Verkehr

Autos verbrauchen sehr viel mehr Sprit als versprochen

Von THOMAS VEITINGER UND MATTHIAS JEDELE

Besitzer bezahlen 400 Euro pro Jahr zusätzlich. Der höhere Kohlendioxid-Ausstoß gefährdet Deutschlands Umweltziele.

Autos verbrauchen sehr viel mehr Sprit als versprochen

Auf diesem Prüfstand werden Abgaswerte nach dem neuen Testzyklus WLTP gemessen. Foto: dpa

Ulm. Früher hieß es über manche Autos: Die rosten schon auf dem Prospekt. Dass der Spritverbrauch höher lag, war auch längst klar. Nach einer Studie ist das Geflunkere allerdings vielmehr eine faustdicke Lüge: Das International Council on Clean Transportation (ICCT) hat einen Kraftstoffverbrauch bei Pkw ermittelt, der um 42 Prozent über Herstellerangaben liegt. Das sind rund 400 EUR Mehrkosten für die Autofahrer im Jahr, teilte das unabhängige Forschungsinstitution mit, das vor zwei Jahren den VW-Diesel-Skandal in den USA mit aufgedeckt hat.

Was besonders auffällt: Während die durchschnittliche Abweichung zwischen Test- und Realwerten im Jahr 2001 noch bei rund 9 Prozent lag, stieg sie bis 2016 auf knapp 42 Prozent an. „Die Kluft zwischen offiziellem und tatsächlichem Verbrauch ist dabei so groß wie noch nie“, sagt Peter Mock, ICCT-Geschäftsführer in Europa.

Autoexperte Willi Diez erstaunt das „nicht wirklich“. Hersteller hätten die Möglichkeiten des Kleinrechnens, die ihnen das Verfahren auf dem Rollenprüfstand bot, „immer weiter ausgeschöpft“. Seit September gelte für neue Fahrzeugtypen jedoch das so genannte WLTP, das tatsächliche Fahrbedingungen widerspiegele, sagt der Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft Nürtingen-Geislingen. Künftig dürften sich deshalb die beworbenen den tatsächlichen Werten annähern. „Ein Prozess, der über Jahre geht“, sagt Diez.

Aber auch beim neuen Prüfverfahren gebe es Schlupflöcher, sagt Mock. Notwendig seien Straßentests unter realen Fahrbedingungen. Die grüne EU-Abgeordnete Rebecca Harms hält weiterhin Verbrauchsabweichungen mit dem WLTP von bis zu 20 Prozent für möglich: „Über die Jahre wird sich diese Kluft wieder vergrößern, wenn die Hersteller lernen, alle Schlupflöcher auszunutzen“.

Für den ADAC ist die ICCT-Studie ebenfalls nicht überraschend. „Der neue Testzyklus wird aller Wahrscheinlichkeit nach mehr Realitätsnähe und mehr Übersicht für den Autofahrer in puncto Verbrauch bringen und ist deshalb auf jeden Fall zu begrüßen. Man muss allerdings abwarten, bis die neuen Fahrzeuge auch tatsächlich gemäß neuem Prüfzyklus zugelassen werden. Das wird dann neue Erkenntnisse zur tatsächlichen Wirkung des WLTP bringen“, sagt ein ADAC-Pressesprecher.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) gesteht einen für Verbraucher „ärgerlichen Unterschied zwischen Labor- und Straßenwert“ ein. Dieser liege etwa daran, dass serienmäßige Ausstattungen wie Sitzheizung oder Radio nicht berücksichtigt würden und die Beschleunigung für heutige Maßstäbe zu sanft sei. Dass die Unterschiede größer werden, habe einen rein rechnerischen Grund: „Weil die Fahrzeuge immer effizienter werden, sinkt ihr im Prüfzyklus gemessener Wert“, teilt der VDA mit.

Laut Harms ist es dagegen „seit Jahren bekannt, dass die Autohersteller sehr viel Erfindungsgeist entwickeln, um ihre Fahrzeuge für den Testbetrieb statt für die Straße zu optimieren.“ Das sei auch schlecht fürs Klima, denn mit höherem Verbrauch steige auch der Kohlendioxid-Ausstoß.

Die Studie kommt unmittelbar vor einem Entwurf von Plänen der EU-Kommission für künftige Abgasgrenzwerte von Neuwagen. Am Mittwoch sollen in Brüssel Vorschläge zum CO2-Verbrauch präsentiert werden. Erwartet wird laut „Spiegel Online“, dass künftig kein fixer Wert für den Kohlendioxid-Ausstoß eingehalten werden muss, sondern eine prozentuale Verbesserung von 25 bis 35 Prozent bis zum Jahr 2030 notwendig sei.

Zudem könnte eine Quote für Autos mit alternativen Antrieb von 2030 an kommen. Diese würde Hersteller verpflichten, 15 bis 20 Prozent emissionsfreie Fahrzeuge zu produzieren. Harms befürchtet allerdings, dass die E-Auto-Quote „wenig ehrgeizig“ in dem Gesetzesvorschlag ausfalle und zudem noch auf den Flottenverbrauch angerechnet werden könne.

Bei der Verbrauchsmessung fordert die Grünen-Politikerin bessere Tests mit Fahrzeugen auf der Straße, eine stärkere Überprüfung in allen Bereichen von Emission und Verbrauch und die Möglichkeit der EU zu Sanktionen, die es heute nicht gebe.


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07.11.2017 - 06:00 Uhr