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Das Christkind, Quell des Lichts

Betrachtungen über Andreas Bruggers Weihnachtsbild

Rottenburg. Von der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem bis zu den Visionen vom Ende aller Zeiten spannt das Gemälde von der „Geburt Christi“ von Andreas Brugger aus der Zeit um 1780 den Bogen. Der 1737 bei Kressbronn geborene Künstler erlebte noch die Blüte des Klosterwesens Oberschwabens und des Bodenseeraums. Als der „ledige, wohlgeachtete Kunstmahler“ 1812 in Langenargen starb, war dieser Hochkultur allerdings in der napoleonischen Ära längst der Untergang und das Ende bereitet worden.

24.12.2012
  • von Wolfgang Urban

Andreas Brugger, an der Akademie in Wien ein Schüler seines Landsmannes Andreas Maulpertsch (1724 - 1796) mit weiterbildenden Aufenthalten in Mailand, Bologna, Florenz und Rom, stand als Künstler in Diensten der Fürstbischöfe von Konstanz, der Äbte von Salem oder des adeligen Chorfrauenstiftes Buchau. Für den Neubau der Buchauer Damenstiftskirche schuf er 1775 eines der Fläche nach größten Deckengemälde der Epoche.

Bruggers Weihnachtsbild im Rottenburger Diözesanmuseum offenbart sich bei näherer Betrachtung, beginnend bei der Lichtführung bis hin zu den Details, als vollgesogen von theologischem Denken. In dem ganz in Hell-Dunkel oder in Clairobscur-Manier gehaltenen Bildraum geht alles Licht vom Kind in der Krippe aus. Selbst die im Reigentanz über der Geburtsszene schwebenden Engel sind allein vom Kind her beleuchtet.

Das Licht vom Licht ist gegenwärtig

Das Christkind ist Ursprung und Quelle des Lichts. In ihm, will die Malerei vermitteln, ist das „Licht vom Licht“ gegenwärtig, wie es das große Glaubensbekenntnis von Nikaia und Konstantinopel von 385 formuliert. Vom Lichtglanz des nach dem Lukasevangelium in Windeln gewickelten Kindes in der Krippe sind auch die aus dem Dunkel ins Licht tretenden Gesichter der um die Krippe versammelten Hirten und das Antlitz seiner Mutter Maria angestrahlt. Passagen des in der katholischen wie evangelischen Weihnachtsliturgie präsenten Prologs des Johannes-Evangeliums sind hier aufgegriffen, wo es von der Menschwerdung des in der Ewigkeit beheimateten Wortes heißt: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“, und „das Licht leuchtete in der Finsternis“.

Das Kind mit seinem Licht ist auf ein Lager von Stroh gebettet. Deutlich können Ähren unterschieden werden. Das Korn verweist auf das Grundnahrungsmittel Brot. Der hebräische Name „Bethlehem“ des Geburtsortes Christi heißt übersetzt „Haus des Brotes“. Auf diese Grundbedeutung bezieht sich der Kirchenvater Augustinus (354 - 430), wenn er in einer Weihnachtspredigt ausführt, dass Gottes Sohn in einem Futtertrog zwischen zwei Lebewesen zur Welt kam, weil er die Nahrung, das wahre Lebensmittel, das Brot des Lebens ist.

Vor der Krippe liegt als Geschenk der in Anbetung verharrenden Hirten ein mit einem Strick gefesseltes Lamm. Das Lamm greift einerseits zurück auf den Gottesknecht in der Prophetie des Jesajabuches – „wie ein Lamm“ wurde er „zum Schlachten“ geführt (Jesaja 53,7) – und verweist damit zugleich voraus auf die Passion Christi, auf den Leidensweg, der dem im Stall von Bethlehem geborenen Kind bevorsteht. Darüber hinaus gibt das Motiv des Lammes schon den Ausblick auf das Lamm des Himmlischen Jerusalem.

Zwölf Sterne um Mariens Haupt

Auf Anbruch und Präsenz des Künftigen verweisen auch die zwölf Sterne um das Haupt Mariens. Der Jungfrau und Gottesmutter werden schon bei der Niederkunft im Stall von Bethlehem die Kennzeichen der Erscheinung der Frau vom Ende aller Zeiten zugeteilt. Dies ist das Ungewöhnliche und ikonografisch Kreative dieser Bildschöpfung. Die Legitimation gewissermaßen holt sich der theologisch bewanderte Künstler vom Kind als dem Licht der Welt, der wahren Sonne, die erschienen ist. Dies verknüpft er mit Offenbarung 12,1. In der Endzeitvision ist von der Erscheinung einer Frau, von der Sonne umgeben, die Rede. Durch die Strahlen, die in Andreas Bruggers Gemälde vom Kopf des Kindes von Bethlehem ausgehen, ist Maria mit der Sonne bekleidet.

So ist denn auch die Anbetung der Hirten unterschiedlichen Alters, vom jugendlich wirkenden über den reifen Mann bis zum Greis, die das Kind in der Krippe schauen, eine Vorwegnahme dessen, was in der Vollendung aller Zeit geschehen wird: „Sie werden sein Angesicht schauen [...] und es wird keine Nacht mehr geben“ (Offenbarung 22,4-5). Am rechten Bildrand kniet zum Himmel aufblickend ein greiser Hirte mit in Gebetshaltung erhobenen Armen. Er steht für den Lobpreis Gottes der Hirten: Sie „kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten“ (Lukas 2,20).

Wolfgang Urban ist Kustos des Rottenburger Diözesanmuseums in der Karmelitergasse. Das Diözesanmuseum hat am Heiligen Abend und am ersten Weihnachtsfeiertag geschlossen. Geöffnet ist es dafür am zweiten Weihnachtsfeiertag, Mittwoch, 26. Dezember, von 11 bis 17 Uhr.

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24.12.2012, 12:00 Uhr
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