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Aus der Not zur Tugend
Gabi Riegger und Michael Podoll in ihrem Radladen in Hirrlingen. Privatbild
Radladen

Aus der Not zur Tugend

Ein Berliner und seine schwäbische Ehefrau betreiben in Hirrlingen Michas Radladen. Kunden kommen aus der ganzen Region.

27.08.2017
  • Werner Bauknecht

Vielleicht sollte man bei dem Fahrradgeschäft in Hirrlingen von einem Erfolg wider Willen sprechen. Denn die Selbstständigkeit war beim Ehepaar Michael Podoll und Gabi Riegger nicht vorgesehen. Podoll kommt zwar aus der Branche, hat die Prüfung als Zweiradmechanikermeister. Was gar nicht so häufig vorkommt.

Als der heute 52-Jährige Anfang 1990 ins Schwabenland kam, arbeitete er bei einem großen Radhändler in Herrenberg. 25 Jahre blieb er dabei, die letzten beiden Jahre als Meister im „Specialized-Store“ in Gültstein, einer Niederlassung des Herrenberger Geschäfts. Längst hatte er die Idee aufgegeben, nach Berlin zurückzugehen. Denn eines Tages, 1992, kaufte eine Frau ein Fahrrad bei ihm, die hieß Gabi und ist heute seine Ehefrau. Sie arbeitete damals noch in einem Computerunternehmen.

Podoll kennt Fahrräder von der Pike auf. In Berlin war er auf einer Sportschule, ist dort selbst halbprofessionell Rad gefahren und hat seine Lehre nebenher gemacht. Noch heute kennt er aus dieser Zeit ehemalige Rad-Asse wie Jens Voigt oder Andreas Klöden.

Die Zeit in Gültstein ging unschön und unerwartet zu Ende. Viel will Podoll nicht darüber reden, „das wäre bloß ein unnötiges Nachkarten.“ Er habe sogar Zahnschmerzen bekommen, „die ich eigentlich nicht haben konnte“, erzählt er. „Das war psychisch.“ Er kündigte von sich aus. Das tat weh, nach der langen Zeit. „Eigentlich wollte ich ein Jahr Pause machen, Nichtstun, einfach mal für mich sein.“ Letztlich aber ließ er sich überreden, einen eigenen Fahrradladen zu eröffnen.

Allerseits Ermunterung

Schuld daran war der Zuspruch von allen Seiten. Die Arbeitsagentur gab ihm keine Sperrfrist, obwohl er selbst gekündigt hatte, sie erkannten seine Gründe an. Er erhielt ein Gründerdarlehen für das eigene Geschäft. Gemeinsam mit dem Businessplan ging er zur Bank. Die Volksbank gab ihm das Startkapital. Wenig Unterstützung indes hätten er und seine Frau von der Gemeinde Hirrlingen bekommen. „Wir wollten unsere Werkstatt am Hirrlinger Radweg bauen. Nachdem man uns endlos hingehalten hat, kam schließlich die Absage. Das war schlimm für uns.“

Doch neben ihrem Haus in der Kirchstraße stand eine alte Schreinerei. Die wurde nicht mehr betrieben. Von der Erbengemeinschaft kauften Podoll und Riegger das Gebäude und bauten es um. Vieles machten sie selbst. „Fliesen legen und solche Sachen kann ich“, sagt Gabi Riegger. Sie ist gebürtige Hirrlingerin.

Da stand dann das Schmuckstück: „Michas Radladen“, mit fast 500 Quadratmetern Nutzfläche, ausbaufähigem Keller, direkt an der Straße und mit eigenen Parkplätzen am Haus. Drinnen ist eine lange Kaffeebar für Kunden, die auf die Inspektion ihres Rades warten wollen, oder für Freunde, die die Werkstatt zum Wohnzimmer machen.

„Ja“, sagt Podoll, „wir sind zufrieden. Aber ich warte immer noch auf den Dämpfer.“ Klar, es gibt es keine Laufkundschaft bei der Lage. Kunden müssen gezielt den Laden ansteuern. „Das geht bloß durch besondere Leistung“, meint Riegger. Sie wollten nicht bloß Räder verkaufen, der Erfolg des Geschäfts liege im Service. Man müsse mit den Kunden können und ihnen „nicht bloß ein neues Rad reindrücken“.

„Bei mir ist oft das Menschliche zu sehr im Vordergrund“, sagt Podoll, „ich sollte mehr auch aufs Wirtschaftliche achten.“ Er arbeite von sechs Uhr früh bis acht Uhr abends durch, berichtet er. Auf kleine Reparaturen können die Kunden gleich warten. Im Absatz gehe der Trend klar zu den E-Bikes. „Rennräder verkaufen wir eher wenig. Mountainbikes gehen immer.“ Aber nicht einmal im kommenden Winter kann er mal gemütlich ausspannen: Da werde der Keller zum Showroom ausgebaut. „Das machen wir größtenteils selbst.“

Trotz Fehlern gut geschlafen

Natürlich machten sie zu Beginn auch ein paar Fehler. „Wir waren unterfinanziert“, erzählt Gabi Riegger, die aus der IT-Branche kommt, „mit weit unter 100 000 Euro hatten wir nicht den besten Start.“ Aber sie konnten nachts dennoch schlafen. Bloß eines bedauert Michael Podoll: Er komme selbst nicht mehr zum Radeln. Sonntags liege er lieber auf dem Sofa und ruhe sich aus. „Ich sollte mal wieder mal was Sportliches machen“, sagt er augenzwinkernd und tätschelt seinen Bauch, „ich hab’ ein halbes Kilo zugenommen.“

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27.08.2017, 18:59 Uhr
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