Fest

Auf den Geschmack kommen

Von Gernot Stegert

Ein neuer Markt in Tübingen soll die Verständigung fördern. Flüchtlinge kochen Gerichte ihrer Heimat. Die Organisatoren nehmen Rücksicht auf Anwohner.

Es muss nicht gleich Liebe sein: Schon Kennenlernen und Verständigung gehen durch den Magen. Deshalb soll nächstes Jahr vom 14. bis 16. Juni ein neuer Markt in Tübingen Kost von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika anbieten. Das Tübinger Startup „Essenswelten“ hatte die Idee (wir berichteten), der erfahrene Marktbegründer und Händler Herbert Tressel (71 Jahre) steht den beiden Jungunternehmern Julian Schmid (27) und Julian Rauscher (28) zur Seite. Jetzt ist die Genehmigung der Stadt da und ein Name wird gesucht (siehe Infobox).

Noch jede Zuwanderung hat die Küche und die Essgewohnheiten einer Gesellschaft geprägt. Auch die Flüchtlinge jetzt bringen eigene Rezepte mit. Diese möchten die Marktorganisatoren bekannt machen. Das Konzept: Flüchtlinge kochen. Und zwar möglichst authentisch. Das Wort nahmen Schmid und Tressel gestern im Gespräch beim TAGBLATT immer wieder in den Mund. Die Gerichte sollen nicht „europäisiert“ werden. Und eine zweite Vokabel fällt mehrfach: Qualität. Das Essen muss gut sein, bis an den Anfang der Zuliefererkette, sagte Schmid. Auch die Stände müssen vorzeigbar sein. „Das Ambiente muss stimmen“, so Tressel. All das kostet. Daher werden auch noch Sponsoren gesucht.

Auf Holzmarkt und Gassen

Einen kleinen Markt haben die Jugendfreunde Schmid und Rauscher 2016 in ihrer Heimat Esslingen organisiert. In ihrer Studienstadt Tübingen wollen sie das Konzept erweitern. „Wir brauchen eine bestimmte Mindestgröße, damit es sich lohnt“, weiß Tressel. Schmid nickt, schon so würden Einschränkungen schwarze Zahlen erschweren. Eine Restriktion liege am Konzept: Auf Bier, Wein und alkoholische Cocktails wird verzichtet. Das passe nicht zu den überwiegend muslimischen Herkunftsländern, so Schmid. Alkoholische Getränke ließen sich in größeren Mengen mit höheren Gewinnmargen verkaufen.

Zwei Begrenzungen sind die Zeiten. Ursprünglich wollten die Marktmacher vier Tage anbieten. Nach Protesten aus der Bürgerinitiative Altstadt (wir berichteten) jedoch haben sie auf einen Tag verzichtet – und machen abends bereits um 21 Uhr Schluss. Obwohl die Altstadt in lauen Sommernächten ohnehin ein Stimmengewirr ist. Geöffnet wird um 10 Uhr.

Schmid und Tressel rechnen mit 25 bis 30 Ständen, davon etwa zwei Drittel mit Kulinarischem. Auch Zutaten sollen verkauft werden. Doch auch Initiativen, die Flüchtlingen helfen, sollen Stände bekommen. Tressel begründet das so: „Wir wollen Verständnis fördern und die Angst nehmen.“

Die Stände sollen auf dem Holzmarkt, im oberen Teil der Neckargasse und der Neuen Straße sowie in der Hafengasse stehen. „Wir stellen Geschäfte nicht zu“, versprach Tressel, „dazu bin ich zu sehr Einzelhändler.“ Nur ein paar Sitzgelegenheiten sollen gegenüber von Ständen aufgestellt werden.

Begleitend planen die Organisatoren ein Kulturprogramm mit Talkformaten, um Erfolgsgeschichten zu erzählen, mit Fotoausstellung und Lesungen. Auf Musik wird bewusst verzichtet, um Anwohner nicht zu stören.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


17.10.2017 - 01:00 Uhr