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Trainingsbesuch beim Rollstuhl-Basketball-Verein RSKV Tübingen

Begegnungen auf Augenhöhe

Beim Sport tritt die Behinderung in den Hintergrund: Ein gutes Dutzend Kinder und Jugendliche aus der ganzen Region spielen beim RSKV Tübingen Rollstuhl-Basketball. Mit der Weihnachtsspenden-Aktion unterstützt das TAGBLATT die Jugendgruppe des Vereins. Dringend benötigen die Basketballer Sport-Rollstühle.

28.12.2012
  • von Moritz Siebert

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Tübingen. Auf dem Plan steht Grundlagentraining: Dribbeln, Blocken und Angriffsspiel. Der Flügelspieler passt von der Außenlinie präzise auf den Center. Das verteidigende Team macht die Räume schnell dicht. Mit hartem Körper- und Rollstuhleinsatz blocken sie den Korbwurf ab. Der zweite Angriffsversuch läuft über die andere Seite. Wieder vergebens: Wegen eines Schubfehlers wird abgepfiffen. Nur zwei Mal anschieben ist erlaubt, dann müssen die Spieler dribbeln. „Zugegeben, wir spielen ein bisschen anders“, sagt Mara Sieber, 15, „die Regeln sind aber dieselben.“

Die Jugendmannschaft der Rollstuhlbasketballer bringt Bewegung in das Leben Behinderter

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© Inken Kolthoff 02:43 min

Rollstuhl-Basketball ist genauso wie Fußgängerbasketball ein dynamischer, taktischer und energischer Sport – schon im Jugendalter. Oder eher: gerade im Jugendalter. Denn heute ist ein besonderer Trainingstag für die Kinder- und Jugendmannschaft des RSKV (Rollstuhlsport- und Kulturverein) Tübingen. Nicht weil die Presse dabei ist, sondern weil Katrin Frank das Training übernimmt. Normalerweise trainiert die 34-Jährige die U-25-Nationalmannschaft der Damen. Die Fachlehrerin für Körperbehinderte ist aber auch Talent-Scout. Und das wissen die jungen RSKV-Basketballer. „Es gibt viele Talente in Tübingen“, sagt Frank. Von einigen verfolgt sie den Werdegang schon seit langem.

Unter genauerer Beobachtung steht heute auch Sebastian Holzheu (im Bild rechts). Im Trainingsspiel leitet er als Power-Forward die Angriffe über die linke Seite ein. Die Stärken des 15-Jährigen sind Passspiel, Dribblings und Spielaufbau. Seit er sieben Jahre alt ist, sitzt er wegen eines Proteus-Syndroms im Rollstuhl. Seit vier Jahren spielt er mit Begeisterung Basketball: „Man kann sich mit anderen messen und sich richtig auspowern.“

„Auch für Gehbehinderte ist Sport ein sehr wichtiger Ausgleich“, sagt Björn Wagner, der in der ersten Mannschaft des RSKV aktiv spielt und normalerweise das Jugendtraining leitet. Der 33-Jährige betont aber auch die soziale Bedeutung des Behinderten-Sports: „Man findet Freunde, die das gleiche Schicksal haben und von denen man lernen kann, mit der Behinderung umzugehen.“ Ein Unfall bindet ihn seit seinem 19. Lebensjahr an den Rollstuhl. Der Sport habe ihm geholfen, wieder ins Leben zurückzufinden.

Begegnungen auf Augenhöhe

Beim Rollstuhl-Basketball begegnen sich stark und weniger stark gehbehinderte mit gesunden Menschen auf Augenhöhe. Nicht alle Spieler/innen sind im Alltag auf den Rollstuhl angewiesen. Und oft ergänzen Fußgänger die Teams. Bei Ligaspielen sorgt eine Punkteregelung, mit der der Grad der Behinderung kategorisiert wird, für ausgeglichene Verhältnisse. Spieler, die ihren Rumpf nicht bewegen können, starten mit einem Punkt, gesunde Spieler mit vier Punkten.

