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Boom in den Fußballschulen

Von TEXT: Vincent MeissnerFOTO: Pressefoto Ulmer, Karl-Heinz Kuball,Uli Rippmann, Privat

Warum seit einigen Jahren immer mehr Eltern ihre Kinder nicht nur in den Verein zum Kicken schicken, sondern entweder regelmäßige Zusatzeinheiten bei Fußballschulen oder in Feriencamps buchen.

Boom in den Fußballschulen

Einer der Pioniere in Sachen Fußballschule war vor 30 Jahren der Tübinger Wolfgang Schneck. „Wir waren die Ersten in Baden-Württemberg“, sagt der 63-jährige Inhaber der Trainer-A-Lizenz. Bei der Jahrestagung des Bunds Deutscher Fußballlehrer (BDFL) 1987 in Warendorf gab’s eine Präsentation der weltberühmten Fußballschule von Ajax Amsterdam. Schneck war damals unter anderem mit seinen Trainerkollegen Ralf Rangnick – heute Sportdirektor bei RB Leipzig – und Thomas Albeck – Leiter der Leipziger Nachwuchs-Akademie – dabei.

Der damalige Verbandssportlehrer Albeck und der spätere Bundesliga-Torhüter bei Bayern München, Sven Scheuer aus Böblingen, waren als Trainer mit dabei, als Schneck mit seiner kurzum gegründeten „Fußballschule Torschuss“ in Lustnau noch im gleichen Jahr ein Fußball-Feriencamp für Kinder veranstaltete. Schneck wollte einerseits ein anspruchsvolles Ferienprogramm bieten und andererseits die Kinder auf hohem fußballerischem Niveau ausbilden. 50 Mark kostete das damals für dreieinhalb Tage.

Inzwischen gibt es Fußballschulen en masse. Eine Statistik, wie viele es sind, existiert nicht. „Wir haben da keine Erhebung“, sagt Heiner Baumeister, Pressesprecher beim Württembergischen Fußball-Verband (WFV). Auch, weil die Definition des Begriffs relativ offen ist und es mannigfaltige Angebote gibt: Fußballschulen nennen sich sowohl Feriencamps von Profi-Vereinen wie dem VfB Stuttgart als auch regelmäßige Angebote von Vereinen wie der Fußballschule „Fairplay“ beim VfL Sindelfingen und rein private Unternehmen wie die Fußballschule „Intersocca“ des Mössingers Andreas Weinberger.

Beispiel „Fairplay“

Ein Beispiel für eine gut geführte Fußballschule ist für WFV-Pressesprecher Baumeister die zum VfL Sindelfingen gehörende Fußballschule „Fairplay“ von Andy Russky. Der 43-jährige A-Lizenzinhaber und Diplom-Sportwissenschaftler, einst bei den Stuttgarter Kickers II bis in die Oberliga hinauf am Ball, hat schon während seines Studiums begonnen bei der 1997 gegründeten Fußballschule zu arbeiten. 2002 übernahm er die Fußballschule, die von der Rechtsform her ein sogenanntes Einzel-Unternehmen ist. Mit dem VfL Sindelfingen gibt es einen Kooperationsvertrag, der unter anderem eine vergünstigte Platzmiete und sozialverträgliche Preise regelt.

Der Grund für die Gründung der Fußballschule 1997 war der, dass es beim VfL Sindelfingen in der Jugendabteilung nicht genügend Plätze gab. Im Unterschied zum ländlichen Raum, wo sich die Jugendfußball-Mannschaften verschiedener Vereine immer häufiger zusammenschließen und Spielgemeinschaften bilden, weil zu wenige Kinder kommen, herrscht in Städten eher ein Mangel an Plätzen in Vereinen. So hat die Fußballschule auch die Funktion, Talente auszusieben: „Wir sind Vorsichter für den Verein“, sagt Russky. Kinder und Jugendliche zwischen knapp drei und 18 Jahren trainieren bei „Fairplay“.

Beispiel „Intersocca“

Eine der hiesigen Fußballschulen ist „Intersocca“. Der 32-jährige Mössinger Andreas Weinberger hat sie im September 2016 gegründet – zuvor leitete er selbstständig die Fußballschule unter dem Dach des SSV Reutlingen. Als er im Juli 2016 als U12-Trainer zum VfB Stuttgart wechselte, gründete er kurz darauf das Einzel-Unternehmen „Intersocca“. Bevor der einstige Verbandsliga-Spieler vor zwei Jahren aus familiären Gründen nach Süddeutschland zog, war er schon sieben Jahre bei der „Football-Academy Germany“ im Ruhrgebiet tätig, einer der größten Fußballschulen der Republik mit acht Standorten und etwa 400 Kindern.

Am Standort im Reutlinger Fitness- und Sportzentrum Cabriolo in der Kunstrasen-Halle und auf dem Tübinger Holderfeld auf dem Kunstrasen im Freien hat Weinberger inzwischen etwa 110 Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren im wöchentlichen Training. Im Winter hofft er, in Tübingen in eine städtische Halle ausweichen zu können.

