Es hatte sich zuletzt der Eindruck aufgedrängt, als ginge es um den Posten des Bundeskanzlers oder sogar um den des Bundespräsidenten als höchstem Repräsentanten Deutschlands. Dabei ging es NUR um den Job des Kapitäns der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
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Landauf, landab wurde darüber debattiert, ob denn der "alte" Kapitän Michael Ballack oder der Herausforderer Philipp Lahm der bessere sei. Gesellschaftliche Modelle wurden diskutiert, "flache Hierarchien" thematisiert, Fußballer-Generationen von Seeler bis Gomez analysiert - sogar im Feuilleton. Ein Unternehmensberater erklärte, dass der "Capitano" mit seinem autoritären Führungsstil nicht mehr ins veränderte Team passe. Ganz Politiker erklärte Bundestrainer Joachim Löw zuletzt immer wieder, er lasse sich von der Öffentlichkeit nicht unter Druck setzen, er werde schon rechtzeitig und natürlich richtig entscheiden.
Nun hat Joachim Löw entschieden - und irgendwie auch nicht. Typisch Löw eben. Ballack bleibt im Prinzip Kapitän, wenn er wieder in der Nationalmannschaft spielt, sonst ist Philipp Lahm der Kapitän mit der Lizenz, über Prämien zu verhandeln und nach einem schlechten Spiel per TV die ersten nichtssagenden Sätze loswerden zu dürfen.
Es ist ein herrlich großes, offenes Hintertürchen, das der Bundestrainer mal wieder gefunden hat, was ihn langsam zum Kandidaten für den Friedensnobelpreis werden lässt. Denn nicht wenige Experten erwarten genau das nicht: Nämlich dass der 33-jährige Leverkusener jemals wieder in die Topform kommt, um Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira im zentralen Mittelfeld leistungsmäßig zu verdrängen. Durch Löws Entscheidung hat niemand das Gesicht verloren - er hat einen Weg vorbei am großen Krach gefunden. THOMAS GOTTHARDT.