Insgesamt darf ein Team nur auf eine bestimmte Punktezahl auf dem Feld haben. Mara Sieber ist eine Spielerin mit drei Punkten. Sie hat eine leichte Spastik in den Beinen, ihren Rumpf kann sie bewegen und mit Krücken gehen. Die Welt des Sports eröffnete sich für die 15-Jährige allerdings erst mit dem Rollstuhl. Dieser bietet Gehbehinderten mehr Möglichkeiten für Sport, eben auch Teamsportarten wie Basketball. Gehbehinderte, die im Alltag nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind, haben aber keine Chance, einen Sport-Rollstuhl von der Krankenkasse finanziert zu bekommen.

Aber auch bei Basketballern, die im Alltag an einen Rollstuhl gebunden sind, kommen die Kassen in der Regel nicht für die rund 3000 Euro teuren Sport-Rollstühle auf. Fabian Klein ist einer von wenigen aus dem Team, bei dem die Kasse die Finanzierung des Stuhls zugesagt hat. Simone Klein, die Mutter des Zehnjährigen, argumentierte, ihr Sohn benötige den Stuhl auch für den Schulsport. „Man kann Glück oder Pech haben“, sagt Klein, die meisten Anträge werden aber abgelehnt.

Der Verein besitzt nur wenige Rollstühle. Vor jedem Training stellt sich deshalb die Frage, wer mit seinem Alltagsstuhl spielen muss. Heute hat es Simon Dürr und Katharina Wortha (im Bild links) getroffen. Für die beiden bedeutet das: weniger Geschwindigkeit und weniger Wendigkeit als ihre Mitspieler. Vor allem haben sie aber keinen stabilen Stand, weil die Räder bei einem Alltagsrollstuhl nicht schräg gestellt sind, und weniger Schutz. Basketball-Rollstühle sind mit Stoßstangen ausgestattet und die Verletzungsgefahr beim Spiel mit Alltagsrollstühlen ist viel größer. „Bei jedem Training kommt es zu Stürzen“, weiß Simon. Er ist aber hart im Nehmen: „Man gewöhnt sich daran.“

Der Elfjährige, der an einer Tetra-Spastik leidet, wohnt in Göttelfingen. Eine halbe Stunde Anfahrt nehmen er und seine Eltern jedes Wochenende in Kauf. Einige seiner Teamkollegen legen noch längere Wege zum Training zurück. Sie kommen zum Teil aus Pforzheim oder Rottweil. Einen vergleichbaren Verein wie den RSKV Tübingen gibt es in der Region nicht. Dabei sei Sport gerade für Gehbehinderte von großer Bedeutung, sagt Björn Wagner: „Im Alltag steht die Behinderung immer im Vordergrund, beim Sport tritt sie in den Hintergrund.“

Obwohl Sport für gehbehinderte Menschen besonders wichtig ist, wird er von den Kassen nicht ausreichend unterstützt. Mit der Weihnachtsspenden-Aktion sammelt das TAGBLATT dieses Jahr für die Jugendgruppe des RSKV Tübingen, die in den vergangenen Jahren stets gewachsen ist. Der Basketball-Verein benötigt dringend Sport-Rollstühle.
Neben der Jugendgruppe des Rollstuhl-Basketballvereins sammeln wir dieses Jahr auch für den Palliativ-Dienst „Tübinger Projekt“. Zwei Konten mit derselben Nummer 17 11 11 stehen für Spenden bei der Kreissparkasse (BLZ: 641 500 20) und der Volksbank (BLZ: 641 901 10) bereit. Im Überweisungsauftrag können Sie vermerken, wenn sie im TAGBLATT nicht namentlich erwähnt werden möchten oder wenn Sie für ein bestimmtes Projekt spenden wollen.

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28.12.2012, 12:00 Uhr
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