen Vater war.“

Christian Holder erinnerte sich an seine Kindheit zurück. In der Drogerie hat er Feuerwerkskörper gekauft, die er auf privaten Festen zündete. Hans Herb habe auf seine Frage nach den Knallern jedes Mal geantwortet: „Du weißt doch, dass ich’s unterm Jahr nicht verkaufen darf. Aber was brauchst denn?“ Und dann, sagte Holder, habe er immer das Doppelte genommen. „Ich wusste ja, die Hälfte tut’s eh net.“

Bernhard Hurm ist Schauspieler am Theater Lindenhof in Melchingen. Er rezitierte verschiedene Gedichte, zum Beispiel Ringelnatz’ „Verschneite Winterstraße“ und Uhlands „Der Sommerfaden“. Zu dem meinte er: „Ich hab da schon das sanfteste rausgesucht. Sonst hat Ludwig Uhland ja nur so Schlacht-Gedichte.“

Doro Burke, eine von Hans Herbs Töchtern, schaute nachdenklich auf den alten Apothekerschrank. Auf einer Schublade steht „Canariensamen“. „Ich habe mich schon, als ich klein war, gefragt, was das ist.“ Einige Umstehende überlegten mit ihr – zu einem Ergebnis kamen sie nicht.

Die Drogerie birgt noch viele weitere Geheimnisse, fast wie eine Schatztruhe. Das Gedicht „Müller & Co“ hat Helene Herb erst am Vorabend fertig geschrieben und es handelt von all den wundersamen Dingen, die immer wieder an den ungewöhnlichsten Orten aufgetaucht sind.

Zum Abschluss spielte Christian Holder ein Lied seines Vaters mit dem Titel „Zu Ende das Fest“. Die Zuschauer kannten den Text und sangen leise den Refrain mit.

Bei Rotwein und Schmalzbroten tauschten die Gäste danach Erinnerungen aus. „Wir haben hier früher immer die Sonnenräder gekauft. Da waren wir ganz verrückt nach“, weiß eine ältere Frau noch.

Umso größer war das Bedauern auf allen Seiten, dass es die Drogerie bald nicht mehr geben wird. Auch Christian Holder war traurig: „Tübingen geht etwas Einzigartiges verloren.“

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18.09.2009, 12:00 Uhr
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