Restvertrauen in den Spitzensport längst aufgebraucht
75 Jahre und kein bisschen leise. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist Hansjörg Kofink, lange Bundesvorsitzender des Deutschen Sportlehrerverbandes, ein scharfer Kritiker von Doping im Hochleistungssport.
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KLAUS VESTEWIG
Scharfer Kritiker des Hochleistungssports: Hansjörg Kofink. Archivfoto
Herr Kofink, gerade sind die ersten Olympischen Jugend-Winterspiele der 14- bis 18-Jährigen zu Ende gegangen. Die meisten der deutschen Teilnehmer kommen aus Eliteschulen des Sports. Gehen Sie davon aus, dass wenigstens bei Jugendspielen Doping keine Rolle spielt?
HANSJÖRG KOFINK: Da wird auch schon gedopt. Die kommen doch aus demselben Stall, das macht doch bei 18-Jährigen keinen Unterschied. Man muss die jungen Leute warnen. Wer Olympiasieger werden will, spielt mit dem, was er hat. Der muss damit rechnen, dass er geistig und körperlich auf der Strecke bleibt.
Bei Olympia gab es in den vergangenen Jahren nur noch wenige Dopingfälle. Wird also weniger gedopt?
KOFINK: Dopingkontrolleure und Dopingtäter sind Fachleute mit gleichen wissenschaftlichen Voraussetzungen. Die Epo-Produktion weltweit ist erheblich höher als das, was die Humanmedizin braucht. Es gibt Hinweise, dass Pharmazie-Firmen die Mittel in Ländern, die noch eher rückständig sind, ausprobieren. Für den Nachweis gibt es immer schlechtere Karten, die andere Seite arbeitet genauso professionell. Der Hochleistungssport ist in vielen Fällen ein Experimentierfeld für die Pharmazie. In der Anti-Aging-Medizin werden exakt dieselben Mittel verabreicht wie beim Doping.
Wieviele der ersten Zehn bei Olympischen Spielen sind gedopt?
KOFINK: Im Zweifel alle, gerade in Schnellkraft-Disziplinen, im Sprint, auch das Gewichtheben ist ein Trauerspiel, ebenso das Profi-Boxen. Und im Radfahren hat sich seit zehn Jahren nichts getan, da ist nichts mehr zu retten. In Sportarten, in denen viel Geld verdient werden kann, kann man davon ausgehen, dass gedopt wird.
Welche Sportarten sind Ihrer Einschätzung nach am meisten von Doping verseucht?
KOFINK: Populäre Sportarten wie Leichtathletik und Schwimmen. Baseball ist dopingverseucht, auch NBA und NHL. Ich nehme nichts aus. Im Fußball immer wird von koordinativen Fähigkeiten gesprochen, aber Koordination basiert auf Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer. Wenn man bedenkt, welche Strecken in km ein Spieler inzwischen auf dem Feld zurücklegt. . . Handball gilt ohnehin als Voltaren-Liga.
Der 100-m-Weltrekord von Usain Bolt liegt bei 9,58 Sekunden. Ist so eine Leistung ohne Doping möglich?
KOFINK: Das können selbst Fachleute aus der Humanmedizin nicht eindeutig beantworten. Es gibt inzwischen eine Menge Mittel wie Wachstumshormone, die nur, wenn überhaupt, in einem kleinen Zeitfenster nachgewiesen werden können. Und beim Gen-Doping, von dem ich befürchte, dass es weit fortgeschritten ist, kann man früh Epo-Produkte in den Körper bringen.
Ist die Anti-Doping-Politik des Deutschen Olympischen Sportbundes glaubhaft?
KOFINK: Es gibt keine Anti-Doping-Politik, unsere ist besonders wenig glaubhaft. Das ist reine Volksverdummung. Führende Kriminalisten bestätigen, dass in Deutschland die Rendite im Doping die des Drogenbereichs übertrifft. Es gibt auch eine Reihe von Staaten wie z. B. Spanien, die richtig die Hand über den Sport halten. Aber auch in der Bundesrepublik ist es nicht schön für Politiker, wenn sie sich mit Dopingdingen gemein machen müssen. Klar ist es schöner für eine Kanzlerin, in die Kabine zu gehen und sich mit Spielern fotografieren zu lassen.
Es gibt Dokumente, die belegen, dass es auch in Westdeutschland zwar vielleicht kein flächendeckendes, aber doch ein systematisches Doping gab. Wie ist Ihre Meinung dazu?
KOFINK: Es hat immer Ost-West-Kontakte gegeben. Ich habe zum ersten Mal Mitte der 60er-Jahre von Anabolika-Doping gehört. Man darf doch nicht glauben, dass wir gegen das Staatsplan-Doping der DDR lediglich Gebete gen Himmel geschickt haben. Ganz klar: Die Spitze der deutschen Sportfunktionäre hat davon gewusst.
Würden Sie sagen, dass die Vereinigung im deutschen Sport 1990 hinsichtlich der Doping-Problematik verunglückt ist?
KOFINK: So milde drücke ich es nicht aus. Was passiert ist, hat den Schuldcharakter, den man sich im und nach dem zweiten Weltkrieg geleistet hat. Für eineinhalb Jahre hatte man die Chance, mit dem Wahnsinn aufzuhören. Manfred von Richthofen hat 1991 die ,schwarze Liste seiner Kommission dementiert. Wäre er zurückgetreten, wäre der Sport in Deutschland anders gelaufen. Was Talentfindung und Staatssport betrifft, hat die DDR gewonnen, weil wir nur den Erfolg wollten. Die Vereinigung war der Tiefpunkt für den deutschen Sport. Auch wenn ich vielleicht einigen Sportärzten Unrecht tue: Von dieser Generation traue ich keinem.
Könnte man Kinder und Jugendliche über den Schulsport für einen dopingfreien Sport sensibilisieren?
KOFINK: Für mich hat der Sport in der Schule überhaupt nichts mehr mit dem Hochleistungssport zu tun. Man muss jungen Leuten deutlich sagen: Wenn Du heute in die Bundesliga gehen willst oder zu Olympia, dann musst Du damit rechnen, dass die Vorbereitung nicht von Dir gesteuert wird.
Ist der Kampf gegen den Dopingmissbrauch jemals zu gewinnen?
KOFINK: Dieser Sport, der gegen Geld zum Zwecke der Unterhaltung betrieben wird, will, kann und braucht nicht gerettet werden. Wir sind fasziniert von der Leistung, aber das ist nicht vorbildhaft. Junge Sportler dürfen da nicht unbedarft reingehen. ,Der Sport sind nicht die wenigen Prozent, die das meiste Geld umsetzen. Das ist wirtschaftlich orientiertes Unterhaltungsgewerbe, mit Sport hat das eigentlich nichts zu tun. Mein Restvertrauen in den Spitzensport ist längst aufgebraucht.