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Kein Ende der Versuche

Affenversuche könnten nach 2019 weitergehen / Max-Planck-Institut stoppt Umbau

Nach der Ankündigung des Tübinger Neurowissenschaftlers Nikos Logothetis, nicht mehr an Affen zu forschen, erwägt die Max-Planck-Gesellschaft eine komplette Neuausrichtung des Instituts. Außerdem hat sie die Umbauten an Gehegen und Tierpflegestation gestoppt.

06.05.2015
  • Madeleine Wegner

Tübingen.„Aus unserer Sicht ist es ein Teilerfolg“, sagt Friedrich Muelln von der „Soko Tierschutz“ über die Ankündigung des Tübinger Neurowissenschaftlers Prof. Nikos Logothetis, die Versuche an Affen zu beenden. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Biologische Kybernetik hatte in der vergangenen Woche im Kollegenkreis angekündigt, nach Abschluss der laufenden und bereits genehmigten Experimente an Primaten nur noch an Nagetieren zu forschen.

Muelln führt dies auf den massiven und, wie er betont, friedlichen Protest der Tierschützer zurück. Doch viele MPI-Mitarbeiter – selbst Wissenschaftler völlig anderer Forschungsgebiete – und vor allem Logothetis selbst mussten nicht nur Kritik einstecken, sondern erhielten auch Drohbriefe und -anrufe. Gegen einige Absender laufen derzeit Strafanzeigen. Aus Sicht Muellns seien das keine Tierschützer, sondern „Irre“, die als Trittbrettfahrer den Protest ausnutzen.

Der 65-jährige Neurowissenschaftler Logothetis bedauert, wie er gestern kurz vor Redaktionsschluss mitteilte, dass den „fortwährend falschen Behauptungen und teils illegalen Aktivitäten der Tierrechtler von wissenschaftlichen Organisationen öffentlich nicht energisch genug entgegengetreten“ werde. „Nur Primaten haben vergleichbare Verknüpfungen der Hirnareale und dieselbe Organisation der Hirnrinde wie der Mensch. Ratten sind als Modellorganismus für höhere kognitive Prozesse vollkommen ungeeignet, da bei ihnen bestimmte Hirnstrukturen überhaupt nicht vorhanden sind.“

Laut Christina Beck, Sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft in München, müsse nun mit dem Regierungspräsidium abgestimmt werden, wie lange die eigentlich bis zum Jahr 2019 genehmigten Versuche tatsächlich noch laufen sollen. „Wir haben noch gar keinen Überblick“, sagte Beck. Auf jeden Fall würden die Versuche bis 2016/2017 laufen. Die aktuellen Bauarbeiten am MPI wurden jedoch vorerst gestoppt: Zwei Affenhäuser sollten für vier Millionen Euro modernisiert und eine Tierpflegestation für neun Millionen Euro neu gebaut werden.

In den kommenden Jahren würden an drei Tübinger Max-Planck-Instituten leitende Stellen frei. Deshalb erwäge die Max-Planck-Gesellschaft eine komplette Neuausrichtung des Forschungsgebiets. Aber: „Natürlich kann es weiterhin auch Primatenforschung geben“, so Beck.

Tübingens Bedeutung als Standort für Neurowissenschaften sieht Karl Guido Rijkhoek, Sprecher der Universität, nicht gefährdet. Denn das Forschungsgebiet sei in Tübingen breit aufgestellt. Das MPI ist nicht das einzige Institut in Tübingen, das an Affen forscht. Die „Soko Tierschutz“ hat nun angekündigt, auch diese Institutionen ins Visier zu nehmen. „Mir ist nicht bang vor der Auseinandersetzung mit Tierversuchsgegnern“, sagte Rijkhoek. Wichtig sei es, Sinn und Nutzen der jeweiligen Experimente zu erklären. Beispiel: die neu entwickelten Impfstoffe gegen Malaria und Ebola. Sie würde es ohne Versuche an Primaten nicht geben.

„Dass ein Hirnforscher die jahrelang betriebene Affenhirnforschung einstellt, macht einmal mehr deutlich, dass diese qualvollen Versuche entbehrlich sind“, sagte Corina Gericke, Vorsitzende von „Ärzte gegen Tierversuche“. Gerade diese Argumentation und „Umdeutung“ von Logothetis’ Entscheidung kritisierte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer als zynisch.

Das Gehirn lieber am Menschen erforschen

Die „Soko Tierschutz“ hatte im September vergangenen Jahres über die Sendung „SternTV“ Filmmaterial ausstrahlen lassen, das ein als Mitarbeiter des Tübinger Max-Planck-Instituts (MPI) eingeschleuster Tierschützer gemacht haben soll. Darauf sind Rhesus-Affen mit blutenden Köpfen, Tiere in Panik und sich erbrechende Affen zu sehen. Die Organisation will sich auch weiterhin dafür einsetzen, dass jegliche Versuche an Tieren eingestellt werden – egal, ob Ratte, Zebrafisch oder Krähe, so Muelln. Weitere Demos seien bereits für Mai und Juni geplant.

In der Stellungnahme von „Ärzte gegen Tierversuche“ heißt es, die Forschung an Ratten sei unsinnig und ethisch nicht zu rechtfertigen. Hirnforschung direkt am Menschen hingegen – ohne diesem zu schaden, beispielsweise mit modernen Bildgebenden Verfahren – sei sinnvoll und medizinisch relevant. „Besonders absurd“, ist laut Christina Beck dabei jedoch, dass Logothetis mit seiner Forschung dazu beigetragen habe, Bildgebende Verfahren weiter zu entwickeln und die Bilder aus der Magnetresonanztomografie besser entschlüsseln zu können.

Logothetis‘ Entscheidung, künftig ausschließlich an Nagetieren zu forschen, wird Auswirkungen auf sein Forschungsgebiet haben, das letztlich stark eingegrenzt wird. „Die Fragestellungen sind dann andere“, sagte Beck. Eine Lehre habe die Max-Planck-Gesellschaft laut Beck aus den vergangenen Monaten in jedem Fall gezogen: „Wir müssen offensichtlich noch offener mit unseren Forschungsvorhaben umgehen.“

Ob Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer oder Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer: Die Politiker bedauerten Logothetis‘ Entscheidung und unterstrichen die Notwendigkeit von Tierversuchen an Primaten, aber auch die Entwicklung alternativer Methoden, die von Bund und Land gefördert werde. Sowohl Politiker als auch Wissenschaftler plädierten für einen offeneren Dialog über das Thema Tierversuche.

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06.05.2015, 06:30 Uhr
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