Ein schwieriger Schatz

„Bestandsaufnahme Gurlitt“ in der Bundeskunsthalle

Von LENA GRUNDHUBER

Teil zwei der „Bestandsaufnahme Gurlitt“ eröffnet heute in der Bundeskunsthalle in Bonn und zeigt, wie ein Kämpfer für die Avantgarde zum Kunsthändler Hitlers mutiert.

„Bestandsaufnahme Gurlitt“ in der Bundeskunsthalle

Von heute an sind in der Bundeskunsthalle Bonn Bilder aus der Sammlung Gurlitt zu sehen, deren Herkunft meist fraglich ist. Foto: dpa

Bonn. Gediegenes Mobiliar, teure Lederbände in den Regalen, dazu passen die Zeichnungen von Adolph von Menzel in dem Salon in der Fotografie von 1911. Dort sind sie längst nicht mehr. Wohl um ihre Flucht zu finanzieren, mussten die deutsch-jüdischen Nachkommen des Sammlers Albert Martin Wolffson die Werke 1938 billig verkaufen. Einige der Bilder kamen an NS-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Der verkaufte sie mit Gewinn weiter, doch als er nach dem Krieg nach ihnen gefragt wurde, wusste er angeblich nichts über ihren Verbleib. Es sollte 2017 werden, bis das übrig gebliebene Menzel-Blatt „Inneres einer gotischen Kirche“ aus Gurlitts Bestand restituiert wurde.

Eine Geschichte, die ein dunkles Licht wirft auf einen Mann, der noch immer ein Rätsel ist. 2013 lieferte Hildebrand Gurlitts Nachlass Deutschland die größte und zugleich unangenehmste Kunstsensation seit Jahrzehnten. Da scheint es nur angemessen, wenn sich zwei Kunsthäuser damit befassen. Der erste Teil der „Bestandsaufnahme Gurlitt“ eröffnete im Kunstmuseum Bern, der zweite wurde nun in der Bundeskunsthalle Bonn präsentiert.

Die macht plakativ auf, wie man im Journalistenjargon sagen würde – mit den Titelseiten von Zeitungen, die auf die Skandalgeschichte des „Focus“ reagierten: In der Münchner Wohnung eines alten Mannes namens Cornelius Gurlitt sei der „Nazi-Schatz“ seines Vaters Hildebrand entdeckt worden. Mit den Beständen, die später in einem Salzburger Haus auftauchten, wuchs die Zahl auf mehr als 1500 Kunstwerke, die unter juristisch höchst zweifelhaften Umständen beschlagnahmt wurden, was später auch wieder aufgehoben wurde. Das Gebaren der Behörden wird heftig kritisiert, erst jüngst erschien ein „Enthüllungsbuch“ von Maurice Philip Remy mit schweren Anschuldigungen. Doch die Schau prangert nur die „journalistische Hetzjagd“ auf Cornelius Gurlitt an. Der alte Herr starb 2014 und vermachte das Konvolut dem Kunstmuseum Bern.

Dort widmet man sich den unbelasteten Werken, die von den Nazis als „Entartete Kunst“ aus den Museen entfernt und zur Devisenbeschaffung an Händler wie Hildebrand Gurlitt übergeben worden waren. Deutschland bleibt der heikle Part: Hier befasst man sich mit „NS-Raubkunst und die Folgen“, zeigt also jene Werke aus dem Bestand, deren Herkunft auch nach Jahren der Forschung meist noch ungeklärt ist; nicht wenige stehen im Verdacht, ihren jüdischen Besitzern geraubt oder abgepresst worden zu sein. Von den 1500 Werken sind bisher nur sechs als NS-Raubkunst identifiziert, was Rein Wolfs als Intendanten der Bundeskunsthalle veranlasste zu betonen: „Jedes Raubkunst-Werk ist ein Raubkunst-Werk zu viel“. Hinter jedem steckt eine Geschichte von Entrechtung und Verfolgung, was durch Beispiele deutlich wird.

Indes, die Opfer spielen eine Nebenrolle: Die Schau folgt den Spuren ihres Protagonisten, dessen Widersprüchlichkeit sich in dem heterogenen Bestand spiegelt – nebst Monets „Waterloo Bridge“ finden sich sogar Kopien. Zuhause in Dresden lernt der junge Mann die „Brücke“-Künstler schätzen, vor allem Grafiken von Schmidt-Rottluff, Heckel, aber auch Rohlfs säumen den Weg. Gurlitt wird ein Kämpfer für die Avantgarde, riskiert – und verliert – dafür etwa seinen Posten als Museumsleiter in Zwickau. Als die Nazis an der Macht sind, beginnt er in seinem Hamburger Kunstkabinett, mit Kunst zu handeln. Dafür steht ein Abteil mit Munch und eines mit Beckmann, den Gurlitt noch 1936 ausstellt, während er konventionelle Landschaftsbilder des eigenen Großvaters verkauft. So geht es kunterbunt weiter, denn Gurlitt, der selbst eine jüdische Großmutter hatte, wird in den besetzten Westgebieten Chefeinkäufer für Hitlers geplantes Führermuseum. Für den Diktator mit seiner Vorliebe für Makart oder Spitzweg organisiert Gurlitt auch französische und niederländische Kunst. Dass mit dem Besitz verfolgter Juden gehandelt wurde, weiß man. Doch wie zum Beispiel jenes hinreißende Damenbildnis von Jean-Louis Forain aus der Zwangsversteigerung der Sammlung Armand Dorville in Gurlitts Bestand kam, ist unbekannt.

„Schauen in die Vitrinen ist in dieser Ausstellung eine ganz wichtige Aktivität“, empfiehlt Rein Wolfs. So findet man die Zeichnung „Das Klavierspiel“ von Spitzweg, nach der sich ein Rechtsanwalt der Familie Hinrichsen nach dem Krieg erkundigte. Musikverleger Henri Hinrichsen hatte das Blatt offenbar an Gurlitt verkauft, bevor er emigrierte und später in Auschwitz ermordet wurde. Hildebrand Gurlitt antwortete, es sei in Dresden verbrannt – zumindest so viel ist falsch: Denn da liegt es, klein, zart, doch mit dem Gewicht des historischen Dokuments.

Info Bundeskunsthalle Bonn: bis 11. März, Di und Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Kunstmuseum Bern: bis 4. März, Di 10-21, Mi-So 10-17 Uhr.


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03.11.2017 - 06:00 Uhr