Interview: Zum Theologen Otto Michel vor und nach 1945

„Befremdlich ist, dass er nicht konkret wird“

Die „Zeit“ widmete dem evangelischen Theologen Otto Michel, dem Gründer des Institutum Judaicum an der Tübinger Universität, eine ganze Seite. Die Standscheibe einer Thorarolle aus seinem Nachlass gab Anlass, sich mit seiner Rolle vor und nach 1945 zu beschäftigen. Wir befragten Matthias Morgenstern, Theologieprofessor und Judaist an der Eberhard-Karls-Universität.

„Befremdlich ist, dass er nicht konkret wird“

Am evangelischen (!) Totensonntag veranstaltete am 21. November 1965 das Institutum Judaicum der Evangelisch-theologischen Fakultät eine Gedenkfeier auf den Jüdischen Friedhof in Wankheim. Prof. Otto Michel (rechts) zitierte dort aus dem Psalm 73: „Die aber, die dich verlassen, werden umkommen, denn du vernichtest alle, die sich von dir abwenden.“ Links neben Michel steht Gerold Kahn aus Zürich. Archivbild: Göhner

TAGBLATT: Das Institutum Judaicum wurde 1957 von Prof. Otto Michel gegründet. Was hat dazu geführt?

MATTHIAS MORGENSTERN; Ich würde gerne anders anfangen.

Wie? Warum?

Das Institutum Judaicum, das Otto Michel gegründet hat, existiert gar nicht mehr. Es ist im Grunde verschwunden, als sein Schüler Martin Hengel nach Tübingen kam und das alte Institut, je nach Sichtweise, getrennt beziehungsweise zerschlagen wurde. Das alte Institut mit dem Arbeitsbereich, der von Otto Michel geführt wurde, wurde 1981/82 zum Institut für Antikes Judentum und Hellenistische Religionsgeschichte. Auf Martin Hengel folgte dort Hermann Lichtenberger, momentan ist der Lehrstuhl unbesetzt.

Und der andere Zweig?

Er hieß zunächst noch Institutum Judaicum, hatte aber ganz andere Arbeitsbereiche als die Otto Michels. Daraus entwickelte sich das heutige Seminar für Religionswissenschaft und Judaistik. Lehrstuhlinhaber ist Stefan Schreiner.

Zurück zu Otto Michel. Was hat ihn dazu bewogen, das Institutum Judaicum zu gründen?

Er wollte etwas Neues anfangen, und das hing wohl zusammen mit theologischen Entwicklungen, die er anstoßen wollte. Er wollte außerdem Gespräche mit dem Judentum aufnehmen und Konsequenzen ziehen aus Verirrungen, die er entdeckt hatte. Aber es wird beim Lesen seiner Texte nie genau unterscheidbar zwischen den Verirrungen, die er sieht im Hinblick auf das Dritte Reich, und theologischen Fehlentwicklungen, die er gemeint hat diagnostizieren zu können im Hinblick auf liberale Theologie und Rudolf Bultmann.

Solche Vermengungen blieben sicher nicht folgenlos.

Ich habe den Eindruck, dass er sich selbst in einem Kampf sieht. Einmal heißt es bei ihm: „Zwei Kriege verlieren und dann nicht wissen, wo Gott ist. Das ist eine Katastrophe, die mit dem Interpretationsprozess in das hellenistische Denken zusammenhängt.“ Das Schlimmste für Otto Michel ist, dass man Gott nicht erkennt. Er möchte Konsequenzen ziehen und zieht sie mit dem, was er Abkehr vom „hellenistischen Denken“ nennt. Dazu braucht er das Judentum. Ich sehe manchmal eine Indienstnahme des Judentums für seine theologischen Interessen.

Die Indienstnahme nur des antiken Judentums?

Auch die des gegenwärtigen Judentums. Man muss ja sehen, dass er nach Israel gereist ist, mit Martin Buber zusammengesessen ist, auch mit Gershom Scholem und anderen Leuten. Er ist als Gesprächspartner akzeptiert worden.

Findet man in Otto Michels Nachkriegsdenken eine Zäsur, möglicherweise um das Jahr 1957 herum?

Ich bin mir nicht sicher. In dem 2003 erschienenen Sammelband „Ich bin ein Hebräer. Zum Gedenken an Otto Michel“ gibt es einen wichtigen Aufsatz von Michael Wischnath, dem Leiter des Tübinger Universitätsarchivs. Wischnath zeigt, dass ein entscheidender Wendepunkt für Otto Michel die Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann war. Es gibt einen Text von Michel, in dem er sich sehr viel kritischer als die Fakultät mit Bultmann auseinandersetzt. In dem Zusammenhang spielt eine wichtige Rolle, was Michel hebräisches Denken nennt.

Was ist, kurz gesagt, der Unterschied zwischen hebräischem und hellenistischem Denken?

