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Geographie und Gesellschaft (Teil 1)

Almosen-System wird vom Staat ausgenutzt

Tafel-Läden existieren in den meisten Großstädten. Die ursprünglichen Nutzer sind aber nur noch eine Randgruppe derTafel-Kundschaft. Oft müssen die Läden die Schwächen des Sozialsystems kompensieren.

19.07.2017
  • Timo Sedelmeier

Auf dem Weg durch den Alten Botanischen Garten Tübingens begegnen wir dem Mann, der sich verstohlen umsieht, dann hastig eine Pfandflasche aus dem Mülleimer zieht, sehen die Frau, die demütig knieend bettelt – die Begegnung mit den personifizierten Stereotypen unserer Bilder von Armut ist längst zur täglichen Routine geworden.

So flüchtig die einzelne Begegnung ist, so schnell haben wir sie in der Regel auch wieder vergessen. Wir haben uns schlicht und ergreifend an den Anblick gewöhnt. Dabei ist die Existenz von Armut und Ausgrenzung in einer wohlhabenden Gesellschaft ein Skandal und eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Unser alltägliches Verständnis von Armut ist häufig von Werturteilen und der eigenen Sozialisation geprägt. Ob eine Person als arm angesehen wird oder nicht, liegt im Auge des Betrachters und ist auch in den Wissenschaften keinesfalls eindeutig festgelegt. Hinzu kommt, dass die Einschätzung über das Ausmaß und die Ausgestaltung von Armut ein sozialpolitisch heiß umkämpftes Feld ist, in dem zahlreiche Akteure (Regierung, Opposition, Sozialverbände etc.) um Deutungshoheit ringen.

Die Frage nach einem objektiven Ausmaß von Armut führt daher schnell in die Sackgasse. Vielmehr sollten wir uns fragen, wer sich aus welchen Gründen arm fühlt (subjektive Armut) und wie Betroffene mit ihrer Situation umgehen. Insbesondere Letzteres ist spannend, da bereits seit geraumer Zeit – und noch einmal verschärft im Zuge der Hartz-Reformen – neue Akteure die „Bühne der Fürsorglichkeit“ betreten haben, die jenseits sozialstaatlicher Rechtsansprüche Hilfeleistungen für Bedürftige anbieten und durch ihren „Erfolg“ ein rasches Wachstum erfahren haben.

Ein imposantes Beispiel hierfür sind die Lebensmittel-Tafeln in Deutschland. 1993 als Reaktion auf die wachsende Obdachlosigkeit in Berlin von einer Gruppe engagierter Frauen gegründet, haben sich diese inzwischen über weite Teile Deutschlands verbreitet und versorgen nach eigenen Angaben regelmäßig etwa 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln. Heute existiert in jeder deutschen Großstadt und auch in den meisten Mittelstädten eine Tafel.

Auch im Verbreitungsgebiet des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs befinden sich zahlreiche Tafeln (zum Beispiel in Tübingen, Reutlingen, Rottenburg, Mössingen). Es ist sicher kein Zufall, dass die Dichte des Tafel-Netzes in einem reichen Bundesland wie Baden-Württemberg sehr hoch ist, denn Tafeln entstehen nicht dort, wo die Hilfsbedürftigkeit am größten ist, sondern an den Orten, an denen sich Ehrenamtliche finden, die über die Zeit und Kompetenzen verfügen, eine Tafel zu gründen und zu betreiben sowie potentielle Lebensmittelspender und Sponsoren ansässig sind. Damit ist die Gründung einer Tafel keine Frage der Nachfrage, sondern eine des Angebotes.

Bemerkenswert ist zudem, dass die ursprüngliche Zielgruppe der Obdachlosen auch in der „Tafel-Landschaft“ längst zu einer Randgruppe geworden ist, die anteilsmäßig nicht einmal mehr 2 Prozent aller Nutzer ausmacht. Heute werden die Tafeln vor allem von ALGII-Empfängern und einer zunehmenden Zahl Rentner genutzt.

Diese Entwicklungen sind aus mehreren Gründen alarmierend. Die Versäumnisse sozialstaatlicher Daseinsfürsorge werden durch ein Almosensystem kompensiert, auf dessen Nutzung es keinen rechtlichen Anspruch gibt. Zivilgesellschaftliches Engagement, in politischen Sonntagsreden hochgelobt, wird damit instrumentalisiert und zur Bewältigung von Armutslagen ausgenutzt.

Ausgeblendet wird dabei, dass sich die Betroffenen, die dauerhaft auf Lebensmittelspenden angewiesen sind, schnell als Bürger zweiter Klasse fühlen und der Besuch solcher Einrichtungen mit Schamgefühlen und Stigmatisierung verbunden ist.

Die Folge ist eine weitere soziale Polarisierung und wachsende Zahl von Personen, die sich abgehängt fühlen. Um dem entgegenzuwirken bedarf es mehr als symbolischer Armutsbekämpfung und Lebensmittel-Almosen. Gefragt sind Konzepte, die Menschen befähigen, sich dauerhaft aus prekären Lebenslagen zu befreien.

Foren und Diskussionen beim Geographie-Kongress

Die Deutsche Gesellschaft für Geographie (DGfG) und das Geographische Institut der Universität Tübingen laden vom 30. September bis 5. Oktober zum Deutschen Kongress für Geographie nach Tübingen ein. Das Thema lautet „Eine Welt in Bewegung. Erforschen – Verstehen – Gestalten“ und beschäftigt sich mit den vielfältigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Im Vorfeld des Kongresses veröffentlicht das SCHWÄBISCHE TAGBLATT Beiträge von Wissenschaftlern zu Forschungsthemen aus der Geographie, die auch für unsere Region bedeutsam sind. Neben der Präsentation einzelner Arbeitsrichtungen hat der Kongress zum Ziel, verschiedene Meinungen zu hochaktuellen Themen zu hören und die Öffentlichkeit zur Diskussion einzuladen. Es gibt drei Fachforen, jeweils um 17.15Uhr im Kupferbau-Hörsaal 25: Migration und Flucht (Samstag, 30. September), Naturrisiken und Umweltgefahren (Sonntag, 1. Oktober), Keine Bildung ohne Geographie!? ( Montag, 2. Oktober).

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19.07.2017, 01:00 Uhr
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