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Kult, Kohla, Kaiserhalle

Berufsverbot machte aus einem Lehrer einen Szenewirt

Ob als Kommunist, Lehrer mit Berufsverbot, Kneipier oder Westernreiter – Wolfgang Kohla ist in vielfacher Hinsicht einer, den man in Reutlingen kennt.

31.12.2011
  • Arwen Möller

Reutlingen. Die vergilbten Wände sind vollgehängt mit unzähligen Konzertplakaten, bunten Fußballschals, E-Gitarren, einem Text zur Kneipengeschichte. Oft schon haben hier die Mauern vor lautem Rock ’n’ Roll gewackelt, die Luft war Rauch und Schweiß und das Partyvolk bunt und wild. „Kaiserhalle“ heißt die Kneipe offiziell.

„We are ugly, but we have the music – das war von Anfang an unser Leitspruch“, erzählt Wolfgang Kohla mit spitzbübischem Grinsen. Denn der 64-Jährige betreibt schon seit 34 Jahren die Kultkneipe an der Reutlinger Planie. Manche nennen sie „die einzig ehrliche Kneipe Reutlingens“. Doch bei den meisten Partypeople heißt der Laden nach dem Wirt: „Kohla“. Und das, obwohl Wirt nie Kohlas Wunschberuf war.

Lehrer wollte der jüngste Sohn einer zehnköpfigen Bauernfamilie immer werden. Sein schulischer Weg führte den Bub aus Rommelsbach daher erstmal aufs Theodor-Heuss-Gymnasium nach Reutlingen. Während seiner Schulzeit war es ausgerechnet seine „gut katholische Erziehung“, die den jungen Kohla erst zu den „Christen für Sozialismus“ brachte, dann in die SPD und schließlich in die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). Ob bei Anti-Vietnam-Demos, dem ersten Reutlinger Schülerstreik oder im damals hochpolitischen Jugendzentrum Zelle – Kohla war eine der treibenden Kräfte. Und bald stadtbekannt „wie ein roter Hund“.

Für die Reutlinger SPD waren allerdings die „Lieber-rot-als-tot“-Flugblattaktionen von Kohla und Co. zu viel, dem seine älteren Genossen „nicht mehr rot genug“ waren. 1972 ging der politische Hansdampf zur DKP.

„In Reutlingen war damals die Szene am Laufen“, schwärmt Kohla, der bereits in Tübingen mit Kurs auf seinen Traumberuf studierte – das höhere Lehramt an kaufmännischen Schulen mit den Fächern BWL, VWL, Wirtschaft und Sozialgeschichte. Doch obwohl Kohla dort Mitglied des Sozialistischen Hochschulbundes war und verschiedene Umzugsversuche nach Tübingen unternahm, der politisch aktive Reutlinger blieb seiner Heimatstadt treu.

Und umgekehrt, denn als das Regierungspräsidium Wolfgang Kohla wegen seiner DKP-Mitgliedschaft nicht zum Schuldienst zulassen wollte, schwappte die politische Welle zurück. Die Reutlinger Szene startete Unterschriftenaktionen und Demos, forderte: „Wolfgang Kohla in den Schuldienst“. Doch erst, als der Südwestfunk beim Kultusministerium in der Angelegenheit um eine Stellungnahme bat, bewegten sich die bürokratischen Mühlen, und Kohla wurde Referendar.

„Ich war Vollblutlehrer, idealistisch bis dorthinaus“, erinnert sich Kohla an seine zwei Referendarjahre in Ravensburg. Doch danach war Schluss: Am 22. Februar 1977 erhielt er Berufsverbot. Wieder schwappte die Protestwelle hoch. „Kohla in den Schuldienst“, lautete nun auch in Ravensburg die Parole. Seine Schüler demonstrierten, über 150 Kollegen schrieben einen Protestbrief ans Stuttgarter Kultusministerium.

Kohla, der seinen Lehrertraum nicht abschreiben wollte, verklagte das Land Baden-Württemberg. Zwei Reisebusse Sympathisanten kamen zum Prozess vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen, wo Kohla in erster Instanz sogar gewann. „Doch der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hatte mich als Kommunisten abgeschrieben“, erzählt er. Ein Schicksalsschlag, der Kohla arbeitslos machte und psychisch in ein tiefes Loch riss. Bis Kohla die Flucht nach vorne antrat – gen Kultkneipe.

Mit „guter Mucke“, „Personality“ und „Bier zu fairen Preisen“ eröffnete Kohla am 8. Oktober 1977 die „Kaiserhalle“ an der Ecke Planie / Kaiserstraße. Und das Konzept ging auf. Drei Generationen wuchsen dort quasi mit Kohla auf. Anfangs stand er sogar noch höchstpersönlich in der Kneipenküche.

„Kohla kocht“, war die Devise, auch als er Anfang der 80er-Jahre zusätzlich noch den Betrieb des LTT-Lokals übernahm. Bis der Doppelwirt 1984 feststellte, dass das „Kaiserhallen“-Kollektiv in seinem Sommerurlaub 10 000 Mark Miese gemacht hatte. Das kann’s nicht sein, dachte er sich. Und kehrte zurück in seine Reutlinger Kneipe.

„Doch wirklich Chef zu sein, habe ich erst durch meine Pferde gelernt“, meint Kohla, der infolge der Kollektiv-Querelen um die Kneipenführung auch aus der DKP ausgetreten war. Aufs eigene Pferd kam der Kaiserwirt dann über einen Stammgast: Ob er sich nicht einen Araberhengst in Sondelfingen anschauen wolle? Kohla zögerte, stattete „Mosul“ dann aber doch einen Stallbesuch ab.

Wahr wurde sein Pferdetraum dank 4000 Mark in Deckeln, die die Gäste bei ihm hatten anschreiben lassen. „Bis dahin hieß es: Gehen wir zum Kohla, ne Halbe bescheißen.“ Damit war fortan Schluss, alle Deckel wurden kassiert, und Kohla kaufte seinen ersten Araberhengst. Auf „Mosul“ ist mittlerweile „Moraf“ gefolgt.

Muckensicher, wie sein zweiter Vollbluthengst ist, reitet Kohla bei jeder Gelegenheit in die „Kaiserhalle“ ein. Sehr zur Freude seiner Stammgäste jeden Alters. Unter ihnen auch die Fußballer des SSV Reutlingen, denen Kohla den Trikot-Sponsor macht. Nur zur „aktuellen Internetgeneration“ findet der Wirt nicht so richtig Zugang. Zu „vereinzelt“ seien diese Jugendlichen mit ihren virtuellen Aktivitäten. Aber Partyideen wie der „Heiligmorgen“, der Karaoke-Abend oder die „Best-Ager-Party“ sind schon auf Kohlas Mist gewachsen. Wen würde es wundern, wenn der findige Wirt auch für diese User etwas Partytaugliches findet.

Berufsverbot machte aus einem Lehrer einen Szenewirt

Berufsverbot machte aus einem Lehrer einen Szenewirt
Ein Prosit auf die Kultkneipe an der Reutlinger Planie: Wolfgang Kohla und sein Araberhengst Moraf. Bild: Haas

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31.12.2011, 12:00 Uhr
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