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Günter Grass bangt um den "Adler"

500 Jahre altes Gasthaus von Schließung bedroht

Literaturnobelpreisträger Günter Grass setzt sich für den Gasthof ein, in dem er berühmt wurde: den "Adler" in Großholzleute. Er wünscht, dass die von der Schließung bedrohte Wirtschaft erhalten bleibt.

02.04.2013
  • RAIMUND WEIBLE

Der Vorfall liegt jetzt fast 55 Jahre zurück, doch der Literaturnobelpreisträger erinnert sich noch bestens daran. Im Wirtshaus "Adler" von Großholzleute, einem Allgäudorf an der Grenze zu Bayern, las Günter Grass im Oktober 1958 seinen Schriftstellerkollegen von der Gruppe 47 zwei Kapitel aus seiner noch unvollendeten "Blechtrommel" vor. Die Literaten waren hellauf begeistert.

"Schon nach wenigen Sätzen ist der Saal wie elektrisiert", schildert Gruppe-47-Initiator Hans Werner Richter die Szene in dem Wirtshaussaal mit dem damals erst 31-jährigen, noch völlig unbekannten Grass. Einen Tag später erkannte ihm die Runde, darunter auch Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki, 5000 Euro als Preis für das Werk zu, das heute zur Weltliteratur zählt.

Auch die Preisvergabe hat Grass nicht vergessen. "In der Gewichtung ist mir dieser Preis bedeutender als manch anderer Preis, der mir später verliehen wurde", schreibt Grass auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE, "mit seiner Hilfe konnte ich das Manuskript ungestört abschließen."

Der "Adler" ist ein ganz besonderer Gasthof. Die in der Grundstruktur mehr als 500 Jahre alte Wirtschaft gehört zu den ältesten Baden-Württembergs. Der Gastraum bewahrte das Flair einer Posthalterei von Thurn und Taxis. "Das ist ein authentisches Zeugnis vergangener Wirtshauskultur", urteilt der Tübinger Regierungspräsident Hermann Strampfer. Er hat den "Adler" vergangenen November zum Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung erklärt. Mit eingeschlossen dabei das antike Mobiliar, den Wandschmuck und die Sammlung von Gästebüchern. In den bunt illustrierten Büchern haben sich prominente Gäste verewigt, darunter eben auch Grass, Carl Zuckmayer oder Max Frisch.

Der "Adler" ist im Moment noch in Betrieb, aber ihm droht die Schließung. Der Eigentümer Stefan Alt will den Gasthof aufgeben. Der Biokost-Liebhaber will sich mit seiner Lebensgefährtin Adelheid Schmid in Südafrika eine neue Existenz aufbauen. Sie planen dort Dinkel anzupflanzen. Seit über einem Jahr sucht er nun einen Käufer für die Wirtschaft. Viele Interessenten haben das historische Gebäude besichtigt, keiner hat aber bisher angebissen. Und das, obwohl der wie auf Kohlen sitzende Alt den Kaufpreis inzwischen auf 248 000 Euro reduziert hat.

Das Schicksal der mit seiner Biographie so eng verbundenen Wirtschaft ist Günter Grass nicht gleichgültig. Er fände es schade, schreibt er aus Lübeck, "wenn der 500 Jahre alte Gasthof Adler den Tendenzen der Zeit folgend zu Grunde geht". Mit dem "Adler" verschwände, so Grass, "nicht nur ein Stück lokaler Geschichte, sondern auch ein Stück deutscher Literaturgeschichte". Abschließend notiert der Schriftsteller: "Ich würde mir wünschen, dass sich noch ein Weg findet, den "Adler" am Leben zu erhalten."

Dafür setzt sich auch Regierungspräsident Strampfer ein, der als Gastwirtssohn Wirtshauskultur sehr zu schätzen weiß. Einen Mitstreiter hat er dabei in Rudi Holzberger, der in Oberschwaben und dem Allgäu die "LandZunge" initiiert hat. Das ist ein Netzwerk von Gastwirten, die auf regionale Produkte setzen. Für Holzberger ist der "Adler" nicht nur deswegen von Bedeutung, weil in der Herberge erlauchte Prominenz abgestiegen ist: Kaiserin Maria Theresia soll sich 1768 dort erquickt haben, ihre Tochter Marie Antoinette, die spätere französische Königin, legte auf der Fahrt nach Paris 1770 einen Stopp im "Adler" ein und die englische Prinzessin Anne war 1987 zu Gast.

Der "Adler" ist auch ein Symbol für die Anfänge des Skitourismus. "Für den Schwäbischen Skiverband war er der Standort schlechthin", weiß Holzberger, der über die Adelegg, dem Höhenzug zwischen Isny, Kempten und Immenstadt ein Buch geschrieben hat. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Alpen für den Skisport weder entdeckt noch erschlossen waren, fuhren die Stuttgarter, Ulmer und Rottweiler mit dem Zug nach Großholzleute, bezogen Zimmer im "Adler" und fuhren die Schletter-Alpe hinunter. "Das war der erste gscheite Buckel, von Stuttgart aus gesehen", erzählt Holzberger.

Der Autor mahnt, dem Kleinod "Adler" gerecht zu werden und jetzt eine Lösung zu finden, die dessen historischer Bedeutung auch entspricht. Man müsse ihn in das richtige Licht rücken, ihn durchgreifend sanieren und zu einem kulturellen Anziehungspunkt machen. Deswegen ruft Holzberger die Stadt Isny auf, zu der Großholzleute gehört, sich um das Denkmal zu kümmern. "Wenn sie das nicht tut, dann gehört sie bestraft", insistiert Holzberger.

Isnys Bürgermeister Rainer Magenreuter weiß um das besondere Bauwerk, kann sich aber ein finanzieller Engagement von Isny nicht vorstellen. "Wir haben in den kommenden Jahren so viele Aufgaben zu erledigen, da muss ich bremsen", sagt Magenreuter. Er hofft darauf, dass Investoren aus der Region einsteigen, Gespräche würden geführt. Was ihr Ergebnis angeht, zeigt sich der Bürgermeister "zurückhaltend optimistisch".

Auch Gastwirt Stefan Alt bestätigt, dass es Gespräche mit solventen Partnern gibt. "Aber es ist noch nichts spruchreif." Er hofft nun darauf, dass die Fürsprache des berühmten Günter Grass Wirkung zeigt.

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02.04.2013, 12:00 Uhr
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