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Computer statt Affen

„Ärzte gegen Tierversuche“ werben für andere Forschungsmethoden

Es gibt sie, die Forschung ohne Tierversuche, und es müsse auch nicht am Menschen getestet werden, wie viele befürchten: Das sagen die „Ärzte gegen Tierversuche“.

20.07.2010
  • Ruth Juraschitz, 17

Die Tübinger Affenversuche müssten laut Silke Bitz, der Pressesprecherin von „Ärzte gegen Tierversuche“, gar nicht ersetzt werden. Sie gehören ihrer Meinung nach vielmehr abgeschafft, da es hier „um zweckfreie Grundlagenforschung geht“. Die Erkenntnisse dieser Grundlagenforschung nützten dem medizinischen Fortschritt nicht, außerdem sei es „nicht zu rechtfertigen, dass die Tiere derartigen Qualen ausgesetzt werden“.

Die Forscher bringen die Affen dazu, die gewünschten Vorgänge auszuführen, indem sie ihnen nicht zu trinken geben, sondern die Flüssigkeit erst als Belohnung nach einer Aufgabe verabreichen. Außerdem fixieren sie die Köpfe der Affen, so dass die Tiere ihren Kopf nicht mehr bewegen können. Versuche mit Freiwilligen, denen nur der Kopf fixiert wurde, brach man laut „Ärzte gegen Tierversuche“ ab, weil sie zu qualvoll für die Testpersonen waren. Außerdem sei noch zu bedenken, dass den Testpersonen nicht zuvor ein Loch in die Schädeldecke gebohrt und keine Messelektroden ins Hirn eingeführt wurden.

Die „Ärzte gegen Tierversuche“ werben statt dessen für tierversuchsfreie Forschungsmethoden: Mit der Computertomographie lässt sich zum Beispiel das Gehirn von gesunden und kranken Menschen mit all seinen Funktionen dreidimensional darstellen. Forscher/innen können so Unterschiede und Gemeinsamkeiten des gesunden und des erkrankten Gehirns studieren. Die Forschung an menschlichen Gehirntumoren, die bei Operationen entfernt werden, kann dabei helfen, Therapien zu entwickeln. „Die Wechselbeziehung zwischen Hirnzellen und die Signalweiterleitung funktionieren im Zellsystem wie im lebenden Organismus, können jedoch ohne Tierleid erforscht werden“, erläutert Bitz. Die Kombination verschiedener tierversuchsfreier Methoden liefere eine Fülle an wertvollen Erkenntnissen, und nur dies „trägt zur wirklichen medizinischen Wissenserweiterung über Organfunktionen, Abläufe im Gehirn und Krankheiten des Menschen bei“. Außerdem sei die Forschung am Affenhirn in Bezug auf die Heilung menschlicher Krankheiten zum Scheitern verurteilt, da es große Unterschiede zwischen dem menschlichen Gehirn und dem eines Affen gibt. So sei die Oberfläche der menschlichen Hirnrinde zehnmal größer als die der Affen, und deren Hirn habe keine Bereiche für Sprache, Lesen, Musik.

Ein großes Erfolgserlebnis mit der tierversuchsfreien Forschung hatten die portugiesischen Neurowissenschaftler Antonia und Hanna Damasio. Sie beobachteten Patient(inn)en mit Hirnschädigung und brachten ihre Verhaltensweisen mit den beschädigten Teilen des Gehirns in Zusammenhang. Besonders zu Schlaganfällen gewann das Ärtzepaar wichtige Erkenntnisse. Die beiden Forscher zählen zu den weltweit angesehensten Neurologen.

Zwei Methoden kommen in der tierversuchsfreien Forschung am häufigsten zum Einsatz: das In-vitro-Verfahren und das In-silico-Verfahren. In-vitro kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „im Reagenzglas“. Bei dieser Methode wird an schmerzfreiem Material in Form von menschlichen Zellen, Gewebe und Organpräparaten geforscht. Bei der In-silico-Methode dagegen forscht man an hochentwickelten Computerprogrammen. Beide Verfahren sind, nach Quellen der Initiative, um einiges billiger und effektiver, da die Ergebnisse der tierversuchsfreien Forschung direkt auf den Menschen bezogene Ergebnisse liefern, die Ergebnisse von Tierversuchen dagegen immer ein Risiko bergen. Schon häufig stellten sich Medikamente, die an Tieren als ungefährlich eingestuft wurden, als schädlich für den Menschen heraus. Die Versuche an Tieren mit Contergan erwiesen sich für die meisten Tiere als gut verträglich, beim Menschen hingegen führte es zu Missbildungen. Penicillin ist für Menschen lebensrettend, für Meerschweinchen schädlich.

Warum aber werden weiterhin zig Millionen (Steuer-) Gelder in Tierversuchslabore gesteckt, während die Förderung von Alternativmethoden sich auf jährlich maximal vier Millionen beläuft? „Viele Branchen sind am Erhalt des Systems ,Tierversuch‘ interessiert, da sie davon profitieren“, erklärt Bitz. Zum Beispiel die Forscher/innen selbst, die hohe Fördergelder erhalten, ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen und daraufhin noch mehr Fördergelder bekommen. „Es ist ein sich selbst erhaltendes System, das also nicht wissenschaftliche Gründe hat, sondern Veröffentlichungen, das Erlangen von Titeln und Anerkennung stehen im Vordergrund“, meint die Diplombiologin. Außerdem verdienten Tierzüchter, Laboreinrichter und viele andere an den Versuchen. Auch die Pharmaindustrie profitiert laut „Ärzte gegen Tierversuche“ davon. Wenn mit einem Medikament nämlich etwas schief geht, könne der Hersteller auf Tierversuche verweisen, bei denen diese Nebenwirkungen nicht auftraten, und die Hände in Unschuld waschen.

„Ärzte gegen Tierversuche“ werben für andere Forschungsmethoden
Es hätte auch anders kommen können... Karikatur: Rike Braitmayer, 20

„Ärzte gegen Tierversuche“ werben für andere Forschungsmethoden
„Willkommen in Tübingen, Stadt der Tierversuche“ steht auf diesem Protest-Flyer: An der Uni, am Max-Planck- und am Hertie-Institut werden Versuche an Affen durchgeführt. Bild: Ruth Juraschitz

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20.07.2010, 12:00 Uhr
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