Aus dem Nichts

Aus dem Nichts

Von Madeleine Wegner

Fatih Akin macht aus der Geschichte um die NSU-Morde einen emotionalen Thriller, in dem eine Frau die Mörder ihrer Familie sucht.

Aus dem Nichts

Der ständig strömende Regen schwemmt die Farben weg. Er zieht Schlieren, bis die Wirklichkeit verschwimmt. Auch das Blut fließt immer und immer wieder: Da sind die roten Spritzer an der verrußten Wand, wo die Nagelbombe Katjas Mann und ihren Sohn zerfetzte. Blut fließt aus Katjas Nase, nachdem sie Drogen geschnupft hat, um ihren Schmerz zu betäuben. Das Blut strömt im Rhythmus ihres Pulsschlags aus ihren offenen Adern ins Badewannenwasser. Fatih Akin nimmt in seinem neuen Film „Aus dem Nichts“ die Hauptfigur Katja Sekeci und damit Hauptdarstellerin Diane Kruger ganz genau in den Blick.

„War ihr Mann Muslim? War er Kurde? War er politisch aktiv?“ Das sind die ersten Fragen, die der Polizeibeamte stellt. Trotz des Hinweises auf eine blonde Täterin gehen die Beamten von einem Racheakt im Drogenmilieu aus, von irgendeiner Mafia, vielleicht der türkischen, der kurdischen, vielleicht auch der albanischen. Die Erkenntnis, die in der Realität Jahre gedauert hat, verkürzt Akin auf wenige Augenblicke: „Das war ne Deutsche, die war so deutsch wie ich, man“, sagt Katja zu ihrem befreundeten Anwalt: „Das waren Nazis.“ Sie kommen vor Gericht. Und sie werden freigesprochen.

„Aus dem Nichts“ ist kein Dokumentarfilm. Doch Akin orientiert sich bei der fiktiven Bombenexplosion im Hamburger Kiez an jenem NSU-Anschlag auf einen türkischen Friseursalon in Köln. Auch hat Akin, der selbst türkische Wurzeln hat, mehrmals den NSU-Prozess in München besucht und beobachtet.

In seinem Film bleiben die Täter unbeleuchtet, es geht vor allem um den Schmerz der Angehörigen. Und den demonstriert Diane Kruger fast ausnahmslos beeindruckend. Sie ist gefangen in diesem abgründigen Schmerz, der ihr Gesicht verzerrt, versteinert, verschwimmen lässt, den glasigen Blick ins Leere gerichtet.

Bei der eigenen Entscheidung über Tod und Leben rudert sie zwei Mal zurück. Auf ihrem Samurai-Tattoo fehlte lange Zeit die Farbe Blutrot. Doch sie entscheidet sich, der Spur des Blutes zu folgen – ein Ende, das hoffentlich mehr Warnung als Botschaft ist.

Im Mittelpunkt steht Diane Kruger als Frau, die Gerechtigkeit verlangt – dabei jedoch einen fatalen Schluss zieht.


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20.11.2017 - 23:08 Uhr