01.09.2010 Drucken Empfehlen
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Die integrative Kraft des Fußballs

Förderung von Migranten bringt beiden Seiten Vorteile

In der Fußball-Nationalmannschaft sind Spieler mit Migrationshintergrund mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Doch auch im Amateurbereich hilft dieser Sport längst bei der Integration.

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MARTIN TRÖSTER
Artikelbild: Förderung von Migranten bringt beiden Seiten Vorteile Früh übt sich. Was die Integration von Ausländer-Kindern bewirken kann, hat sich zuletzt bei der Fußball-WM in Südafrika gezeigt. Archivfoto

Frankfurt Dass es Migranten im deutschen Fußball nicht allzu schlecht zu gehen scheint, bekam zuletzt vor allem das Ausland zu spüren - allen voran Argentinien und England, die bei der WM in Südafrika von Joachim Löws Multi-Kulti-Mannschaft bezwungen wurden. Diese Sternstunden der deutschen Sportgeschichte haben ihren Ursprung in einer - zumindest für deutsche Verhältnisse - mittleren Katastrophe aus dem Jahr 1998. Da hatte Kroatien eine DFB-Elf ohne einen einzigen Migranten, dafür aber mit einem nahezu biblischen Durchschnittsalter von 30,28 Jahren und Kämpen wie Wörns, dem späten Klinsmann und dem noch späteren Matthäus mit 3:0 vom Platz gefegt.

Doch spätestens seit diesem Sommer gilt der Fußball als Integrations-Vorreiter, die kickenden Gastarbeiterkinder und -enkel unter dem DFB-Banner als Lichtgestalten eines offenen Deutschlands. Zweifellos habe der Sport, insbesondere der Fußball "große integrative Potenziale", wie es Gunter Pilz, Professor für Sportwissenschaften an der Universität Hannover, ausdrückt. Sport, so Pilz, habe den "Riesenvorteil", dass er Menschen zusammenbringe, die ansonsten eher wenig miteinander zu tun hätten.

Insgesamt attestiert Pilz dem DFB in der Förderung von Migranten eine "Vorreiterrolle". Zur gezielten Förderung gehört neben Jugendinternaten und einem verdichteten Scout-Netz auch die Vergabe eines Integrationspreises, der in diesem Jahr unter anderem an die Tübinger Bildungseinrichtung InFö e.V. vergeben wurde. Auch wenn die Hauptaufgabe der Einrichtung in Sprachkursen für Migranten liegt, hat sich der Fußball einen festen Platz im Konzept erspielt: "Mit Fußball kann einfach jeder irgendwas anfangen", sagt Geschäftsführerin Margarete Lanig-Herold. Sie kennt die integrative Wirkung von Fußball. Sie kennt aber auch einige seiner zahlreichen, meist kleinen Stolpersteine: Sobald jemand das gesellige, aber zwanglose Kicken ernster nimmt, kontaktiert Lanig-Herold die Vereine aus den Wohnorten der meist jungen Männer. Bisher seien die Vereine immer aufgeschlossen gewesen, besonders Südamerikaner seien begehrt und sollen meist gleich Mitglied werden. Dieser formale Zwang aber schrecke viele ab. "So viel Offizielles sind die einfach nicht gewohnt." Bei arabischstämmigen Spielern hingegen lernte Lanig-Herold Vorbehalte auf beiden Seiten kennen: Ein Problem für die Vereine könne sein, dass sie befürchten, im Ramadan, dem islamischen Fastenmonat, auf ihre Spieler verzichten zu müssen. Umgekehrt haben viele Araber Schwierigkeiten mit der Kleiderordnung, etwa den kurzen Hosen.

Die Integration von Migranten könne nicht Hauptaufgabe von Freizeitsportlern sein - erst recht nicht angesichts des rückläufigen Engagements im Ehrenamt, bei dem Migranten ohnehin unterrepräsentiert seien, sagt Pilz. In Baden-Württemberg sind laut einer Erhebung der Sporthochschule Köln von 2008 immerhin 18 Prozent der Mitglieder Migranten - ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt im Südwesten bei etwa 25 Prozent. Speziell für den Fußball gibt es laut Württembergischem Fußballverband (WFV) keine Daten. Viele Migranten gehen daher immer noch zu einem Verein, in dem sie auf andere Migranten treffen. Auch wenn Lanig-Herold für ihre Schützlinge lieber die alteingesessenen, schwäbischen Vereine anfragt, sieht sie darin für viele eine "gute Möglichkeit, hier Fuß zu fassen". Dass sich außerdem mittlerweile beide Seiten öffnen, kann David Biedermann vom WFV bestätigen: "Genauso wie bei Vereinen mit deutschem Namen Migranten eine Selbstverständlichkeit sind, kommen mittlerweile auch viele Deutsche zu Vereinen mit türkischem Namen."

Frank Kalter, Soziologie-Professor in Mannheim, betont, das sportliche Leistungsprinzip sei auch für Migranten ein durchaus zweischneidiges Schwert - vor allem wenn es an den Aufstieg in die Profiebene geht: Einerseits träten äußere Merkmale wie Haut- und Sprachfärbung etwas in den Hintergrund. Andererseits könnten "im relativ gnadenlosen Leistungssport benachteiligte Gruppen noch stärker benachteiligt werden". Immerhin könnten hier bereits vermeintlich kleine Nachteile eine Karriere entscheiden. Ab einer bestimmten Grenze hingegen gelinge es auch Migranten, dauerhaft Fuß zu fassen: "Wer einmal in der C-Jugend von Hoffenheim kickt, hat zumindest mal den wichtigen Anfang geschafft", sagt Kalter.

01.09.2010 - 08:30 Uhr
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