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Bis zum Äußersten
Jeder ist ein Hauptdarsteller: Valery Tscheplanowa, Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger (von links). Foto: Matthias Horn
Theater

Bis zum Äußersten

Frank Castorf nimmt sich am Berliner Ensemble Zeit für Victor Hugos „Les Misérables“ und liefert Sternstunden des postmodernen Theaters – siebeneinhalb an der Zahl.

04.12.2017
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Dreizehn Mal war bis jetzt seit dem Start des neuformierten Berliner Ensembles Premiere. Wenn den Berufskritiker jemand fragt, was man sich davon unbedingt ansehen solle, lautet die Antwort ohne zu zögern: „Alles!“ Intendant Oliver Reese hat versprochen, bei ihm sei das Ensemble der Star. Er hat nicht zu viel versprochen. Nicht unbedingt jedes Stück, auch nicht immer jede Inszenierung treffen jedermanns Geschmack – aber wie es gespielt wird, ist durch die Bank umwerfend. Und so ist nun auch Frank Castorfs mit Spannung erwarteter BE-Einstand mit „Les Misérables“, also den vom Leben geschlagenen „Elenden“, für durchhaltefähige Theater-Freaks ein absolutes Muss.

Wild collagiert, wie gewohnt

Kein Zweifel, Castorf at his best. Er ist als Regie-Neuerer mittlerweile ja zum Klassiker seiner selbst geworden. Egal, was und wo er inszeniert. Diesmal hat er sich den so hochpolitischen wie romantischen Monumentalroman von Victor Hugo aus dem Jahre 1862 zu eigen gemacht. Was bei Castorf bedeutet: Nur einige Personen und Szenen aus der Vorlage blieben ansatzweise originalgetreu, das Wichtigste aber ist wild collagierter und vorzugsweise bei Heiner Müller ausgeliehener Eigenbau, mitunter sogar frei improvisiert von den allesamt zu Hauptdarstellern werdenden Schauspielern.

Und die spielen sich rastlos nicht nur die Seele aus dem Leib, sondern auch gleich noch den ganzen Körper – die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Das garantiert zumindest in der ersten Hälfte der siebeneinhalbstündigen Aufführung (von 18 Uhr bis halb zwei inklusive einer Pause) süchtig machende, magische Momente, die zu den Sternstunden des postmodernen Theaters gehören. Dazwischen freilich auch viel unproduktiv repetitiver Kleinklein-Leerlauf, denn große narrative Bögen entstehen nicht.

Castorf, der erbarmungslos radikale Extremist, will nicht nur seine Schauspieler, sondern auch das mit dem Schlaf kämpfende Publikum bis zum Äußersten quälen. Von A bis Z bewusste Übertreibung und Überforderung. Overkill als Methode. Drunter tut er's nicht. „Na siehst'e: geht doch!“, flapsen sie selbstironisch (doppelbödige Komik spielt überhaupt eine große Rolle). Stilvoll der schnell in keifendes Schreien überwechselnde Prolo-Tonfall – bis auf den wunderbar altersmilden Jürgen Holtz, der seinen von Mitleid geprägten Priester-Text mit wundem Blick und zartester Gestik fast nur flüstert.

Seinen ruppig berlinernden Gegenpol, den von einer grotesk schlappen Strafjustiz in faltiger Gestalt von Wolfgang Michael gejagten Galeerensträfling, donnert Andreas Döhler mit berstender Wut und Wucht. Da wird es dann existenzialistisch surreal wie in einem Beckett-Stück. Von Valery Tscheplanowa und Stefanie Reinsperger ganz zu schweigen – rätselhafte Frauen kann eh keiner genialer in Szene setzen als Castorf.

Apropos Szene: das schummrig ausgeleuchtete Drehbühnenbild von Aleksander Denic ist eine hyperrealistisch zugemüllte Wunderwelt für sich und lässt auf der im Vergleich zur Volksbühne schon sehr kleinen BE-Bühne nur engsten Raum für die castorf-urtypischen Video-Kameras mit ihren enthüllenden Einblicken ins zweite Leben hinter den Kulissen. Auch das eine Schule machende Castorf-Eigenheit, die, inflationär nachgeahmt von jedem zweiten Theaterregisseur, nirgends so überzeugend funktioniert wie beim Erfinder selbst.

Siebeneinhalb Stunden, überlegen Sie sich's nochmal, aber Sie sollten eigentlich schon, zumindest bis zur Pause, danach lichten sich denn auch die Reihen zusehends.

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04.12.2017, 06:00 Uhr
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