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Ein Schnitt fürs Leben

Alexander Bachl würde seine Beschneidung gern rückgängig machen

Der Bundestag hat die religiös motivierte Beschneidung kleiner Jungen gesetzlich erlaubt. Alexander Bachl, selbst beschnitten, kritisiert das. Er leidet bis heute unter den Folgen dieses Rituals.

13.12.2012
  • CHRISTINE BÖHM

Berlin Er dachte, da müsse jeder kleine Junge durch. Narkose, Operation am Penis, starke Schmerzen. "Eigentlich sollte ich damals nur am Ohr operiert werden", sagt Alexander Bachl nachdenklich. Doch als er aufwachte, fühlte er sich hintergangen und weinte tagelang. Seine Eltern hatten ihn aus religiöser Überzeugung beschneiden lassen. Als er sechs Jahre alt war. Der 24-Jährige aus Kassel kann die Entscheidung seiner Eltern - ein Moslem und eine Katholikin - bis heute nicht nachvollziehen.

"Darüber gab es damals keine große Diskussion", erzählt der Maschinenbaustudent. Ihm wurde einfach nichts davon gesagt. Seine Mutter habe keine Bedenken gehabt und nicht geahnt, welche Auswirkungen die Beschneidung für ihn haben würde. Gestern hat der Bundestag die Beschneidung gesetzlich geregelt, weil das Landgericht Köln den Eingriff in einem Einzelfall als Körperverletzung gewertet hatte. Die Diskussion über das Thema hat Alexander Bachl aus einem Zustand der Hilflosigkeit wachgerüttelt.

Es war ein Schock. Sein bester Freund und er spielten draußen und beide mussten aufs Klo. Sie gingen zu einem Busch. Er bemerkte, dass sein Freund, der neben ihm die Hose runtergelassen hatte, nicht beschnitten war. Als Alexander Bachl den Penis des anderen Jungen sah, log er und sagte, dass er nicht mehr müsse. "Das war das erste Mal, dass ich mich geschämt habe. Es sieht so hässlich aus." Erst in diesem Moment wurde ihm klar, dass es kein normaler Vorgang war, dass nicht jeder Junge diese Schmerzen ertragen muss. "Ich hätte es gerne rückgängig gemacht, aber das geht eben nicht", sagt der 24-Jährige wütend.

Seine Eltern hat er immer wieder damit konfrontiert. In seiner Jugend macht er ihnen schwere Vorwürfe, er geht sogar zur Polizei, weil er sie anzeigen will. Doch die "Tat" ist längst verjährt. Mit dem körperlichen Schaden, den er davongetragen hat, kann er sich nicht abfinden. "Mein Vater dachte, ich würde ausgegrenzt, wenn er mich nicht beschneiden lässt." Das Gegenteil ist der Fall. Er bekommt psychische Probleme, fühlt sich minderwertig. Beschneidung - das Wort höre sich so positiv an, findet Alexander Bachl. "Dabei ist es nichts Positives. Ich fühle mich verstümmelt. Aber es ist niemand da, auf den ich zeigen könnte", sagt er. Sein Vater ist im vergangenen Jahr gestorben.

Als der junge Mann vom Urteil des Landgerichtes Köln hört, das zum Schluss kommt, das Kindeswohl sei höher zu bewerten als die Religionsfreiheit der Eltern und ihr Erziehungsrecht, sieht er sich bestätigt. Gefährdet die Beschneidung das Kindeswohl? "Ja", sagt der Student. Den Befürwortern des Gesetzentwurfs der Bundesregierung wirft er fehlende Empathie vor. Der Zentralrat der Muslime schätzt, dass jedes Jahr 48000 Menschen beschnitten werden. Alexander Bachl befürchtet, diese könnten dieselben Probleme bekommen wie er. Seine Eichel ist unempfindlich, darüber hat er schon mit vielen Ärzten gesprochen. "Es wird immer schlimmer", klagt er. "Wenn ich jetzt schon so schwer zum Orgasmus komme, wie soll das erst werden, wenn ich älter bin?"

Im Internet tauscht er sich mit anderen Betroffenen aus. Zu lange hatte er geschwiegen und sich selbst Vorwürfe gemacht. Alexander Bachl wendet sich jetzt an die Politiker in Berlin: Gemeinsam mit anderen Betroffenen versucht er, in die Expertenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestags zu kommen und die Situation aus seiner Sicht zu schildern. Der Versuch scheitert. Genauso ergeht es ihm bei einer Anhörung des Justizministeriums zum Thema Beschneidung. So bleibt ihm nur noch die Möglichkeit, auf der Besuchertribüne Platz zu nehmen.

Gestern, kurz vor der Abstimmung im Bundestag, war Alexander Bachl zu einem Gespräch eingeladen. Dieses Mal war es ein nichtöffentliches Fachgespräch im Familienausschuss, erzählt der Student. "Ich konnte nichts mehr bewirken, aber die Tatsache, dass überhaupt ein Gespräch mit negativ Betroffenen stattfindet, zeugt davon, dass wir endlich gehört werden." Ihm tue es leid um die Kinder, die ab sofort durch die "überstürzte Handlung der Politik trotz aller Kritik und Zweifel beschnitten werden dürfen". Ihnen werde eine späte Einsicht der Politiker nichts nutzen.

Die Befürworter aus den Reihen der Religionsgemeinschaften lassen sich von den Gegenargumenten einzelner Betroffener nicht überzeugen. Die Männer unter ihnen wurden selbst beschnitten und sehen dieses Ritual als wichtigen Bestandteil ihres Lebens an. Seit gestern dürfen Eltern ihre Kinder beschneiden lassen. Der Vorsitzende des Zentralrats des Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, ist sich sicher, dass die legale Beschneidung von Jungen zum Frieden beitrage. Der Akt werde als islamische Tradition und unverzichtbare sowie elementare religiöse Pflicht gepflegt.

Das Kölner Urteil hatte viele Moslems und Juden verunsichert. "Damit jüdisches Leben in Deutschland erhalten bleiben kann", müsse die Beschneidung erlaubt sein, sagt die Bamberger Rabbinerin und Medizinerin Antje Yael Deusel. Und zwar in den ersten Tagen nach der Geburt. Einige Abgeordnete hatten in einem Änderungsantrag zum Gesetzesentwurf gefordert, das Ritual erst ab dem 14. Lebensjahr zuzulassen. So hätten sich die Jungen für oder gegen das Ritual entscheiden können. Deusel hatte die Diskussion mit Sorge beobachtet: "Wer das Gebot zur Beschneidung missachtet, kehrt sich bewusst vom Judentum ab."

Auch unter Medizinern wird das Thema kontrovers diskutiert. Der Ärztliche Direktor des Jüdischen Krankenhauses in Berlin, Kristof Graf, sagt: "Komplikationen bei der Neugeborenenbeschneidung sind äußerst selten." Bei den 1531 Beschneidungen, die die Ärzte im Zeitraum von 2003 bis 2012 vorgenommen hatten, habe es nur in einem Fall eine schwere Komplikation gegeben, weil sich ein Vierjähriger den Verband abgerissen hatte.

Alexander Bachl würde seine Beschneidung gern rückgängig machen
Nur ein kleiner Eingriff? Kritiker der religiös motivierten Beschneidung sehen das anders. Foto: dpa

Alexander Bachl würde seine Beschneidung gern rückgängig machen
Alexander Bachl: Ich fühle mich verstümmelt.

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13.12.2012, 12:00 Uhr
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