Die zehn Gruppen setzen sich aus je acht bis zwölf Kindern in gleichem Alter und etwa gleicher Leistungsstärke zusammen. Spieler von den Stuttgarter Kickers, dem SSV Reutlingen und der TSG Tübingen sind regelmäßig dabei, teils fast als geschlossene Mannschaften – aber auch Kinder aus kleineren Vereinen. Weinberger versteht seine Fußballschule als Anbieter für zusätzliches Training – nicht als Konkurrenz zu den Vereinen. Zumal Fußballschulen – im Gegensatz etwa zu Kampfschulen – keine regelmäßigen Wettbewerbe bestreiten.

Positive Rückmeldungen

Bei einer kleinen Internet-Umfrage von WIRTSCHAFT IM PROFIL äußerten sich die Teilnehmer durch die Bank positiv über ihre Erfahrungen mit hiesigen Fußballschulen. Einer von denen, die geantwortet haben, ist Cesare Lupo, Trainer bei den Männern des TGV Entringen in der Kreisliga B. Sein Sohn Diego ist zehn Jahre alt und geht zusätzlich zu den beiden Trainings bei den E-Junioren der TSG Tübingen noch ein Mal pro Woche zu „Intersocca“ aufs Tübinger Holderfeld. „Die Fußballschule bietet den Rahmen, der im Training beim jeweiligen Verein oftmals nicht möglich ist, da dort andere Schwerpunkte gesetzt sind“, schreibt B-Lizenzinhaber Lupo, der bis Sommer auch zum E-Jugend-Trainerteam der TSG Tübingen mit seinem Sohn gehört hat. Die körperliche Belastung mit drei Einheiten pro Woche hält Lupo für angemessen: „Er macht das richtig gerne!“ Einen nächsten Messi oder Maradona will er aus seinem Sohn Diego allerdings nicht zwingend machen, sagt Lupo: „Nein, er geht dort hin, weil es ihm Spaß macht.“ Aber Lupo kennt die Gefahr, dass Kinder überschätzt werden: „Es ist ein schmaler Grat“, sagt er. „Es gibt auch Eltern, die übermotiviert sind.“ Fortschritte will Lupo freilich trotzdem sehen für das investierte Geld: „Natürlich erwarte ich, dass mein Sohn noch mal einen Schub macht.“

Gründe für den Boom

Doch warum kicken die Kinder nicht einfach bei den 1800 Vereinen in Württemberg? Dafür gibt es in erster Linie zwei Gründe, die sowohl Russky als auch Weinberger unabhängig voneinander anführen: Kinder wollen so oft wie möglich kicken und die Nachfrage nach qualifiziertem Training hat zugenommen.

Zu Grund eins: „Die Kinder sind so begeistert, die wollen jeden Tag Fußball spielen“, sagt Weinberger. In der F-Jugend etwa gibt’s üblicherweise ein, maximal zwei Mal pro Woche Training. Zudem werden die kickenden Kinder immer jünger: Vier bis fünf Jahre ist inzwischen das übliche Einstiegsalter in Sindelfingen. „Das Problem ist, dass die Vereine mit diesen Mengen nicht klarkommen“, sagt Russky.

Zu Grund zwei: Wo die Kinder früher auf den Bolzplatz gerannt sind, geht’s inzwischen in die Fußballschule. Und die Professionalität des Trainings und die Qualifikation der Trainer sind kaum zu vergleichen mit denen eines Hobbytrainers: „Unser Training ist einfach anders, als wenn jetzt der Papa, der bis 16 Uhr gearbeitet hat, um 17 auf dem Trainingsplatz steht, wahrscheinlich keine Trainerausbildung hat und zudem gar nichts vorbereiten konnte“, sagt Weinberger. Gerade bei kleineren Vereinen sei die Qualität der Trainer im Jungendbereich häufig schlecht, sagt auch Russky.

Und die Kinder in den Fußballschulen werden immer jünger: Ein Kind in Sindelfingen ist zweieinhalb Jahre alt. Wobei da noch nicht viel ist mit kicken. „In diesem Alter geht es eher um Bewegungsförderung“, sagt Russky, der die Entwicklung gut findet, dass Kinder früh dazu animiert werden, sich zu bewegen. Allerdings warnt er: „Die Eltern sollten ihre Kinder nicht überfordern.“ Denn der Trend früher anzufangen, ist auch auf den Ehrgeiz der Eltern zurückzuführen. „Dass es nicht schnell genug gehen kann, ist problematisch“, sagt Russky. „Es gibt den Hype, dass Eltern sagen, mein Kind ist gut, das bringe ich nach Hoffenheim. Aber die meisten Fußballer sind eben nicht die großen Talente.“


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13.10.2017 - 08:30 Uhr