Über Punk-Rock aus Reutlingen

30 Jahre Sumpfpäpste in einem Dokumentarfilm

Von Bernhard Haage

Kürzlich wurde im Reutlinger Jugendhaus Bastille ein Dokumentarfilm präsentiert, der sich hinter vergleichbaren professionellen Werken nicht zu verstecken braucht.

Filmemacher Andreas Zimmermann hat die 30-jährige Geschichte der Reutlinger Punk-Rock-Band Sumpfpäpste dokumentiert. Entstanden ist dabei weit mehr als ein reines Bandporträt: Der 45-minütige Streifen, der wohl demnächst auch auf der Internetplattform Youtube zu sehen sein wird, hat sehr authentisch das Lebensgefühl Punk der 80er- und 90er Jahre in der Region eingefangen.

Konzertausschnitte, aber vor allem Interviews mit allen zwölf Bandmitgliedern der letzten drei Jahrzehnte zeichnen feinfühlig ein Bild zwischen harter Musik und sozialer Einstellung, zwischen exzessiver Party und Freundschaft. Als Urgestein der „Päpste“ ist Gitarrist Markus „Roderich“ Schneller heute noch als einziges Gründungsmitglied dabei. Typisch und stilprägend ist sein selbst erlernter Anschlagstil: „Immer von einer Saite runter, nie rauf.“ Keiner grinst schöner als Schneller, wenn er solche musikwissenschaftlichen Details erläutert. Zusammen mit Virus alias Roland Schönwald (Schlagzeug), Wolfgang Haese (Bass) und Michael Schmidt (Gesang) spielte er bereits in der Urformation, die nur knapp an gruseligen Namen wie „Kadaverklöpse“ oder „Pink Sabbath“ vorbeischrammte. Zuvor hatten die Bandmitglieder bereits bei den ersten Reutlinger Punk-Rock-Bands „Konsumterror“ und „Genossen“ mitgemischt.

Interessanterweise einigten sich die Sumpfpäpste auf englische Texte. Es dauerte nicht lange, bis sie auch viele Auftritte und Tourneen im Ausland, etwa in Polen, Ungarn oder Belgien, spielten. Grundlage für diesen Erfolg war eine 1988 im Kong-Studio (unter einem Laden in der Karlstraße) aufgenommene Musikkassette, die auf durchweg positive Resonanz in Fanzines und Fachzeitschriften stieß.

Der richtige Durchbruch allerdings kam dann mit der Langspielplatte „See what it is“, die 1990 in den legendären Marquee-Tonstudios von Terry Henderson und Hardy Heinlin im alten Milchwerk aufgenommen wurde. Letzter, verrät Markus Schneller im Interview, hatte einen interessanten Lebensrhythmus: „Drei Tage wach bleiben und dann zwei Tage komplett durchschlafen.“ Dabei ernährte er sich nahezu ausschließlich von Chips mit Ketchup und Spezi.

Der Platte hat das nicht geschadet. Sie wurde sogar in den USA besprochen – und ein New Yorker Fan der Band kommt auch in der Dokumentation zu Wort: „Aus Deutschland kommen gute Autos, Spitzentechnologie und richtig gute Punk-Musik“, beschreibt er seinen Blick über den Großen Teich. Michael Schmidt wiederum schildert, wie es bei den energiegeladenen Konzerten damals zuging: „Stagediving umgekehrt – die Leute flogen auf die Bühne.“

Legendär auch die Erinnerung an einen Auftritt in der Justizvollzugsanstalt in Rottenburg. Die Gefangenen waren erfreut über die kulturelle Abwechslung, eine scherzhafte Einladung wäre den Sumpfpäpsten allerdings beinahe zum Verhängnis geworden: „Wir spielen heute Abend in einer Pizzeria in Reutlingen, ihr seid alle eingeladen!“ Das Wachpersonal hatte alle Hände voll zu tun, einen Tumult zu verhindern und die Band aus der Schusslinie zu bringen.

Übrigens waren bis zum Sonntag auch Exponate von Markus Schneller (zum Beispiel ein selbst gebastelter Gitarrenverzerrer) bei der Ausstellung „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ im Württembergischen Kunstverein zu bewundern. Ein Hinweis darauf, wie überschaubar die Punk-Rock-Szene zwischen Stuttgart und Bodensee Ende der 80er Jahre war. Die Bands kannten sich fast alle und trafen sich immer wieder bei Konzerten. Es ist ein besonderes Verdienst dieses Filmes, dass er das authentische Zeitgefühl dieser subkulturellen Szene und ihrer Zeit mit großer Empathie eingefangen hat. Eine Zeitreise, die Spaß macht.


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05.10.2017 - 01:00 Uhr