Kfz-Versicherung

Bis zur Autopanne

Von PETER ILG

Marder verursachen in deutschen Autos jährlich Schäden in Millionenhöhe. Das liegt oft an deren Hormonpegel, mitunter an deren Hang zu Komfort. Ein Experte sagt, was gegen die Nager hilft.

Bis zur Autopanne

Welches Kabel lass ich mir heute schmecken? In Deutschland gibt es nur eine Stelle, die das Verhalten von Steinmardern erforscht. Foto: Aktion Fischotterschutz e.V./Jan Piecha

Ulm. Kate und William sind Geschwister. Als Findelkinder wurden die beiden Steinmarder im Otter-Zentrum Hankensbüttel abgegeben. Der Ort liegt in Niedersachen, von Wolfsburg aus ist man mit dem Auto in einer halben Stunde dort – wenn das Auto läuft und nicht wegen eines durchgebissenen Motorkabels liegenbleibt. Und genau hier kommen die beiden Marder Kate und William ins Spiel: Der Steinmarder ist der natürliche Feind des Autos. 2015 meldeten die Kfz-Versicherten in Deutschland mehr als 200 000 Marderschäden, Kosten für die Versicherungen: rund 63 Mio. EUR, der Wert ist seit Jahren konstant hoch.

Der Mann, der weiß was Marder an Kabeln finden, heißt Hans-Heinrich Krüger. Er hat das Rätsel gelöst, wieso die Tiere besonders gern im späten Frühjahr zubeißen. „Erwachsene Marder lassen kurz vor der sommerlichen Paarungszeit höchst aggressiv ihre Laune auch an Schläuchen und Kabeln aus“, sagt Krüger. Er leitet im Otter-Zentrum die Abteilung Tierhaltung und Tierforschung. Vom Publikumsbereich abgeschottet sind fünf Forschungsgehege mit sieben Steinmardern, darunter Kate und William. Sie werden gehalten, um zu erforschen, warum Marder so gerne in Autos wüten.

Krüger hat durch die Beobachtung gelernt, dass die Ursachen des Verbeißens unterschiedlich sind. „Marder sind extrem neugierig und versuchen alles Neue zu erkunden.“ In Motorräumen von Autos fühlen sie sich sicher, kein Hund kann ihnen dorthin folgen. Und wenn ihnen ein störendes Kabel auf der Suche nach einem bequemen Platz im Wege ist, wird es eben durchgebissen.

Schließlich hinterlassen sie auf ihrer Route durch das Auto Duftmarken durch Drüsen an ihren Füßen. Das erklärt, wieso Marder gerne immer wieder dieselben Autos anknabbern: Wird ein Auto nach einem Biss in einem anderen Marderrevier abgestellt, glauben die örtlichen Tiere, dass sich ein Feind in das eigene Gebiet eingeschlichen hat. „Steinmarder sind hochgradig territorial lebende Tiere. Weder Männchen noch Weibchen dulden ein anderes Tier in ihrem Revier.“

Krüger schätzt, dass es mehrere 100 000 Steinmarder in Deutschland gibt. Etwa 50 000 würden jährlich von Jägern abgeschossen, deutlich mehr werden überfahren. „Eine Auswirkung auf die Population hat das nicht.“ Sie mit Duftstoffen oder Ultraschallgeräten abzuhalten, hilft bei den äußerst anpassungsfähigen Tieren nur kurzfristig. „In Studien haben wir herausgefunden, dass spätestens nach zwei Wochen die Abwehr ihren Zauber verloren hat.“ Was helfen würde, sind Stromfallen im Motor. Berührt der Marder eine solche, bekommt er einen elektrischen Schlag versetzt. Doch die Kraftfahrzeughersteller mögen externe Spannungsquellen im Motorraum nicht, weil sie andere Geräte stören könnten.Was auch hilft, sind ummantelte Schläuche und Kabel, die Marderzähne nicht knacken können. Aber die sind teuer und schwer, weswegen die Autohersteller darauf verzichten. Das einzige, was der Besitzer zur Abwehr tun kann, ist sein Auto in eine Garage stellen.

Die konstant hohen Schäden in den vergangenen Jahren belegen, dass sich weder an der Anzahl noch am Verhalten der Steinmarder etwas verändert hat. „Unverändert einladend für Marder sind weiterhin die Bauweise der Autos und das verwendete Material bei Kabeln und Schläuchen“, sagt Susann Parlow. Sie arbeitet derzeit an ihrer Masterarbeit in Zoologie an der Technischen Universität Braunschweig. Das Ziel: „Ich werde systematisch beobachten, welche Kabel und Materialien in Fahrzeugen besonders gefährdet und welche besonders unempfindlich sind.“ In den Gehegen in Hankensbüttel präsentiert sie den Mardern dafür Schläuche in unterschiedlichen Stärken und aus verschiedenen Stoffen.


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23.10.2017 - 06:00 Uhr