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Gute Gedanken in Serie

"Beuys für alle!": Die neue Kunsthalle Vogelmann zeigt Multiples

Joseph Beuys hat Konjunktur, und Heilbronn sagt sogar: "Beuys für alle!" So heißt die erste Ausstellung in der neuen Kunsthalle Vogelmann. Zu sehen: zahlreiche Multiples, also in Serie hergestellte Objekte.

01.10.2010
  • JÜRGEN KANOLD

Heilbronn Auf einem Gefangenentransport, 1945/46 muss es gewesen sein, machte Joseph Beuys Bekanntschaft mit Heilbronn. Eine Streife rüttelte ihn nachts aus dem Schlaf und stahl ihm wichtige Papiere. Um sie wiederzubekommen, musste er in ein Büro einbrechen. "Aus diesem Grund drehte ich das Hauptkabel der Stromversorgung ab und setzte so den ganzen Bahnhof außer Strom", erinnerte sich dieser große Künstler des 20. Jahrhunderts. Ja, man glaubt es kaum, aber der Heilbronner Hauptbahnhof war quasi Schauplatz des ersten Happenings von Joseph Beuys.

Und jetzt ist auch viel los im Unterland. "Beuys für alle!", verkünden die Plakate. Heute öffnet die Kunsthalle Vogelmann, ein neuer Spielort der Städtischen Museen Heilbronn, und zwar mit einer Beuys-Ausstellung: mit Auflagenobjekten und Multiples des Künstlers (1921-1986) aus einer umfangreichen Sammlung, die eine Ernst Franz Vogelmann Stiftung vor drei Jahren aufgekauft hatte und die der Anlass war, besagte Halle zu bauen.

Für Heilbronn eine große Sache, weil dem Stadtbild jede Verschönerung gut tut. Die Kunsthalle ist ein dreigeschossiger Kubus und bildet an der Allee eine Einheit mit dem Kongress- und Konzertzentrum Harmonie, was die Außenfassade mit anthrazitgrauen Aluminiumplatten anzeigt - der Architekt beider Häuser ist derselbe: Felipe Rodriguez.

Kein spektakulärer Bau, diese Kunsthalle, die sich auch in den Schatten des City-Hotels duckt, aber ein modern-praktischer Ausstellungsort mit mehr als 800 Quadratmetern Fläche (der Heilbronner Kunstverein hat auch Platz erhalten), ein Kubus, der etwas an Peter Zumthors Bregenzer Kunsthaus erinnert, aber kleiner und weit weniger radikal ausfällt: getünchte Räume, kein durchgehender Sichtbeton, Tageslichtdurchblicke.

Museumsdirektor Marc Gundel strahlt jedenfalls über beide Backen, auch wenn er die Verhältnismäßigkeit anmahnt: Das hier sei auf jeden Fall "Bescht of Heilbronn". Damit meint er, dass die Kunsthalle Vogelmann natürlich nicht mit den großen Beuys-Werkschauen in Düsseldorf und Schloss Moyland mithalten kann. Aber diese Multiples führen allemal mittenrein ins Werk des Künstlers.

"Erfinden ist göttlich, multiplizieren ist menschlich", der Satz von Man Ray ist auf eine Wand gepinselt. Beuys hat das anders gesagt, aber entsprechend demokratisch gehandelt mit seinen in Serie hergestellten Objekten, Grafiken, Buch- und Filmeditionen. Auch preiswerte Kunst für jedermann sollten die Multiples sein. Weil er aber diese Arbeiten deutlich signierte, stempelte, mit dem Braunkreuz bemalte, generierte er die "Marke" Beuys, was Geld einbrachte. Diese Multiples sind dann doch sehr ichbezogen - und heute teuer und nicht für jedermann bezahlbar.

Aber diese Multiples sind auf jeden Fall Beuys "Ideenträger", da hat Marc Gundel Recht, und diese Objekte funktionieren heute auch ohne die Aura von Beuys, der als so volksdemokratischer, naturbewusster Künstler geradezu der Mann der Stunde ist. Diese Objekte sind klar zu lesen. Die Besen: Damit kehrt man überholtes Denken fort. Der Schlitten: Bewegung und Überleben in einer Welt, die auf die Natur hört. Die "Capri-Batterie", eine Zitrone, eine Glühbirne - Natur und Wissenschaft müssen zusammenkommen, damit die Erde weiterexistiert. Die "Rose für direkte Demokratie" - steckt in einem mit Wasser kaum gefüllten Messbecher.

Und Humor hatte Beuys auch. "Ich kenne kein Weekend": Ein aufgeklappter Aktenkoffer, darin Immanuel Kants Reclam-Ausgabe der "Kritik der reinen Vernunft" und eine Flasche Maggi. Als Geistesverwandten des Aufklärers Kant hatte sich Beuys gesehen. Aber ein bisschen Würze kann nie schaden. Heilbronns Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach, beeindruckt von der Kunde des Hauptbahnhof-Happenings und auf der Suche nach weiteren lokalen Spuren, bedauerte, dass der Künstler nicht auf Knorr-Suppen gesetzt habe. Moment mal: "Maggi" hatte Beuys als "Magie" verstanden. Magisch, diese Multiples.

"Beuys für alle!": Die neue Kunsthalle Vogelmann zeigt Multiples
"Kunst = Kapital" hieß einer der Leitsätze des Künstlers Joseph Beuys. Der Heilbronner Museumsdirektor Marc Gundel ist auch ganz stolz auf das Kapital der Beuys-Sammlung, die seine neue Kunsthalle Vogelmann ausstellt. Im Mittelpunkt der Schau: diverse Multiples. Fotos: Jürgen Kanold/Museum (4)

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01.10.2010, 12:00 Uhr
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