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Verbrechen

Angst und Vorurteil

Nach der Festnahme eines jungen Flüchtlings erreicht der Mordfall Maria L. eine neue Dimension – und plötzlich ist das liberale Freiburg mittendrin in einer hitzigen Debatte.

06.12.2016
  • FRANK ZIMMERMANN, JOACHIM RÖDERER

Freiburg. Sonntag, 16 Uhr, Münsterplatz Freiburg. Es ist der Tag, nachdem die Polizei einen Verdächtigen für den Mord in Freiburg gefunden hat – und schon wird es politisch. Der Kreisverband der AfD hat zur Demo „gegen die Merkel'sche Politik“ geladen. Nach Lesart der AfD ist die 19 Jahre alte Studentin Maria L. ein „Opfer der Willkommenskultur“ der Kanzlerin geworden. Maria L. wurde am 16. Oktober auf dem Heimweg von einer Party vergewaltigt und getötet. Ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling sitzt wegen dringenden Tatverdachts in Haft.

Dem Aufruf der Rechtspopulisten sind 15 überwiegend ältere Männer gefolgt, auf dem Münsterplatz halten sie Kerzen und Grablichter in der Hand, einer ein Deutschlandfähnchen. „Wir sind empört über den Mord an Maria L. und darüber, dass es sich um einen Asylbewerber handelt“, sagt ein älterer Herr, der seinen Namen nicht nennen möchte. Das will keiner, nur Reimond Hoffmann, Bundestagskandidat der AfD im Wahlkreis Rottweil/Tuttlingen, legt Wert darauf, dass sein Name bekannt ist. Als er, auf dem Rand des Fischbrunnens stehend, zur Rede ansetzen will, brüllen und pfeifen ihn 300 Gegendemonstranten nieder. „Freiburg braucht keine AfD“, „Hetzerpack“ und „Flüchtlinge bleiben, Nazis vertreiben“, rufen sie. Die Kräfteverhältnisse sind, dieser Demo zufolge, so wie schon immer in Freiburg.

Derweil muss die fast 3000 Mitglieder zählende Facebook-Initiative „Flüchtlingshilfe Freiburg“ nach Bekanntwerden des Fahndungserfolgs wegen rechter Hetze und Drohungen ihre Facebook-Gruppe vorübergehend schließen. Maria L. gehörte der Gruppe an, und ihre Familie sammelte in der Traueranzeige Spenden für Flüchtlinge. „Maria hätte das niemals gewollt, dass ihr Name für so etwas benutzt wird“, sagt eine der AfD-Gegnerinnen auf dem Münsterplatz.

Eine Studentin ärgert sich, dass auf dem Rücken der Getöteten eine Debatte ausgetragen werde: „Es hat keinen Tag gedauert, bis alle Flüchtlinge an den Pranger gestellt werden.“ Kaum hatte Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer am Samstag in einer Pressekonferenz im Regierungspräsidium ausgesprochen, dass ein unbegleiteter minderjähriger Ausländer dringend tatverdächtig ist, kam es schon zu Hetze im Internet. Dutzendfach, hundertfach. Es passierte also genau das, was liberale und weltoffene Freiburger bei genau einer solchen Nachricht vorher befürchtet hatten.

Viele Fragen sind für die Polizei noch immer ungeklärt. So weiß sie über den Beschuldigten aus Afghanistan bislang nicht viel: Er sagt nichts zur Tat. Irgendwann 2015 war er ohne Eltern nach Deutschland gekommen, wurde im November als unbegleiteter minderjähriger Ausländer registriert. Bei der Polizei ist er bislang nicht aufgefallen. Er besuchte eine Schule und wohnte bei einer gut situierten Pflegefamilie im Osten der Stadt. Wann, wieso, unter welchen Umständen kam er nach Deutschland? Kannten sich Täter und Opfer? War der Beschuldigte in der Tatnacht eventuell auf derselben Riesenparty in der Uni? Bisher sind das noch völlig offene Fragen.

