Leitartikel zum Thema Arbeiten im Rentenalter

Alt und aktiv

Von Günther Marx

Männerfreunde! Der FC Bayern ist in Not. Und was macht Uli Hoeneß? Er ruft seinen alten Kumpel Jupp Heynckes an. Einen 72 Jahre alten Ruheständler, der sich vor Jahren aus dem Trainergeschäft verabschiedet hat und nun vom Niederrhein zurück nach München wechselt.

Berlin. Auf Zeit, als Helfer in der Not. Aber vom Fußball und der Bayern-Oper abgesehen, geht es hier vor allem um eines: Ein Rentner packt nochmal an. Eine hochspezialisierte, für das zu lösende Problem geeignete Fachkraft, die auf dem Arbeitsmarkt selten und dementsprechend gesucht ist. Dass im Profi-Fußball besondere Tarife gelten – geschenkt.

Der Fall Heynckes ist bei aller Spezialität durchaus übertragbar auf das wirkliche Leben. In ihm spiegelt sich auch ein Stück gesellschaftlichen Wandels. Vor 20 Jahren war ein über 70-Jähriger ein alter Mensch. Und noch früher ein sehr alter Mensch. Das Bild der Alten indes hat sich verändert – schon äußerlich in Kleidung und Habitus, innerlich im Wunsch, am Leben weiter aktiv teilzuhaben.

Wer außerhalb der Hochsaison in Urlaub fährt, begegnet fast überall einem Heer von hochaktiven Menschen fortgeschrittenen Alters. Aber nicht wenige von ihnen sind nicht nur in ihrer Freizeit aktiv. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Männer und Frauen, die auch im Rentenalter noch arbeiten, auf mehr als 940 000 fast verdoppelt. Sicher, ein gutes Drittel tut es des Geldes wegen, weil die Rente nicht reicht. Die anderen aber, weil sie sich fit und leistungsfähig fühlen. Und sie einen gleitenden Übergang aus dem Arbeitsleben in den Ruhestand einem abrupten Abbruch vorziehen.

Gewiss, für den Dachdecker, den Malocher vom Bau oder die vom Stehen venengeplagte Verkäuferin mag die Entscheidung anders ausfallen. Wer sich im Arbeitsleben „verbraucht“ hat, soll zum Regeleintrittsalter in die Rente gehen können – oder früher. Und trotzdem von seiner Rente leben können. Wer indes weiterarbeiten will, der soll auch das tun können. Denn Arbeit – abseits von Stress und Belastung – strukturiert den Alltag, schafft Sinnerfüllung, hält viele in einem stabilen sozialen Umfeld. Man leistet einen Beitrag, wird gebraucht. Die Flexirente unterstützt diesen Prozess.

Rente mit 70? Die Debatte um Alter und Rente steckt voller Reizwörter. Unstrittig allerdings ist, dass die Gesellschaft älter wird, dass die umlagenfinanzierte Rentenversicherung Probleme bekommt, wenn die Schere zwischen Beitragszahlern und Leistungsbeziehern immer größer wird – mit dem nicht unbeachtlichen Zusatzproblem, dass auch die Rentenbezugszeiten immer länger werden. Eine an sich erfreuliche Entwicklung, aber eine finanzielle Zwickmühle.

Was spricht nun dagegen, den Rentenbeginn nicht einfach nur nach hinten zu schieben, sondern noch weiter zu flexibilisieren – nach Wunsch und Willen der Betroffenen? Denn die Alten von heute bleiben doch lange Zeit erstaunlich jung, sind voller Lebensfreude und verfügen über Wissen und Erfahrung, an die Jüngere nicht heranreichen. Heynckes, übernehmen Sie.


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06.10.2017 - 06:00 Uhr