Dies ist eine ideologische Konstruktion, die Michel aber wichtig war. Für ihn war das Eindringen des „hellenistischen Denkens“ verantwortlich für jahrhundertelange Fehlentwicklungen in der Kirche. Bei Michel bleibt aber völlig unklar, was „hellenistisches Denken“ eigentlich bedeuten soll. Jedenfalls wollte er theologisch zu einem wie auch immer verstandenen „hebräischen Denken“ zurückkehren und brauchte dazu als Gesprächspartner das Judentum. Es muss für ihn ein Schock gewesen sein, dass sein wichtigster Schüler, Martin Hengel, in seiner Habilitationsschrift „Judentum und Hellenismus“ 1968 zeigte, in welchem Maße schon die antiken Juden von griechischer Sprache und Kultur beeinflusst waren. Diese Entdeckung hat seinem Versuch der „Rückkehr“ zu einem „hebräischen Denken“, zu einem von ihm entsprechend imaginierten Judentum, den Boden entzogen.

Beschäftigt man sich 1957 mit Judentum, kann die Shoah nicht unbeachtet bleiben. Wie verhält sich Michel?

Es gibt Texte, in denen er von eigener Schuld spricht, aber er deutet das nur an. Seine Autobiographie beginnt mit einem Paulus-Zitat. „Ich elender Mensch. Wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes.“ Zugleich schreibt er eine Biographie, mit der er sich zu rechtfertigen sucht. Befremdlich ist, dass er da nicht konkret wird. Dass er etwa seine Mitgliedschaft in NSDAP und SA nicht zur Sprache bringt. Bei jemandem wie Otto Michel, der sich nun programmatisch dem Judentum zuwendet und es zu seinem Lebensthema macht, finde ich das enttäuschend.

Spielt die Situation des zeitgenössischen Judentums in seinen öffentlichen Auftritten eine Rolle?

Er hatte keine Scheu, er ist nach Israel gereist. Er hat auch in öffentlichen Debatten zum Synodalbeschluss der evangelischen Kirche im Rheinland, dass man die Missionierung des Judentums künftig programmatisch unterlassen wolle, Stellung genommen und für sich den Verzicht auf die Judenmission erklärt. Er hat in dieser Frage den Streit mit alten Gefährten nicht gescheut. Das heißt: Wenn er wollte, dann konnte er auch. Er hat jüdische Sensibilitäten durchaus verstanden. Er ist von Martin Buber und Gershom Scholem akzeptiert worden. Er hat das offenbar authentisch ausdrücken können.

Otto Michel war im Dritten Reich Mitglied der Bekennenden Kirche und stellte sich nach dem Krieg dar, als wäre er darum Widerständler gewesen und hätte die Politik der Nazis nicht gebilligt.

Genau. Es gibt die schon mehrfach beschriebene Szene, wonach er Gershom Scholem auf die Frage, was er während des Dritten Reichs gemacht habe, seine rote Mitgliedskarte der Bekennenden Kirche vorzeigte. Sozusagen als Realsymbol. Zugleich ist klar, dass die Mitgliedschaft in der Bekennenden Kirche eo ipso nicht bedeutete, dass man als Gegner des Naziregimes tätig war. Zunächst einmal war das ein Widerstandskampf gegen die „Deutschen Christen“. Nach allem, was mir bekannt ist, kann man Otto Michel aber zu keiner Zeit seines Lebens unterstellen, dass er ein Antisemit war. Avner Falk hat mich gefragt, ob man in der SA gewesen sein kann, ohne Antisemit zu sein.

Das halte ich aber für ausgeschlossen. Mitglieder der SA zogen durch die Straßen und grölten übelste antisemitische Lieder, organisierten massenhaft und mit großem Nachdruck Boykottaktionen gegen jüdische Geschäftsleute.

Auf jeden Fall ist es peinlich, wenn sich jemand, der bei der SA mitmachte, später als Widerstandskämpfer stilisiert. Man hätte ein offenes Wort erwarten können, um so mehr, als Otto Michel bei anderen Gelegenheiten nichts lieber tat, als zu bekennen. Gerne hätte man von ihm selber erfahren, was ihn dazu brachte zu sagen: „Ich elender Mensch.“ Was ist da vorgefallen? Er hätte sagen können: Ich bin feige gewesen. Das Verstörende in seinen Texten ist eine Rhetorik, die sich nicht festlegen lässt. Man weiß nicht genau, worauf sich sein Widerstand bezieht, das überlagert sich. Der Widerstand im Kirchenkampf setzt sich fort im Kirchenkampf gegen „theologische Irrwege“ in den 1950er und 1960er Jahren. Der Widerstandsbegriff ist nicht klar. Es ist selbstverständlich etwas anderes, ob ich als Theologieprofessor Widerstand leiste gegen eine als falsch erkannte theologische Lehre, selbst wenn ich mich damit unbeliebt mache. Oder ob ich Widerständler bin im Dritten Reich.

Er beschwieg in seiner Autobiographie die Mitgliedschaft in NSDAP und SA, obwohl sie manchen Tübingern bekannt war. Lilli Zapf hat ihm darum das bereits zugesagte Vorwort für ihr Buch über die Tübinger Juden wieder entzogen. Das hätte ihm doch zu denken geben müssen.

Man kann das nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Möglicherweise liegt Avner Falk mit seiner psychologischen Deutung der Verdrängung oder Verneinung nicht daneben.

Die Fragen stellte Hans-Joachim Lang


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05.02.2012 - 12:00 Uhr