Blade Runner 2049

Blade Runner 2049

Von Wilhelm Triebold

In der Fortsetzung des Kultfilms ergründet ein neuer Cop (Ryan Gosling) das Geheimnis seines vor 30 Jahren verschwundenen Kollegen (Harrison Ford).

Blade Runner 2049

Vorneweg: Ein Film von beeindruckender Wucht. Bedrückend schön und trostlos zugleich. Er misst sich an einem großen Vorbild und hält dem stand. Ist unglaublich gut gemacht und doch mehr als nur das. „Blade Runner 2049“ hat, wie sein Vorläufer auch, allemal das Zeug zum zeitlos-endzeitlichen Sci-Fi-Meilenstein.

Erinnern wir uns: Der ursprüngliche Replikantenjäger Deckard war in Ridley Scotts Film von 1982 ein Getriebener durch sauerregenverhangene Straßenschluchten eines überbevölkerten, dabei kaum mehr lebenswerten L.A. - Humanität lehrte ihn ausgerechnet eines dieser außer menschlicher Kontrolle geratenen Kunstprodukte, die Deckard deshalb terminieren sollte. Klassisch der poetische Sterbemonolog dieses Replikanten, von all den Dingen, die er draußen im Orbit sah, und „die ihr Menschen niemals glauben würdet...All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.“

„Blade Runner 2049“ knüpft da an. Am Anfang knipst Deckards Nachfolgemodell, zu K. anonymisiert (was manche Kritiker gleich reflexartig an Kafka denken lässt) einem entflohenen Replikanten das Licht aus, der ihn und seinesgleichen noch im Tod bedauert: „Weil ihr noch nie ein Wunder gesehen habt“. Dieser K., den Ryan Gosling mit prosaischem Gleichmut spielt, ist seinerseits ein Humanoid, aus- und abgerichtet aufs Töten, doch plötzlich vom Zweifel und einem Gedanken beseelt. Was, wenn selbst der künstliche Mensch eine Geschichte, eine Vergangenheit, gar eine Kindheit vorzuweisen hätte? Wenn er womöglich geboren, nicht einfach nur erschaffen worden wäre?

In den 30 bis 35 Jahren, die zwischen beiden „Blade-Runner“-Versionen, aber auch zwischen den fiktiven Handlungen liegen, ist unglaublich viel passiert. Futurologen und Science Fiction warnten fasziniert auch immer vor den Gefahren künstlicher Intelligenz, die realer wurden. Und technischer Fortschritt ermöglicht der Illusions- und Erinnerungsmaschine Kino unerhörte Großtaten.

Zu denen zählt auch Denis Villeneuves brillantes Sequel. Es gelingen ihm überwältigende Bilder, noch geschärft durch die 3D-Brille, die den Betrachter zwischen marode Wolkenkratzer stürzen lässt, dass ihm schwindlig wird; von Kampfdrohnen oder Bienen umschwirrt, in plastisch kaputten Trümmerwelten oder in der Natur, die natürlich künstlich ist.

Großes Kino, verspielt, anspielungsreich, dabei entrückt in eine trübe Zukunft blickend wie in den Orkus. Es ist phantastisch, wie der Anti-Held als eine Art mythische Leitfigur sichtbar wird, mit komplexen Hamlet- oder auch Ödipus-Anteilen. Wie er sich einrichtet und doch schwer abfindet am existenziellen Abgrund, mit Traum-Chimären, körperlos gaukelnden Wunschfrauvorstellungen, apokalyptischen Schattenrissen. Um sich danach zu sehnen, was Ernst Bloch die (eben auch innere) Heimat genannt hat: „Etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.“

Irgendwann jagt dieser unbehauste K. keine Replikanten mehr, sondern nur noch einer Illusion hinterher. Ohne zu viel verraten zu wollen: Er kriegt es dabei nicht allein mit einem sinistren Genom-Technologen zu tun, der sich gottvatergleich die mühsam geordnete Erde untertan machen will. Sondern er trifft auch auf Deckard, der zum ersten „Blade-Runner“-Ende untertauchte und nun im nuklear zerstörten Las Vegas mit Hund und Whisky vor sich hin vegetiert.

Harrison Ford, der ausgemusterte Ordnungshüter und knorrig gealterte Wiedergänger in diesem etwas brüchig verworrenen Endzeit-Epos, erweist sich dabei als Schlüsselfigur des Films. Und sorgt für einen Schub an Action, den „Blade Runner 2049“ des Kassenerfolgs und der Effekte willen offenbar doch auch braucht.

Es ist immer ein Schock, wenn die Gegenwart der Prophetie auf den Fersen ist. Im Jahr 1984 angekommen, schien weniger Orwells Gesinnungsterror ein Problem als vielmehr die Umwelt: Bhopal, Dioxinskandal, Wörter des Jahres waren „Waldsterben“, „Saurer Regen“, „Formaldehyd“. Kurz zuvor hatte Ridley Scott den düsteren Blick nach vorn gerichtet. Villeneuve übertrifft ihn noch, lässt staunen und zugleich erschauern.

Mehr als nur eine düstere Dystopie. Ein bildgewaltiger Film mit Hintersinn und zum Nachdenken.


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05.10.2017 - 09:15 Uhr