Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Polizei

Automatisch unter Kontrolle

Die Stadt Mannheim möchte, dass sich ihre Bürger wieder sicherer fühlen. Deshalb setzt sie auf Kameras und zwar auf besonders kluge. Kritiker zweifeln am Nutzen der Technologie und sehen Datenschutz-Probleme.

06.12.2017
  • ALFRED WIEDEMANN

Mannheim/Stuttgart. Videokameras übertragen Bilder ins Lagezentrum, Beamte kontrollieren am Monitor und schicken eine Streife, wenn sie Verdächtiges sehen. So geht polizeiliche Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen. Mannheim geht einen Schritt weiter. Die Videoüberwachung soll „intelligent“ werden.

Eine Software prüft die Kamerabilder auf bestimmte Bewegungsmuster. Typische Situationen der Straßenkriminalität soll sie erkennen, Gruppenbildung zum Beispiel, Hinfallen, Wegrennen. Dann gibt es Alarm, der Polizeibeamte im Lagezentrum prüft die Livebilder und entscheidet, ob Kollegen vor Ort benötigt werden.

Erkennen von Bewegungsmustern, dazu das Verfolgen mutmaßlicher Straftäter per Kameras, – das alles soll die Software erledigen. Aber keine Gesichtserkennung. Das System soll im Einsatz überprüft und verbessert werden – „zur Erlangung der praktischen Einsatzreife“, steht in der Infovorlage für den Mannheimer Gemeinderat. Ziel seien möglichst wenige falsche Alarme und „Verpasser“, also von der Software nicht erkannte Delikte.

Die polizeiliche Videoüberwachung ist an Kriminalitätsbrennpunkten, an Orten mit deutlich mehr Straftaten als in ihrer Umgebung, bisher schon erlaubt. Den Test-Einsatz „intelligenter“ Software ermöglicht Grün-Schwarz mit einem geänderten Landespolizeigesetz.

Im 336 000 Einwohner großen Mannheim wurde ab 2001 schon einmal intensiv videoüberwacht. Die Kameras zeigten Wirkung, sagt Erster Bürgermeister und Sicherheitsdezernent Christian Specht. Die Zahl der Straftaten ging zurück. Deshalb mussten 2007 die Kameras – bis auf die am Bahnhofsvorplatz – wieder weichen. Inzwischen sei die Straßen- und Betäubungsmittelkriminalität „wieder signifikant gestiegen, vor allem in der Innenstadt“, sagt Mannheims Polizeipräsident Thomas Körber. Der erneute Kameraeinsatz soll Straftäter abschrecken, schnelles Einschreiten der Polizei ermöglichen und mit befristet gespeichertem Bildmaterial das Identifizieren von Tätern erleichtern. Und: Die Überwachung soll den Mannheimern mehr Sicherheit vermitteln.

„Schon die Kameras früher waren wirksam gegen Kriminalität. Die hat die CDU damals erreicht“, sagt Matthias Sandel, Geschäftsführer der Mannheimer CDUFraktion. „Wir haben sehr bedauert, dass sie fast alle wieder weg mussten.“

Die SPD-Fraktion werde den neuen Kameraeinsatz mittragen, nicht als „Allheilmittel“, sondern auch um „das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger zu stärken“, sagt Fraktionschef Boris Weirauch. Der Fahndungsdruck in den umliegenden Straßenzügen müsse bleiben, damit sich die Kriminalität nicht einfach verlagere. Beamte dürften auch nicht vom Streifendienst abgezogen werden, damit sie vor dem Bildschirm sitzen, sagt Weirauch. Das sollte der Landesregierung klar sein, die für mehr Polizei in Mannheim sorgen müsse, meint er.

Mehr gut ausgebildete Polizeikräfte wünschen sich auch die Grünen im Stadtrat – statt mehr Kameras. Die Beamten „können in kritischen Situationen eingreifen“, sagt Fraktionschef Dirk Grunert. „Kameras dienen vorwiegend der gefühlten Sicherheit, nicht der tatsächlichen Kriminalitätsbekämpfung.“ Ein Teil der Straftaten werde nur verdrängt, Drogenhandel etwa. Vermutlich stoppen die Kameras alkoholbedingte Taten nicht. „Da müsste man anders herangehen, Stichwort Prävention und Sozialarbeit“, sagt Grunert.

Im ersten Quartal 2018 soll die neue Kameratechnik zuerst am Bahnhofsvorplatz kommen, später am Alten Messplatz, in der Breiten Straße und am Plankenkopf. 71 Kameras an 28 Standorten sind geplant. Zuerst überwacht von Polizisten am Schirm, später dann mit Hilfe „intelligenter“ Technik.

Die sei noch „Zukunftsmusik“, sagt SPD-Fraktionschef Weirauch. „Wir sind meilenweit von einer praxistauglichen automatisierten Bildauswertung entfernt.“ Die SPD will nun auf den verfassungskonformen Einsatz der Kameras achten, also darauf, dass keine biometrischen Daten ausgewertet werden.

„Die intelligenten Kameras sind aus unserer Sicht eine Schimäre. Das dient nur der massiven Einführung von Standard-Kameras“, sagt der Grüne Grunert. Wann die intelligenten Kameras technisch funktionierten, sei nicht absehbar. „Mit diesem Argument werden jetzt aber über 70 Kameras installiert.“ Bürgerrechte und Datenschutz spielten in der aktuellen gesellschaftlichen Stimmung „leider keine wesentliche Rolle mehr“. Sollte die neue Technik irgendwann zur Verfügung stehen, stellten sich ganz andere Fragen: „Kann die neue Technik Menschen identifizieren und überwachen? Wollen wir das als Gesellschaft? Wie gehen wir mit massiven Risiken durch Missbrauch um?“, so Grunert. Nötig sei erst einmal eine „unabhängige Technikfolgenabschätzung durch die Wissenschaft“.

„Die Lösung mit intelligenter Software ist zwar teuer, aber das machen wir gern“, meint die CDU. „Gesichter von Passanten sind unkenntlich, das Programm schlägt erst Alarm, wenn Ungewöhnliches passiert“, sagt Sandel. Befürchtet werde aber, dass Delikte wie Handtaschenraub durchs Software-Raster fallen, weil Täter unauffällig agieren. Erfahrene Beamte am Monitor würden die Taten erkennen. „Schlechter als früher darf die Videoüberwachung aber nicht sein.“

880 000 Euro sind für das Projekt veranschlagt. Am 11. Dezember beginnt die Etatrunde. Die großen Fraktionen CDU und SPD, je 13-köpfig, wollen zustimmen. Der Stadtrat hat 48 Mitglieder.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

06.12.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Reutlinger Begegnung: Mustafa Sary Der nimmermüde Zuhörer
Kathrin Kammerer über das Jubiläum des Dolmetscher-Pools Helfen, die Sprachlosigkeit zu überwinden
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular