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Mit ruhiger Hand gegen den Zerfall

An der Kunstakademie werden historische Brautkronen aus dem Schwarzwald restauriert

Metall und "krankes" Glas sind keine gute Kombination. An der Kunstakademie in Stuttgart werden historische Brautkronen aus dem Schwarzwald restauriert - wertvolle Forschungsarbeit inklusive.

21.05.2013
  • JAN-PHILIPP SCHÜTZE

Stuttgart Wenn sich Stephanie Wümmers um ihren Schäppel kümmert, braucht sie vor allem eine ruhige Hand. Mit einem feinen Pinsel befreit die 26-Jährige behutsam die historische Brautkrone vom Staub. Rund 1500 Glaskugeln, rot, violett oder weiß, viele von ihnen verspiegelt, dazu bunte Perlenketten, kleine Spiegel, Stoffblumen und andere Anhänger zieren das 2,5 Kilo schwere Prachtexemplar aus dem Schwarzwald. Wümmers, die an der Stuttgarter Kunstakademie im achten Semester die Konservierung und Restaurierung von archäologischen, ethnologischen und kunsthandwerklichen Objekten studiert, leistet wertvolle Forschungsarbeit an dem mehr als 100 Jahre alten Kopfschmuck.

Denn der Schäppel aus dem Völkerkundemuseum in Heidelberg hat schon bessere Zeiten gesehen. Die filigrane Konstruktion ist an vielen Stellen instabil geworden. Einige der kleinen Glaskugeln sind bereits abgefallen, weil die dünnen Befestigungsdrähte aus Metall durchgerostet sind. Schuld am fortschreitenden Zerfall ist das, was Experten "krankes" Glas nennen. Die Brautkronen, erzählt Werkstattleiterin Andrea Fischer, wurden einst in aufwendiger Heimarbeit hergestellt. Oft war die ganze Familie an der Produktion beteiligt. Die kleinen Hohlkugeln wurden über einer Spiritusflamme geblasen. Damit die Glasmasse leichter schmelzbar ist, wurde ihr Flussmittel zugegeben.

Dieses Vorgehen sorgt nun Jahrzehnte später für Probleme. In Verbindung mit Luftfeuchtigkeit haben sich auf dem Glas mit der Zeit alkalische Oberflächenfilme gebildet, die das in Kontakt stehende Metall anfressen. Auch weitere historische Exponate sind betroffen, wie Fischer bei ihren Nachforschungen in anderen Museen festgestellt hat. Uhren, Brillen, Knöpfe, Bilderrahmen - überall dort, wo "krankes" Glas und Metall aufeinander treffen, besteht Korrosionsgefahr. Von den 60 "Schäppeli" in einer Schweizer Sammlung war jeder zweite betroffen. Fischer konnte zwischenzeitlich nachweisen, dass auch das mit geschmolzenem Weichlot verspiegelte Innere der Kugeln das Metall angreift.

Mit ihrer Forschungsarbeit betritt die Kunstakademie Neuland. "Wir sind die ersten gewesen, denen es überhaupt aufgefallen ist", sagt Professor Gerhard Eggert, Leiter des Studiengangs Objektrestaurierung. Bislang sei dem Problem in der Fachwelt wenig Beachtung beigemessen worden. Er selbst habe solche Korrosion bereits vor einiger Zeit an mittelalterlichen Glassteinen in Metallfassung entdeckt, so zum Beispiel am Schrein von St. Godehard in Hildesheim oder beim Otto-Adelheid-Evangeliar in Quedlinburg. Um der Sache genauer auf den Grund zu gehen, initiierte er ein Forschungsprojekt zur "Glas-induzierten Metallkorrosion an Museums-Exponaten", das von der Friede-Springer-Stiftung in Berlin gefördert wird.

Ziel sei es, so Eggert, den Zerfallsprozess besser zu verstehen und zudem konkrete Handlungsanweisungen zu formulieren. So kann das Glas gereinigt und mit Schutzlack versiegelt werden, um weitere Schäden zu vermeiden. Auch die Aufbewahrung müsse verbessert werden, denn nicht nur eine hohe Luftfeuchtigkeit, sondern auch Ausdünstungen aus Holz und Papier können den Zerfall begünstigen.

Die angehende Restauratorin Stephanie Wümmers ist derweil begeistert, dass sie als Studentin in das Projekt eingebunden ist und die wertvolle Brautkrone mit eigenen Händen vor dem Zerfall retten kann. Denn: "Bei der Restaurierung ist es nicht nur wichtig zu wissen, was zu tun ist, sondern es auch tun zu können."

An der Kunstakademie werden historische Brautkronen aus dem Schwarzwald restauriert
Die 26-jährige Stephanie Wümmers restauriert im Rahmen ihres Studiums einen vom Zerfall bedrohten Schäppel. Foto: Jan-Philipp Schütze

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21.05.2013, 12:00 Uhr
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