Doch kriminalistische Details spielen längst keine große Rolle mehr – die Debatte tobt bundesweit. Sogar die Bundesregierung äußert sich: Regierungssprecher Steffen Seibert sagt am Montag, der 17-Jährige müsse für die abscheuliche Tat bestraft werden, sollte sich der Verdacht bestätigen. „Aber wir dürfen nicht vergessen, wir reden dann von der möglichen Tat eines afghanischen Flüchtlings, nicht einer ganzen Gruppe von Menschen, die wie er Afghanen oder Flüchtlinge sind“, sagte der Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). „So bitter es ist: Solche abscheulichen Morde gab es schon, bevor der erste Flüchtling aus Afghanistan oder Syrien zu uns gekommen ist. Wir werden nach solchen Gewaltverbrechen – egal, wer sie begeht – keine Volksverhetzung zulassen“, sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Andere sehen das anders: Etwa AfD-Chef Jörg Meuthen: „Wir sind erschüttert über diese Tat und erleben gleichzeitig, dass unsere Warnungen vor der ungesteuerten Einreise Hunderttausender junger Männer aus patriarchalisch-islamischen Kulturkreisen als populistisch abgewertet wurden.“ Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt sagte der „Bild“: „Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung immer verbunden sind.“ Der Mordfall ist in der großen Politik angekommen.

„Tagesschau“ in der Kritik

Derweil muss sich die ARD für ihre Berichterstattung rechtfertigen: Die „Tagesschau“ erläuterte in einem Blogeintrag ihre heftig kritisierte Entscheidung, den Fall in der 20-Uhr-Ausgabe am Samstag nicht zu melden. Die Sendung berichte nur „sehr selten über einzelne Kriminalfälle“, schrieb ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke. Die Herkunft des mutmaßlichen Täters habe mit dieser Entscheidung nichts zu tun. Seine ursprüngliche Begründung, der Fall habe „regionale Bedeutung“, ist am Montag Makulatur.

Das liegt auch daran, dass er an Ängste rührt – viele junge Studentinnen trauen sich nachts in Freiburg nicht mehr allein auf die Straße, achten darauf, immer in Begleitung zu sein. Hinzu kommt der ungelöste Fall im nahen Endingen, wo eine junge Joggerin vergewaltigt und ermordet wurde. Die Angst wird auf Flüchtlinge projiziert – ob das rational begründet ist oder nicht. „Diese bekannte Angst der Bevölkerung, jetzt kommen ganz viele junge Männer, die ganz anders sozialisiert sind, die wird durch so einen einzelnen Fall ja bestärkt“, sagt die Psychologin Maggie Schauer, die an der Universität Konstanz forscht. „Aber die Generalisierung, alle jugendlichen Flüchtlinge seien so, entwickelt eine fatale Dynamik.“ Allerdings könne es durchaus einen Zusammenhang mit erlebten traumatischen Erlebnissen geben. „Gewalterfahrungen verändern die Psyche und das Gehirn“, sagt Schauer. Wo endet wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit, wo beginnt das Vorurteil?

Die Annahme, junge Flüchtlinge seien gewaltbereiter, lässt sich mit Zahlen des Bundeskriminalamtes nicht belegen. „Die Gewaltkriminalität insgesamt ist zurückgegangen, obwohl so viele Flüchtlinge gekommen sind“, erläutert Professor Jörg Kinzig, Direktor des Tübinger Instituts für Kriminologie, die Statistiken. „Bei Mord und Totschlag gab es ein Minus von 2,9 Prozent. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung ein Minus von 4,4 Prozent.“ Sexualmorde wie der in Freiburg seien äußerst selten. Nur 13 Fälle gab es 2015 bundesweit.

An der Dreisam, auf Höhe des Schwarzwaldstadions, liegen auch sieben Wochen nach der Tat an drei Stellen nahe dem Tatort noch immer Blumen, Kerzen, Teddybären und auf Zettel und Herzen geschriebene Botschaften an Maria L. Im Studentenwohnheim, in dem sie wohnte, will niemand mit den Medien sprechen. Viele Bewohner seien nach der Festnahme erleichtert, glaubt Heimleiter Andreas Braun. „Aber der Trauerprozess ist bei denen, die Maria nahe standen, längst noch nicht abgeschlossen. Der Verlust bleibt.“ (mit dpa)

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06.12.2016, 06:00 Uhr
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